«Ich konnte kaum glauben, dass mein Wunsch in Erfüllung geht»: Eine sehbehinderte Sarganserin erhält von «Ostschweizer helfen Ostschweizern» eine neue Brille

Christa Niederer ist seit Geburt sehbehindert. Dass ihr die Weihnachtsaktion Ostschweizer helfen Ostschweizern für 1000 Franken eine neue Brille schenkt, macht die 30-jährige Sarganserin überglücklich.

Stephanie Martina
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Christa Niederer freut sich auf ihre neue Brille – auch wenn sie wegen der dicken Gläser nicht jedes Brillengestell tragen kann, das ihr gefällt. (Bild: Michel Canonica)

Christa Niederer freut sich auf ihre neue Brille – auch wenn sie wegen der dicken Gläser nicht jedes Brillengestell tragen kann, das ihr gefällt. (Bild: Michel Canonica)

Als hätte jemand mit Wasserfarben auf nasses Papier gemalt. So sieht Christa Niederer die Welt, wenn sie ihre Brille nicht trägt. Die Farben fliessen ineinander, Konturen verlaufen, alles verschwimmt. Die Sarganserin ist seit Geburt an sehbehindert. Trotz Brille beträgt ihre Sehkraft nur 60 Prozent. Sie leidet an Grünem Star und Augenzittern. «Damit Grüner Star operiert werden kann, muss das Auge komplett ruhig sein. Da sich meine Pupillen aber ruckartig bewegen können, haben mir meine Ärzte von einem Eingriff abgeraten», erklärt Niederer.

Die IV-Bezügerin hat sich damit abgefunden, dass ihre Augenerkrankung unheilbar ist – und auch damit, dass sie nie wird Autofahren dürfen. Sie sei dankbar, dass sie überhaupt sehen könne.

«Vor allem als ich in der Pubertät war und sich mein Körper veränderte, befürchteten die Spezialisten, dass ich erblinden könnte. Zum Glück blieb mein Augendruck aber stabil – dank Medikamenten ist er es bis heute.»

Dass sie ihr Augenlicht irgendwann vollständig verlieren könnte, darüber möchte die 30-Jährige nicht nachdenken. Niederer fokussiert sich lieber auf das Positive. Das ist auch ihrer Wohnung anzusehen. Sie ist kunterbunt eingerichtet und wirkt fröhlich. Auf einer Anrichte stehen kleine Dekogegenstände, Erinnerungsstücke von ihrer Hochzeit und Basteleien vom Gottikind. Bilder und zusammengeklebte Puzzles zieren die Wände. Die farbenfrohe Einrichtung ist aber mehr als nur Geschmackssache. Sie bewahrt Niederer auch vor blauen Flecken. «Die Deko sorgt für Kontrast. Das hilft mir, zu erkennen, wo die weissen Wände sind, damit ich nicht dagegen stosse.»

1000 Franken für eine neue Brille

Ihre jetzige, mit Kratzern übersäte Brille trägt Niederer seit fünf Jahren. Schon zwei Jahre zu lange, wie ihr Augenarzt sage. «Bis ich 20 war, bezahlte die IV die Brille, da ich Anspruch auf sogenannte medizinische Massnahmen hatte. Seither läuft alles über die Krankenkasse, diese übernimmt aber nur 200 Franken. Weil ich mir keine Brille leisten könnte, kam meine Mutter bisher dafür auf», erklärt sie.

Weil sie ihre Mutter nicht wieder um 1000 Franken für eine Brille mit ihrer Korrektur bitten wollte, erkundigte sie sich bei der Behindertenorganisation Pro Infirmis, welche Optionen es gebe. So gelangte ihr Wunsch an die Spendenaktion Ostschweizer helfen Ostschweizern.

«Ich konnte es kaum glauben, dass er in Erfüllung ging. Eine neue Brille bedeutet für mich wieder mehr Lebensqualität.»

Sie freue sich sehr darauf, eine Brille aussuchen zu dürfen – auch wenn die Auswahl an Fassungen begrenzt sei. Denn je höher die Dioptrien-Zahl, also je grösser die Sehschwäche, desto dicker die Gläser. Und diese passen nicht in jedes Brillengestell.

Immerhin seien die Gläser heute nicht mehr so massiv wie früher, sagt Niederer. Darunter habe sie gelitten. Weil sie anders gewesen sei, hätten ihre Mitschüler sie gehänselt. Neben der Brille trug sie einen Kleber über dem einen Auge, um das Schielen zu korrigieren. Beschimpfungen und Ausdrücke wie «Brillenschlange» habe sie über sich ergehen lassen müssen. Und die Buben hätten gedroht, sie zu verprügeln. Oft sei sie weinend nach Hause gerannt. Ab der 3. Klasse besuchte sie die Kleinklasse. «Wegen meiner Sehbehinderung hatte ich Mühe mit Lesen und war daher deutlich langsamer als die anderen Kinder.»

Gold und Silber an den Special Olympics

Nach der Schulzeit begann Niederer eine Lehre mit Berufsattest (EBA) als Pferdewartin. Obwohl sie wegen ihrer Sehbehinderung und einer psychischen Erkrankung nicht mehr arbeiten kann, spielen Pferde nach wie vor eine grosse Rolle in ihrem Leben. Dank der finanziellen Unterstützung ihrer Mutter kann sie auf einem Hof in Mels regelmässig reiten. 2015 qualifizierte sie sich für die Special Olympics in Los Angeles und gewann Gold im Dressurreiten und Silber in der Disziplin «Trail». Die Zeitungsartikel hat Niederer aufgehängt. Nicht nur, damit sie die Wand nicht übersieht. Auch wegen der schönen Erinnerungen.

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Leon hat gefeiert und gespendet

Der 12-jährige Leon Minneci hat eine Weihnachtsparty in Trogen organisiert und ein Spendenkässeli aufgestellt. Das Geld liess er der Spendenaktion Ostschweizer helfen Ostschweizern zukommen. Er wollte Menschen in der Region helfen.
Katharina Brenner