Schweizer Sturmlauf nach vorne

Die Schweiz steht an der WM in der Slowakei für offensives und spektakuläres Eishockey. Ein radikaler Stilbruch.

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Unter Nationalcoach Patrick Fischer entwickelte sich die Schweiz zu einem offensiven Team (Bild: KEYSTONE/MELANIE DUCHENE)

Unter Nationalcoach Patrick Fischer entwickelte sich die Schweiz zu einem offensiven Team (Bild: KEYSTONE/MELANIE DUCHENE)

(sda)

Samstagabend: Schweiz - Schweden 3:4. Die Partie verläuft spektakulär. Hochklassig. Die Schweiz schiesst drei Tore und hätte fünf bis sieben Treffer schiessen können. Sie bekämpft den Weltmeister auf Augenhöhe. Vor 15 oder 25 Jahren wäre das unvorstellbar gewesen.

Am 4. November 1994 debütierte Patrick Fischer, der aktuelle Nationalcoach, als Stürmer im Nationalteam gegen Schweden. Die Skandinavier gewannen 5:0. Und die renommierte Agentur Sportinformation schrieb: «Die Schweden stoppten die raren Schweizer Offensivbemühungen meist bereits in sicherer Entfernung ihres eigenen Tores».

Diese Zeiten gehören der Vergangenheit an. In den letzten zwei Jahren schaffte die Schweiz, was ausser Finnland in den 1980er-Jahren niemand mehr geschafft hat - den Einbruch in die Phalanx der Grossen. Die Eishockey-Grossmächte sind seit jeher Kanada, Russland (früher Sowjetunion), Tschechien (früher Tschechoslowakei), die USA und Schweden. Vor 30 Jahren schaffte Finnland den spielerischen Anschluss. Noch zählt die Schweiz trotz den Silbermedaillen von 2013 und 2018 nicht zu dieser Elite. Aber die Schweiz spielt jetzt wie ein Grosser. Sie fordert die Topnationen offensiv auf Augenhöhe heraus.

«Früher war unsere Offensive, mal einen Konter zu fahren»

Wie schaffte die Schweiz diesen radikalen Stilbruch? Niemand kann das besser erklären als Nationalcoach Patrick Fischer und Stürmer Andres Ambühl, der seine 15. Weltmeisterschaft bestreitet.

Nirgends spielte Ambühl in 18 Profijahren (er debütierte 2001 beim HC Davos) defensiver als in den ersten Jahren in der Nationalmannschaft, in der er 2004 debütierte. «Unter Ralph (Krueger) lautete unsere Devise, defensiv nichts zuzulassen und offensiv mal einen Konter zu fahren», so Ambühl. Auch Fischer erinnert sich an diese Zeiten: «Die Spiele gegen die Grossen waren absolute Abwehrschlachten. Bei den Winterspielen in Turin 2006 (Ambühl und Fischer waren dabei - Anm. der Red.) waren die Siege gegen Kanada und Tschechien Glücksfälle. Wir hatten mehr Glück als Verstand.»

Das Aha-Erlebnis

Zweieinhalb Jahre, bevor er Nationaltrainer wurde, war für Patrick Fischer schon klar, dass die Schweiz ihre Spielweise ändern muss. Als Aha-Erlebnis diente der WM-Halbfinal 2013 in Stockholm. Fischer gehörte als Assistent von Sean Simpson zum Coaching-Staff. Die Spielweise war eigentlich defensiv. Fischer: «Aber wir erzielten früh im Turnier ein paar dreckige Tore und tankten immer mehr Selbstvertrauen. Und im Halbfinal spielten wir die USA an die Wand und siegten 3:0. Da sagte ich mir: 'Wir können es ja! Wir müssen uns vor den Grossen nicht mehr verstecken! Das ist einzig und allein eine Vertrauenssache.'»

Fischer machte für sich ein offensives Spiel zur Philosophie. Raeto Raffainer als Nationalmannschafts-Direktor stellte Fischer im Spätherbst 2015 an, gerade weil Fischer versprach, der Schweiz diese offensive Spielweise zu verpassen. An der ersten WM im Frühling 2016 in Moskau lief das neue System noch schief. Die Schweiz spiele Pausenplatz-Hockey, war in den Medien zu lesen. «Aber gegenüber der WM in Moskau passten wir lediglich zwei Kleinigkeiten im System an. Und seit der Weltmeisterschaft 2017 in Paris sitzt der neue Anzug», sagt Fischer.

Skeptische Verteidiger und Goalies

Nicht nur die Medien standen Fischers Ideen anfänglich skeptisch gegenüber. «Auch der eine oder andere Verteidiger hat sich gefragt, ob das alles sehr schlau ist. Und die Goalies sowieso», erzählt Fischer. Aber er setzte um, wovon Ralph Krueger geträumt hatte. «Schon Ralph (Krueger) hat versucht, uns das einzutrichtern», erklärt Fischer. «Wir waren dafür aber noch nicht gut genug. Jetzt ist eine neue Spielergeneration da - und die ist 'huere' gut.»

Wie erlebte Andres Ambühl die Schweizer Flucht nach vorne? «Schon unter Ralph Krueger versuchten wir 2008 in Québec mit einem sehr jungen Team, offensiver zu spielen. Unter Sean Simpson (2010 bis 2014) war unsere Taktik ebenfalls noch defensiv ausgerichtet, wobei wir Stürmer aber mehr offensive Freiheiten kriegten. Unter 'Fischi' zogen wir das nochmals eine Spur weiter. Aber unter allen galt und gilt: Das erste Augenmerk gehört der Defensive.»

Für Ambühl änderte sich nicht nur von der Spielausrichtung her viel: «Mindestens ebenso wichtig ist das allgemeine Gedankengut. Früher erachteten wir Spieler das Erreichen der Viertelfinals als super. Aber 2013 und 2018 haben wir an Gold 'gschmöckt'. Jetzt ist mit dem Erreichen der Viertelfinals keiner mehr zufrieden, weil jeder weiss, dass mehr möglich ist. Die Ansprüche sind von Spielerseite her gestiegen.»

Das Heil in der Offensive suchen. Der Davoser Ambühl weiss, dass dieses Rezept zum Erfolg führen kann. Arno Del Curto dirigierte den HCD während 22 Jahren zu sechs Meistertiteln. «So offensiv wie Davos unter Arno spielt die Nationalmannschaft noch nicht. In Davos lautete unser defensives Ziel, sofort wieder in die Offensive zu kommen.» Fischer hofft, dass die Schweiz wie Davos dank offensivem Spektakel auch mal Titel holen wird: «Das System ist implementiert und wird sogar schon vor anderen Nationen kopiert. Wir wissen, dass wir nicht immer gewinnen können. Niederlagen gehören zum Sport. Aber wir können stolz darauf sein, was wir in den letzten Jahren geschafft haben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.»