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FIFA eröffnet Verfahren gegen Xhaka und Shaqiri

Der Doppeladler-Jubel von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri beim 2:1-Sieg der Schweiz gegen Serbien bleibt womöglich nicht ohne juristische Folgen. Die FIFA leitet ein Verfahren gegen die beiden ein.
Sorgten mit dem Jubel nach ihren Toren gegen Serbien für hitzige Diskussionen: Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri (Bild: KEYSTONE/LAURENT GILLIERON)

Sorgten mit dem Jubel nach ihren Toren gegen Serbien für hitzige Diskussionen: Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri (Bild: KEYSTONE/LAURENT GILLIERON)

(sda)

Eruptionen, Interpretationen, Vorwürfe. Nicht die grossartige Wende der Schweizer WM-Equipe gegen Serbien (2:1) ist das zentrale Thema, sondern die Jubelform der Matchwinner mit Migrationshintergrund. Die womöglich beste WM-Halbzeit seit dem Coup gegen Spanien 2010 rückte in den Kommentarspalten in den Hintergrund. Eine Geste bestimmte die Schweizer Sportnachrichtenlage, das Doppeladler-Symbol löste erneut eine Debatte aus - mittendrin die beiden Torschützen Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri, die im Rausch ihrer Emotionen eine kontroverse Botschaft platzierten.

Offen blieb die Deutung der Handbewegungen. Ein Teil der serbischen Vertreter hatte bereits im Vorfeld jedes kosovarische Emblem als politische Provokation aufgefasst - auch die Flagge auf den Schuhen der Spieler. Die Betroffenen selber verstanden ihr Handzeichen primär als Gruss an die geschundene Heimat ihrer Väter und Mütter. «Nicht gegen den Gegner gerichtet, sondern für die Menschen, die mich immer unterstützt haben», versicherte Xhaka. Dennoch eröffnete die FIFA nun ein Verfahren.

Shaqiri mochte nach den ersten Adrenalinschüben nicht mehr detailliert auf die Jubelszenen eingehen: «Ich will nicht darüber diskutieren. Viele wissen, um was es geht.» Der Instinkt-Fussballer spürte mutmasslich rasch einmal, in welche Richtung sich die Kontroverse verschieben könnte; der Weltverband reagiert in der Regel sensibel auf Statements dieser Prägung.

Captain Stephan Lichtsteiner stellte sich noch in der Mixed-Zone vor seine Teamkollegen und kommunizierte offensiv: «Ich denke nicht, dass die Schweiz ein Problem damit hat.» Er habe mit den Angehörigen der Doppelbürger vom Balkan gesprochen. «Sie haben mir ihre Sicht erklärt. Ich weiss, welcher Druck auf sie ausgeübt worden ist.»

Der künftige Arsenal-Verteidiger erwähnte die «vielen Provokationen, die wir mitbekommen haben. Das war für uns alle sehr schwierig». Es sei wichtig gewesen, «dass wir ihnen geholfen haben und sie uns danach halfen». Trotz der angespannten Atmosphäre vor weit über 20'000 serbischen Anhängern demonstrierten Xhaka und Topskorer Shaqiri auf dem sportlichen Hauptschauplatz mit ihrer massgeblichen Tor-Doublette Standfestigkeit und Klasse.

Differenzierte Sichtweise nötig

Yann Sommer sprach in seiner Aufarbeitung explizit vom Ballast, der abgefallen sei, von jenem Schlüsselmoment, als Shaqiri nach einem perfekten Pass Gavranovics lossprintete und für ihn feststand: «Es kommt etwas Gutes dabei heraus.» Zwischendurch habe er an die zweijährige Vorarbeit gedacht, die hinter dem WM-Projekt stecke - daran, «wegen einer schlechten Hälfte» alles zu verspielen.

Was danach in den Fokus rückte, wertet der besonnene Keeper von Borussia Mönchengladbach mit vorsichtiger Zurückhaltung: «Das passierte in den Emotionen, für mich hat es keinen negativen Hintergrund. Ich bin in erster Linie froh, dass sie alles für die Schweiz gegeben haben.»

Im Gegensatz zu einem bekannten Schweizer Verleger und Nationalrat, der die multinationale SFV-Auswahl mit einem Startelf-Altersschnitt von 27,6 Jahren in einem Editorial der «Weltwoche» als «Veteranentruppe von Auslandsöldnern mit Schwerpunkt Balkan, angereichert durch ein paar eingeschweizerte Afrikaner» betitelte, ist auch bei generell erhöhtem Blutdruck eine differenzierte Sichtweise angebracht.

Mit ihrem Jubel schoben Xhaka und Co. zwar eine Endlos-Diskussion an, die intern weit weniger Staub aufwirbelt als extern. Aber ihnen deswegen einmal mehr das Commitment für die Schweiz abzusprechen, entbehrt jeglicher Grundlage. Xhaka und Shaqiri kommen zusammen auf mittlerweile 136 Länderspiele. Wie sehr sie bereit sind fürs SFV-Kollektiv zu leiden, zeigten sie im Schlüsselspiel gegen Serbien.

Von den Toren und genialen Aktionen der Secondos lebt das Schweizer Fussball-Projekt. «Wir brauchen sie», sagte Sommer. Für die grossen Augenblicke, für die Euphorie, für den Erfolg - Emotionen und diskutable Gesten inbegriffen. Ihr Temperament ist mehrheitlich eine unverzichtbare Qualität.

«Skandalös!»

Die Gefühlswallungen und Ausbrüche waren am Freitagabend keine exklusive Schweizer Angelegenheit. Savo Milosevic, einst ein renommierter Stürmer und über 100-facher Nationalspieler, in Russland serbischer Verbands-Vize, ärgerte sich über die FIFA: «Skandalös!» Der Schiedsrichter Felix Brych habe ihnen einen Penalty unterschlagen. «Der VAR greift scheinbar nicht für alle Teams ein. Ich frage mich, was die Herren dort genau machen», kritisierte der ehemalige EM-Torschützenkönig. «Wir sind halt nur Serbien und nicht Brasilien.»

Die schlimmste Entgleisung leistete sich aber Coach Mladen Krstajic. «Ich würde ihn nach Den Haag schicken, damit man ihm den Prozess macht, so wie man uns den Prozess gemacht hat», sagte der frühere Bundesligaprofi nach Angaben des nationalen Fussballverbandes (FSS) am Samstag vor serbischen Journalisten. In den sozialen Medien schrieb Krstajic weiter: «Augenscheinlich sind leider nur die Serben zu selektiver Gerechtigkeit verurteilt: Früher das verfluchte Den Haag und heute im Fussball der Videoassistent.»

Die FIFA eröffnete auch gegen den serbischen Fussballverband sowie Krstajic eine Voruntersuchung.

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