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«Am liebsten hätte ich den Kopf in den Sand gesteckt»

Selina Gasparin ist wieder da - und wie. Sie überrascht an der WM in Schweden nach der zweiten Baby-Pause alle. Das Rezept: gute Planung, harte Arbeit und ein Kinder-Bonus.
Auch nach der Geburt der zweiten Tochter wieder erfolgreich: Biathletin Selina Gasparin (Bild: KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER)

Auch nach der Geburt der zweiten Tochter wieder erfolgreich: Biathletin Selina Gasparin (Bild: KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER)

(sda)

Pünktlich wie eine Schweizer Uhr meldet sich Selina Gasparin an ihrem rennfreien Tag zur vereinbarten Zeit aus Östersund. Obwohl sich die 34-jährige Bündnerin selber als eher unpünktlich bezeichnet, sind Organisation und Zeitmanagement unerlässlich, um die Doppelrolle als zweifache Mutter und Spitzensportlerin unter einen Hut zu bringen. «Ein bisschen Glück war schon dabei, dass es zur WM gereicht hat», gibt die Olympia-Silbermedaillengewinnerin von 2014 in Sotschi zu.

Vor allem aber brauchte es eine perfekte Familienplanung. Das zweite Baby im letzten Herbst zu bekommen sei die einzige Möglichkeit gewesen, um bei Olympia 2018 und der WM dabei sein zu können. Alles lässt sich aber nicht planen. Die kleine Kiana kam am 14. Oktober mit zwei Wochen Verspätung zur Welt. Zwei Wochen, die dann in der Vorbereitung auf die WM fehlten. «Aber ich wollte nicht nochmals ein Jahr aussetzen», erklärt Gasparin. Bereits zehn Tage nach der Geburt begann sie wieder mit dem Schiesstraining.

Viel weniger trainiert

Die Voraussetzungen für Gasparin sind ideal dafür. Sie wohnt mit ihrem Mann, dem russischen Langläufer Ilja Tschernoussow, in Lantsch (bei Lenzerheide) praktisch einen Steinwurf vom nationalen Trainingszentrum der Biathleten entfernt. Obwohl sie natürlich von den Erfahrungen der ersten Schwangerschaft profitieren kann, war die Rückkehr ein hartes Stück Arbeit. Die grösste Herausforderung sei die Athletik. «Nach der Geburt ist man halt zu schwer, zu rund und zu schwabbelig», sagt Gasparin und lacht. Es sei deshalb schwierig, wieder in Wettkampfform zu kommen. Beim Schiessen liegt die Schwierigkeit darin, auch unter hoher Belastung - physisch und mental - die Scheiben zu treffen. Gasparin trainierte nach der letzten Saison im Frühling noch weiter, um ein bisschen Vorsprung zu haben. Dennoch betont die gebürtige Engadinerin: «Ich habe natürlich viel weniger trainiert als alle anderen.»

Immerhin scheint Biathlon prädestiniert für die Rückkehr nach einer Babypause. Im Weltcup tummeln sich ganz viele Mütter. «Die meisten haben aber nur ein Kind.» Die Slowakin Anastasiya Kuzmina, die letzte Woche Sprint-Weltmeisterin wurde, habe zwar auch zwei, doch seien diese schon etwas älter. Dennoch nützt Gasparin natürlich die Möglichkeit, sich mit diesen anderen Müttern über ihre Erfahrungen auszutauschen. Die Französin Marie Dorin-Habert, die an der WM 2016 in Oslo als Mutter sechs Medaillen (drei in Gold) gewann, ist eine, die Schweizer Triathletin Nicola Spirig, 2016 in Rio als Mutter Olympia-Silbermedaillengewinnerin, eine andere.

Dennoch reichte es Gasparin nicht, um sich aufgrund der sportlichen Resultate für die WM in Mittelschweden zu qualifizieren. Sie kam zu keinem Einsatz im Weltcup, und auch im zweitklassigen IBU-Cup und an der EM in Minsk stellten sich nicht die gewünschten Resultate ein. Es war ein Trainerentscheid, sie dennoch zu selektionieren, in erster Linie mit Blick auf die Staffel. «Ich hatte einen Baby-Bonus.» Im Sprint lief es mit einem 30. Platz ansprechend. «Ich setzte mich schon etwas unter Druck, weil ich meine Nomination rechtfertigen wollte und war dann recht zufrieden.» In der Verfolgung fiel Gasparin dann mit acht Fehlern im Stehendschiessen regelrecht auseinander. Der Frust darüber war gross. «Ich habe alles hinterfragt», gibt die Grenzwächterin zu. «Am liebsten hätte ich den Kopf in den Sand gesteckt. Aber hier hat es ja nur Schnee», fügt sie lachend hinzu.

In der Staffel kein Druck

Am Dienstag war die Gemütslage dann eine ganz andere. Im Rennen mit Einzelstart lief Gasparin nach einer fast perfekten Schiessleistung in den 9. Rang. Zum einen bestätigte sie damit die Trainer in ihrem Entscheid, zum andern tankte sie viel Selbstvertrauen für die restlichen beiden Rennen, die Frauenstaffel am Samstag und den Massenstart-Wettkampf am Sonntag. Wäre die Schweiz im Biathlon breiter aufgestellt, wäre Selina Gasparin im Einzel gar nicht zum Einsatz gekommen. Weil aber ihre jüngste Schwester Aita für den Single-Mixed-Wettkampf am Donnerstag geschont wurde, aber wegen des Nationenrankings dennoch drei Schweizerinnen starten sollten, erhielt sie die Chance. Und nützte sie eindrücklich.

Was nun noch kommt, ist ein Bonus. «Wir müssen nicht aufs Podest laufen», sagt sie zur Staffel. «Andere haben mehr Druck. Aber im Biathlon gibt es immer Überraschungen, da ist einiges möglich.»

In Östersund kann sie sich voll und ganz auf ihren Sport konzentrieren. Ihre erste Tochter, die mittlerweile vierjährige Leila, hatte sie noch zu Wettkämpfen mitgenommen. Nun ist diese aber in einem Alter, in dem sie lieber zuhause bleibt. Selina Gasparin kann dabei auf die Unterstützung der Familie zählen. Aktuell schaut ihr Mann nach den Kindern, wenn dieser - wie am Sonntag beim Engadin Skimarathon - selber Rennen läuft, sind es die Grosseltern. Für drei Wochen ist auch Tschernoussows Mutter ins Bündnerland gereist. «Für die Kinder ist es auch eine Chance, mehr Zeit mit dem Vater zu verbringen», sagt sie.

Zwar haben die beiden seit vier Jahren auch eine Nanny, doch Gasparin betont: «Es ist wichtig, dass immer ein Elternteil da ist.» Bei allem Ehrgeiz als Spitzensportlerin gilt die klare Devise: «Das Wichtigste ist immer die Familie.»

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