«Wir können nicht jedes Jahr mit einem Odermatt aufwarten»

Die durch das Coronavirus bedingten Einschränkungen beeinflussen auch die tägliche Arbeit von Hans Flatscher als Nachwuchschef Alpin bei Swiss-Ski. Die Nachteile seiner Athleten seien überschaubar.

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(sda)

Vor zwei Jahren und nach sechs Wintern als Cheftrainer des alpinen Frauenteams hat Hans Flatscher mit Beat Tschuor einen Stellentausch aus privaten Gründen vorgenommen. Der gebürtige Salzburger wollte mehr Zeit zu Hause bei der Familie in Mörschwil im Kanton St. Gallen verbringen. Die immense Erfahrung des mit der früheren Riesenslalom-Weltmeisterin Sonja Nef verheirateten dreifachen Familienvaters kommt nun dem Schweizer Nachwuchs auf den Stufen C-Kader und Nationale Leistungszentren zugute.

Hans Flatscher, was bedeutet der abrupte Abbruch der Saison für den alpinen Nachwuchs?

«Generell ist zu sagen, dass wir im Alpin-Bereich eigentlich Glück gehabt haben, dass wir so lange das geplante Programm aufrecht erhalten konnten. Aber klar: Der Abbruch ist im Besonderen für den Nachwuchs trotzdem gravierend. Speziell bei den ganz jungen Fahrerinnen und Fahrer ist es ja so, dass sie sich im Verlauf der Saison verbessern, vor allem jene, die ihren ersten Winter mit FIS-Rennen bestreiten. Ihnen fehlen deshalb zwei Monate.»

Gerade im März und im April sind ja normalerweise noch viele FIS-Rennen geplant.

«Die grosse Anzahl ist das eine, das Niveau dieser Rennen das andere. Da sind sehr oft Fahrerinnen und Fahrer aus den oberen Kadern am Start, was den Jüngeren zu besseren FIS-Punkten verhilft. Doch es gilt auch zu relativieren. Auf die Karriere eines Skirennfahrers kann es keinen einschneidenden Einfluss nehmen, dass er ab Mitte März keine Rennen mehr bestreiten kann.»

Hat die aktuelle Situation Einfluss auf die Selektionen? Werden etwa die Kriterien gelockert?

«Grundsätzlich ändert sich in Bezug auf die Selektionen nicht viel. Ein ganz grosser Teil steht ohnehin schon. Die Entwicklung der Athleten bekommen wir schon vorher mit, und die Kriterien haben sie entsprechend bereits erfüllt. Betreffend Aufnahme in ein Kader haben wir im Bedarfsfall zudem die Möglichkeit eines Trainerentscheids.»

Haben Sie die Selektionssitzung aufgrund der Situation vorgezogen?

«Wir sind schon ziemlich weit. Die Berechnungen laufen. Die definitiven Auswertungen können wir allerdings erst ab Mitte April vornehmen, weil wir die FIS-Listen erst dann erhalten.»

Wie überbrücken die jungen Athleten die Zeit?

«Alle haben ein Programm fürs Konditionstraining erhalten. Das ist darauf ausgerichtet, was die Situation erlaubt. Ein Defizit haben wir bei jenen Athleten, die Therapie benötigen oder die von einer Verletzung zurückkommen.»

Auch die Jungen sind generell eingeschränkt in ihren Möglichkeiten.

«Es ist sicher schwierig. Umso mehr zählt die Eigenverantwortung. Jetzt müssen sie es halt alleine umsetzen, was wir ihnen vorgeben. Grundsätzlich können sie 'normal' trainieren. Zur Zeit entstehen keine Defizite. Wenn sich die Situation aber hinzieht, wird das Ganze schwieriger. Dann nämlich, wenn Krafträume und Fitnesscenter benötigt werden, um die spezifischen Trainings abhalten zu können.»

Im Elite-Sport ist wegen ausbleibenden Sponsoren- und Preisgeldern viel von Zukunfts- und Existenzängsten zu hören. Solche Notlagen kennen die Jungen nicht. Sie sind mit dieser Problematik kaum konfrontiert.

«Bei den Jungen ist das Geldverdienen, wenn überhaupt, noch auf bescheidenem Niveau. Im Normalfall werden sie von zu Hause unterstützt. Existenzängste brauchen sie von dieser Seite her keine zu haben. Anders sieht es aus Sicht der Eltern aus. Es gibt sicher Familien, die nicht genau wissen, wie es am Arbeitsplatz weitergeht. Das müssten wir dann jeden Fall individuell anschauen. Skirennsport ist teuer, und viele Eltern investieren einen Teil ihres Einkommens in den Sport ihrer Kinder.»

Gemäss Männer-Cheftrainer Tom Stauffer kommt aus dem Schweizer Nachwuchs auf Stufe Europacup nicht die grosse Masse nach. Wie sehen Sie die Situation auf den tieferen Altersstufen?

«Ich glaube, dass es Unterschiede bei den Juniorinnen und den Junioren gibt. Bei den Männern ist der Schritt vom C-Kader in den Weltcup grösser. Da braucht es schon das eine oder andere Jahr mehr. Wir haben aber sicher auf beiden Seiten Athleten mit dem notwendigen Potenzial. Allerdings ist es nicht so, dass wir jedes Jahr mit einem (Marco) Odermatt aufwarten können. Für eine Karriere ist es meiner Meinung nicht entscheidend, ob ein Athlet oder eine Athletin ein Jahr früher oder später im Weltcup Fuss fasst. Viel wichtiger ist die permanente Entwicklung.»

Sie sind nun seit zwei Jahren Nachwuchschef. Sehen Sie die Möglichkeit, dereinst wieder als Trainer in den Weltcup zurückzukehren? Zum Beispiel dann, wenn die Kinder älter sind?

«Das ist im Moment noch sehr weit weg und in den nächsten Jahren kein Thema. Zur Zeit stimmt für mich die berufliche Situation. Aber ich schliesse eine Rückkehr in den Weltcup keineswegs aus, denn ich denke, dass ich auf jeder Stufe etwas einbringen kann.»