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Viele Absenzen gehen auf
Kosten einer Festanstellung

Der Deutschen Post wird «unmoralisches Verhalten» vorgeworfen. Grund: Sie will befristet angestellte Mitarbeiter nur definitiv übernehmen, wenn sie nicht mehr als 20 Tage wegen Krankheit fehlten.
Christoph Reichmuth, Berlin
Keine Festanstellung wegen Absenzen: das rigide Anstellungsregime der Deutschen Post sorgt für Diskussionen. Bild: Krisztian Bocsi/Bloomberg (Hamburg, 7. März 2017)

Keine Festanstellung wegen Absenzen: das rigide Anstellungsregime der Deutschen Post sorgt für Diskussionen. Bild: Krisztian Bocsi/Bloomberg (Hamburg, 7. März 2017)

Unmoralisch oder betriebswirtschaftlich nachvollziehbar? Die Deutsche Post will ihre befristet angestellten Mitarbeiter nur dann unbefristet übernehmen, wenn diese innerhalb von zwei Jahren nicht häufiger als sechs Mal krank gewesen waren, beziehungsweise nicht mehr als 20 Krankheitstage angehäuft haben. Zudem sollten die Postboten keine gröberen, selbstverschuldeten Verkehrsunfälle oder zu viele Verspätungen bei der Paketzustellung ausweisen. Die Kritik an dieser Praxis war diese Woche in Deutschland massiv. Sogar der Bund, der 21 Prozent der Aktien des ehemaligen Staatskonzerns mit seinen 180000 Vollzeitstellen hält, sieht Interventionsbedarf. Das Vorgehen der Post sei «nicht in Ordnung», monierte Finanzminister Olaf Scholz (SPD). Parteikollege und Arbeitsminister Hubertus Heil kündigte gar an, sein Haus werde Massnahmen gegen die sachgrundlose Befristung von Arbeitsplätzen präsentieren, der Chef des Gewerkschaftsbundes (DGB), Reiner Hoffmann, echauffierte sich: «Es ist moralisch höchst verwerflich, die Entfristung von Arbeitsverträgen daran zu koppeln, wie gesund oder wie selten krank die Beschäftigten bei der Deutschen Post sind.» Gewerkschaftler schätzen den Anteil an befristet Angestellten auf etwa 14 Prozent.

Ungeachtet dieser Kritik verteidigt die Post ihre umstrittene Praxis. «Wir brauchen Kriterien wie jeder andere Arbeitgeber auch, weil wir nicht willkürlich allein nach Bauchgefühl über die Entfristung von Verträgen entscheiden wollen», sagte Post-Arbeitsdirektor Thomas Ogilvie der «Süddeutschen Zeitung».

13 Prozent sind befristet angestellt

Wie das Vorgehen der Post auch bewertet wird: Auffallend ist die Vielzahl an befristeten Arbeitsplätzen in Deutschland – so wie die hohe Zahl an krankheitsbedingten Absenzen, auch im internationalen Vergleich. Etwa 2,8 Millionen Beschäftigte verfügten – Stand 2017 – über ein maximal zwei Jahre gültiges befristetes Arbeitsverhältnis. Vor allem Frauen und junge Menschen zwischen 25 und 35 verfügten über keine Festanstellung, die Befristungsquote bei den jungen Arbeitnehmern schwankt zwischen 13 und 20 Prozent. Die Befristungen sind laut dem Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifor) in Darmstadt eine Folge der Arbeitsmarktreform unter Kanzler Gerhard Schröder. Damals wurde durch das Instrument der Befristung eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes hergestellt.

Ein anderer Grund dürfte im hohen Kündigungsschutz in Deutschland liegen. Firmen übernehmen ihre Mitarbeiter wegen des stark ausgebauten Kündigungsschutzes zurückhaltender als Betriebe in der Schweiz. Die in der Grossen Koalition mitregierende SPD will die sogenannt «sachgrundlose» Befristung von Arbeitsverhältnissen abschaffen und die Hürden für Befristungen allgemein erhöhen.

Vergleichswerte zu krankheitsbedingten Absenzen sind indes mit Vorsicht zu geniessen. Je nach Land gelten unterschiedliche Bewertungskriterien. Ausserdem sind Mitarbeiter von körperlich fordernden Jobs – etwa im Baugewerbe – oder Arbeitnehmer, die im Freien tätig sind, besonderen Krankheitsrisiken ausgesetzt. Nichtsdestotrotz: Die Absenzen sind in Deutschland besonders hoch, laut Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) ist Deutschland bei Fehltagen gar «Vize-Weltmeister» mit 18,3 Fehltagen pro Arbeitnehmer und Jahr, wie das Magazin «Focus» titelte. Freilich sind die Fehltage von Branche zu Branche, aber auch je nach Stellung der Mitarbeiter im jeweiligen Betrieb unterschiedlich. Umso höher die Position, umso seltener fehlen die Angestellten; umso körperlich oder psychisch fordernder die Arbeit, desto öfter fehlen die Mitarbeiter bei der Arbeit – und ältere Arbeitnehmer fehlen krankheitshalber häufiger als ihre jüngeren Arbeitskollegen. Zum Vergleich: Laut dem Bundesamt für Statistik in der Schweiz fehlt der durchschnittliche Schweizer Arbeitnehmer sieben bis acht Tage krankheitsbedingt am Arbeitslatz.

Beamte weisen deutlich mehr Fehltage aus

In Deutschland besonders hoch sind die Fehltage bei Lehrkräften und in der öffentlichen Verwaltung. Je nach Behörde kommen hier Mitarbeiter auf 30 bis 40 Fehltage – das sind insgesamt sechs bis acht Arbeitswochen. Freilich hängt die Anzahl Fehltage mit der konjunkturellen Lage im Zusammenhang. Umso sicherer der Job erscheint, desto eher wagen es die Angestellten, im Falle von Unwohlsein oder Krankheit zu Hause zu bleiben. Arbeitsstellen in der öffentlichen Verwaltung gelten auch wegen des hohen Kündigungsschutzes als besonders sicher. Erscheint der Job hingegen gefährdet, schleppen sich die Mitarbeiter tendenziell auch krank oder angeschlagen ins Büro oder zum Arbeitsplatz. «Eine entspanntere Arbeitsmarktsituation reduziert den Druck auf die Arbeitnehmer», begründet das Wifor in Darmstadt auf Anfrage.

Die Mitarbeiter der Deutschen Post fehlen mit 10 bis 12 Arbeitstagen übrigens deutlich weniger oft wegen Krankheit bei der Arbeit als der Durchschnitt der deutschen Arbeitnehmer. Post-Vorstandsmitglied Thomas Ogilvie verteidigt das Kriterium der Absenzen in der Personalpraxis: «Unsere Mitarbeiter, die auch bei Wind und Wetter rausmüssen, brauchen eine gewisse körperliche Fitness.»

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