Wie sich der weltbeste Schiedsrichter aus dem Spiel nahm

Der Italiener Pierluigi Collina war der wohl beste Fussball-Schiedsrichter aller Zeiten. Vor 15 Jahren endete seine Karriere auf eine für ihn charakteristische Art: mit ihm in der Hauptrolle.

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Wütend wollte man Pierluigi Collina auf dem Fussball-Platz nicht erleben
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Aber auch Humor, Mitgefühl und Freude zeichneten Collinas Schaffen als Schiedsrichter aus
Der Werbedeal mit Opel kostete Collina letztlich sein Engagement als Schiedsrichter
Der Beste aller Zeiten? Schiedsrichter Pierluigi Collina war in der Fussball-Welt hoch angesehen

Wütend wollte man Pierluigi Collina auf dem Fussball-Platz nicht erleben

KEYSTONE/AP/THOMAS KIENZLE
(sda)

Die Karrieren von Fussball-Schiedsrichtern enden meist so, wie sie begonnen haben: in kleinem Rahmen, ohne grosses Abschiedsspiel oder viel Brimborium, ähnlich einem Song im Radio, der langsam ausgeblendet wird. Auch die Laufbahn von Pierluigi Collina, dem wohl besten und sicher bekanntesten Schiedsrichter der Welt, steuerte vor 15 Jahren auf eine kleine Ausfahrt hin. Dann riss der Italiener mit dem stechenden Blick das Steuer herum. Collina entschied sich für einen authentischeren Weg: einen Abschied mit Knalleffekt. An einer Pressekonferenz in einem Nobelhotel des toskanischen Badeortes Viareggio informierte Collina vor 15 Jahren über sein Karriereende - zu dem er sagte: «Am Ende haben alle verloren.»

Collina hatte während seines Aufstiegs vom 17-jährigen Burschen, der durch Zufall und auf Bitten eines Kollegen einen Schiedsrichter-Lehrgang besuchte, zum Weltstar, der sechs Mal in Folge zum Welt-Schiedsrichter ernannt wurde, nie einen Hehl daraus gemacht, wie er seine Rolle auf dem Platz verstand. Er sah sich als Chef auf dem Rasen, als wichtigsten Mann des Spiels. «Die Behauptung, der beste Schiedsrichter ist der, den man nicht bemerkt, ist purer Blödsinn», sagte er. Und nach diesem Kredo lebte er.

Halt vor grossen Namen machte Collina als Schiedsrichter ebenso wenig wie vor spielentscheidenden oder unkonventionellen Eingriffen. Einst verwies Collina Milans Superstar Franco Baresi für dessen erste Aktion des Feldes, ein anderes Mal liess er 90 Minuten ohne Seitenwechsel spielen, um die Goalies vor den Fans der gegnerischen Teams zu schützen. Gerade seine Weitsichtigkeit und dieser Mut, unpopuläre aber korrekte Entscheide zu fällen, leiteten Collinas Aufstieg als Schiedsrichter ein. Berühmtheit über den Sport hinaus erlangte er allerdings grösstenteils aufgrund seines markanten Aussehens.

Glatze, scharfer Blick und eigene Gesetze

Eine Autoimmunstörung hatte auf Collinas Kopf noch vor seinem 30. Geburtstag sämtliche Haare ausfallen lassen, und so die mächtigste Waffe des italienischen Schiedsrichters freigelegt. Seine Augen. Oft regelte Collina auf dem Rasen Situationen mit einem Blick, wo andere Schiedsrichter zu langen Erklärungen greifen mussten. Passte dem Italiener etwas nicht, traten an seinen kahlen Schläfen die Adern hervor, sie verliehen dem scharfen Blick durch die blau-grauen Augen noch mehr Nachdruck. «Collina hat keine altersbedingte Glatze, seine Haare sind einfach aus Angst vor ihm nicht mehr gewachsen», hiess es unter Fussball-Fans über ihn.

Reichte eine visuelle Massregelung nicht, scheute sich der fast 1,90 m grosse Finanzberater aus Bologna auch nicht vor Körperkontakt. Trotzdem war Collina bei Spielern und Coaches hoch respektiert, weil ihn neben seiner unerbittlichen Art auch Humor, Charme und Mitgefühl auszeichneten. Für den «Kojak» der Schiedsrichter galten eigene Gesetze, selbst vermeintliche Fehlentscheide muteten bei ihm oft nicht falsch an. In Italien waren sie für ihren Top-Referee sogar bereit gewesen, die Altersgrenze von 45 Jahren aufzuheben. Das war wenige Monate vor dem Schlusspfiff seiner Karriere.

Zu Beginn dieser Laufbahn, Mitte der Achtziger-Jahre, wäre seine Autoimmunkrankheit Collina beinahe zum Verhängnis geworden. Mehrere Monate hatte er nicht arbitrieren dürfen, weil die Schiedsrichterverantwortlichen Zuschauerreaktionen befürchteten. Die Fussball-Welt sei nicht bereit für einen kahlköpfigen Schiedsrichter, wurde angenommen. Zwanzig Jahre später pfiff Glatzkopf Collina in Yokohama den WM-Final zwischen Deutschland und Brasilien, eine grössere Bühne gibt es nicht. Die Glatze hatte Collinas Aufstieg zum besten Referee der Welt nicht stoppen können, sie leitete aber wohl dessen raschen Abstieg ein.

Collina hatte Wiedererkennungs-Effekt, was auch der Werbe-Branche bewusst geworden war. Fortan sah man den Schiedsrichter für Käse in die Kameras lachen, für Uhren, Toilettenpapier oder Kleiderhersteller. Ab 2005 stand Collina auch für Opel Modell, sein dreijähriges Engagement entlöhnte ihm der Autohersteller mit einer Gage von über einer Million Franken. Problematisch daran, Opel sponserte auch die AC Milan, den Serie-A-Klub Silvio Berlusconis. Um einen Interessenskonflikt zu verhindern, sollte Collina fortan nur noch in der Serie B antreten. Die Liga hatte eine Wettkampfverfälschung gewittert, Collina einen Vertrauensentzug. Und so endete vor 15 Jahren die Schiedsrichter-Karriere des «Besten der Welt» in einem Nobelhotel in der Toskana mit einem weiteren Novum: Erstmals hinterliess Collina bei einem Auftritt nur Verlierer.