Vettel verlässt Ferrari am Saisonende

Sebastian Vettels Zeit als Fahrer des Formel-1-Teams von Ferrari läuft am Ende des Jahres ab. Der Deutsche verlässt den Traditionsrennstall nach sechs Saisons.

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Die Zeit in Rot läuft ab: Sebastian Vettel verlässt Ferrari am Ende des Jahres

Die Zeit in Rot läuft ab: Sebastian Vettel verlässt Ferrari am Ende des Jahres

KEYSTONE/AP/Joan Monfort
(sda)

Die Bemühungen waren da, die Zusammenarbeit fortzusetzen. Die Verhandlungen hatten sich über einen längeren Zeitraum hingezogen, eine Einigung in allen relevanten Punkten vermochten die Teamleitung und Vettel aber nicht zu erzielen. Am Ende blieb nur die Erkenntnis, dass für den vierfachen Weltmeister bei Ferrari kein Platz mehr sein, die Equipe die Zukunft ohne ihn planen wird.

«Wir haben einen Entschluss gefasst, der für beide Seiten das Beste ist. Es hat keinen besonderen Grund gegeben, der zu diesem Entscheid geführt hat, abgesehen von der gemeinsamen Überzeugung, dass die Zeit gekommen ist, getrennte Wege zu gehen, um unsere jeweiligen Ziele zu erreichen», schreibt Teamchef Mattia Binotto in einem Communiqué.

«Um die bestmöglichen Ergebnisse zu erreichen, ist es für alle Beteiligten wichtig, in perfekter Harmonie zu arbeiten. Das Team und ich haben gemerkt, dass nicht mehr der Wunsch besteht, über das Ende dieser Saison hinaus zusammenzubleiben», lässt sich Vettel in der Aussendung des Teams zitieren. Die Spekulation, die Fortführung des gemeinsamen Weges könnte an seinen Gehaltsforderungen gescheitert sein, wies er entschieden zurück. «Finanzielle Gründe haben bei diesem gemeinsam getroffenen Entscheid keine Rolle gespielt.»

Gebrochene Harmonie

Vettel sprach auch «Geschehnisse aus jüngster Zeit» an. Was in den vergangenen Monaten passiert sei, habe dazu geführt, über die Prioritäten nachzudenken. Im Detail wollte er sich nicht erklären, doch war es schon lange offensichtlich, dass es mit der zitierten Harmonie im Team nicht mehr zum Besten bestellt war. Vettels Status war in der letzten Saison nach der Wahl von Charles Leclerc als Nachfolger des pflegeleichten Kimi Räikkönen nicht mehr der gleiche wie in den Jahren zuvor. Der hochtalentierte, aufstrebende Monegasse, der von Beginn weg auf seine eigenen Ansprüche pochte, machte Vettel das Leben im Team und auch auf der Rennpiste zusehends schwerer. Die daraus resultierenden Fahrfehler boten den Kritikern Angriffsfläche, was den Deutschen zusätzlich belastete.

Nach Vettels Abgang wird Leclerc der grosse Hoffnungsträger bei Ferrari sein. Die kurz vor Weihnachten publik gemachte neue Vereinbarung, mit der sich der junge Monegasse bis nach dem Ende der Saison 2024 an die Scuderia bindet, ist ein deutliches Zeichen. Der Auftrag ist klar definiert: Leclerc soll Weltmeister und damit Nachfolger von Kimi Räikkönen werden, der als bisher letzter Fahrer von Ferrari vor 13 Jahren den Titel gewonnen hat.

Mit der gleichen Vorgabe hatte Vettel seinen Dienst in Maranello vor fünf Jahren angetreten. Die Erwartungen, in die Fussstapfen von Landsmann Michael Schumacher treten zu können, erfüllten sich nicht. Das übermächtige Team von Mercedes und vorab Lewis Hamilton machten Vettel Saison für Saison einen Strich durch die Rechnung. In seiner bisherigen Bilanz als Angestellter der Scuderia hat er in den WM-Schlussklassementen die Plätze 3, 4, 2, 2 und 5 sowie 14 Siege stehen. Und ob er, falls der Rennbetrieb wegen der Corona-Pandemie überhaupt aufgenommen werden kann, in dieser Saison Versäumtes nachholen kann, muss bezweifelt werden.

Wie weiter?

Ungewissheit kommt auch im Hinblick auf Vettels sportliche Zukunft nach dem Abgang von Ferrari auf. Alternativen für die Fortsetzung seiner Karriere als Formel-1-Fahrer wird er nicht allzu viele haben, zumal für ihn nur ein Engagement in einem anderen Spitzenteam in Frage kommen dürfte. Eine Anstellung bei Mercedes an der Seite von Weltmeister Hamilton ist keine Option. Die Tür zur Rückkehr zum Rennstall Red Bull, mit dem er in den Jahren 2010 bis 2013 die Formel 1 praktisch nach Belieben dominiert hat, stünde vermutlich offen, doch Vettel wird keine grosse Lust auf ein internes Duell mit dem Niederländer Max Verstappen verspüren. Bis Klarheit herrscht, wird es wohl eine Weile dauern, denn überstürzt wird Vettel nicht handeln. «Ich werde mir die Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, was in Zukunft für mich wirklich zählt.»

Spekulationen wird es in nächster Zeit nicht nur über Vettels möglichen Rückzug aus der Formel 1, sondern auch über seinen möglichen Nachfolger bei Ferrari geben. Einer der Anwärter wird Daniel Ricciardo sein. Der zur Zeit bei Renault tätige Australier hat seine Zuneigung zur Traditionsmarke nie verhehlt. Auf dem Radar haben die Verantwortlichen von Ferrari auch Carlos Sainz. Der Spanier hat in der vergangenen Saison, seinem ersten Jahr als Fahrer von McLaren, durchs Band mit starken Auftritten überzeugt.