Van der Graaffs langes Ringen um die Fortsetzung ihrer Karriere

Dass Laurien van der Graaff am Wochenende beim Langlauf-Weltcup in Davos überhaupt dabei ist, steht lange auf der Kippe. Die Fortsetzung der Karriere war alles andere als sicher.

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Konstant müde: Die letzte Saison verlief für Laurien van der Graaff überhaupt nicht wie gewünscht
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Noch immer Freude am Wettkampf: Laurien van der Graaff (re.)
Das Lachen wieder gefunden: Laurien van der Graaff Anfang November beim Training in Davos
Schöne Erinnerungen: Vor zwei Jahren feierte Laurien van der Graaff vor tausenden Schweizer Fans in Lenzerheide ihren ersten Weltcupsieg

Konstant müde: Die letzte Saison verlief für Laurien van der Graaff überhaupt nicht wie gewünscht

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER
(sda)

Laurien van der Graaff lacht oft - und das ist keineswegs selbstverständlich. Die erfolgreichste Schweizer Sprinterin der letzten Jahre hat einen komplizierten Sommer hinter sich. Körperlich und mental sei sie nach dem letzten Winter völlig ausgelaugt gewesen. «Ich musste einsehen, dass ich so nicht weitermachen, dass ich nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand kann», erzählte die 32-jährige Davoserin vor dem Start in die neue Saison. «Aber ich bin froh, dass ich jetzt hier bin.»

Selbstverständlich ist das überhaupt nicht, van der Graaff rang lange mit dem Entscheid, ob sie ihre Karriere als Spitzensportlerin fortführen will. Die letzte Saison verlief auf der ganzen Linie enttäuschend. Zwei 10. Plätze waren viel zu wenig für eine ehrgeizige Sportlerin, die im Jahr zuvor ihre ersten beiden Weltcup-Siege gefeiert hatte. Sie hatte früh gespürt, dass etwas nicht stimmt. «Ich versuchte zwar, positiv zu bleiben, aber ich war immer müde.» Van der Graaff hatte zu viel trainiert, sich «verrannt» wie sie sagte. Nach der WM fiel der gesamte Ballast ab. «In dem Moment konnte ich loslassen und hatte keine Kontrolle mehr. Es war vielleicht ganz gut, mal keine Kontrolle mehr zu haben.»

Dank Schwäche zurück zur Stärke

Hätte die schweizerisch-niederländische Doppelbürgerin, die mit ihren Eltern im Alter von vier Jahren ins Bündnerland kam, im Frühling entscheiden müssen, wäre ein Rücktritt wohl das einzig denkbare Resultat gewesen. «Ich habe mir im Frühling zwei Monate Zeit gegeben, um mir über meinen Weg klar zu werden.» Das reichte aber nicht. Van der Graaff musste erst das Training wieder aufnehmen, um sich entscheiden zu können. «Nicht unbedingt, weil ich die Saison schon im Kopf hatte, sondern weil ich körperlich wieder fit sein musste, damit ich den Entscheid wie auf einem Null-Level treffen konnte.»

Es war eine schwierige Zeit, wie sie offen zugibt. «Ich hätte viel lieber gewusst, was ich will. Ich war unzufrieden, zum Teil auch unglücklich. Ich hätte mir gewünscht, dass es 'Bamm' macht und ich weiss, was ich mache.» Van der Graaff führte viele Gespräche, auch mit ehemaligen Athleten. Ihr engstes Umfeld, die Familie und Freund Andreas Waldmeier, riet ihr eher zum Aufhören, weil sie sahen, dass es ihr nicht gut ging. Es fiel van der Graaff nicht einfach, Hilfe anzunehmen. «Ich bin ja sonst der Mensch, der selber weiss, wo es lang geht und der das Gefühl hat, er sei stark. Aber ich konnte plötzlich nicht mehr stark sein, musste Schwäche zeigen.»

Es wird Ende August, Anfang September, ehe sich die Klarheit einstellt. «Vorher war es ein Auf und Ab. Eine Woche hätte ich Ja gesagt, eine andere Nein. Da ging es erstmals geradlinig aufwärts.» Van der Graaff merkte: «Doch, das mache ich gerne. Es macht mir Spass, unterwegs zu sein.» Einfach gleich weitermachen wie bisher, geht aber nicht.

Mehr Lockerheit, weniger eigener Druck

«Letztes Jahr war ich wie in meinem Tunnel, war so fokussiert, dass ich eigentlich gar nicht merkte, was ich mache.» Erst im Nachhinein sei ihr klar geworden, was sie alles gemacht habe. «Was habe ich mir dabei gedacht? Gedacht habe ich mir wahrscheinlich schon viel, aber nicht mehr auf mein Gefühl gehört. Das war eine grosse Lehre, deshalb nehme ich es jetzt ein bisschen lockerer.» Anders gehe es nicht.

Dabei hilft ihr, dass in diesem Winter kein Grossanlass ansteht. Die Davoserin will jedes Rennen für sich nehmen und sich nicht unter Druck setzen. Auch während eines Sprint-Wettkampfs will sie nun Lauf für Lauf nehmen und sich nicht bereits überlegen, wie sie mit möglichst wenig Energieaufwand in den Final kommen kann. Der Start in Kuusamo verlief mit der Viertelfinal-Qualifikation angesichts der herausfordernden Vorbereitung durchaus ansprechend.

Höhepunkte gibt es durchaus, nicht zuletzt die beiden Heimauftritte in Davos am Samstag und in Lenzerheide nach Weihnachten. Im Landwassertal weist van der Graaff zwei Final-Qualifikationen mit dem 5. Platz 2011 als Bestresultat auf. In Lenzerheide, wo die Tour de Ski startet, war sie 2013 Vierte und feierte sie vor zwei Jahren ihren ersten Weltcupsieg. Auf konkrete Ziele und Resultate will sie sich aber nicht mehr fixieren. «Der Ehrgeiz ist momentan recht fern», versicherte sie vor einem Monat lachend. Wer Laurien van der Graaff ein bisschen kennt, ist aber sicher, dass dieser rechtzeitig wieder da sein wird.