Ian Thorpe oder Sportgeschichte, die nicht zelebriert wurde

Am 28. Juli 2001 gewinnt der australische Teenager Ian Thorpe an den Schwimm-Weltmeisterschaften in Fukuoka seine sechste Goldmedaille. Eine bemerkenswerte Geschichte.

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Ian Thorpes (in schwarz auf Bahn 5) grösster Sieg: 2004 in Athen besiegte er über 200 m Crawl den Holländer Pieter van den Hoogenband (eine Bahn über ihm) und den Amerikaner Michael Phelps (zwei Bahnen über ihm).
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Die australische Staffel mit Ian Thorpe (zweiter von links) feierte die (umstrittene) Staffel-Goldmedaille in Fukuoka
Weltstar Ian Thorpe startete im Februar 2012 während seiner Zeit in der Schweiz am Meeting der Zürcher Limmatsharks im Hallenbad Oerlikon
Thorpe nach dem Scheitern seines Comebacks im März 2012: Nur 21. über 100 m Crawl an den australischen Olympia-Ausscheidungen
Ian «Thorpedo» Thorpe 2001 in Fukuoka nach dem Sieg über 200 m Crawl

Ian Thorpes (in schwarz auf Bahn 5) grösster Sieg: 2004 in Athen besiegte er über 200 m Crawl den Holländer Pieter van den Hoogenband (eine Bahn über ihm) und den Amerikaner Michael Phelps (zwei Bahnen über ihm).

KEYSTONE/AP/DAVID J. PHILLIP
(sda)

Mit 19 Jahren schaffte Ian Thorpe in Japan, was vor ihm keinem Schwimmer gelungen war: Sechs Goldmedaillen an einer WM - inklusive drei Einzel- und einem Staffel-Weltrekord. Aber war Thorpe restlos zufrieden? Nein. Zum Ziel hatte er sich sieben Goldmedaillen gesetzt - wie Mark Spitz an den Olympischen Spielen 1972 in München. Über 100 m Crawl blieb Thorpe aber sogar ohne Medaille (4. Platz).

Und der sechsten Goldmedaille, errungen mit der 4x200 m Crawl-Staffel, haftete ein Makel an. Im Vorlauf, den die Australier zwecks Schonung der Stars mit einem Ersatz-Quartett bestritten, überschritt ein Australier beim Wechsel die Toleranzgrenze gemäss Zeitmessung um 1,1 Sekunden (!). Die Australier hätten disqualifiziert werden müssen, gäbe es nicht die Regel, wonach der Schiedsrichter in den Staffelrennen befugt ist, die Zeiten je nach Eindruck zu korrigieren. Der Referee, übrigens ein Australier, tat dies unter dem Hinweis auf die Videobilder.

Womöglich wechselten die Australier im Vorlauf tatsächlich korrekt und die Zeitmessung versagte. Die TV-Bilder liessen diesen Schluss zumindest zu. Zwei Tage vorher aber waren die Amerikanerinnen in einem ähnlichen Fall disqualifiziert worden. Die Videobilder waren von der Jury als unstatthaft zurückgewiesen worden.

Das führte zur grotesken Situation, dass in Fukuoka zwar Sportgeschichte geschrieben worden war, diese aber nicht zelebriert wurde - weil Thorpe der verpassten siebenten Goldmedaille nachtrauerte, weil neutrale Beobachter eine Bevorteilung der Australier zum Skandal hochschaukelten, weil Thorpes erneute Leistungsexplosion (Doping-)Fragen aufwarf, und weil Thorpe selber die FINA, die sich gegen die damals neuen EPO-Tests entschieden hatte, für die zu lasche Dopingpolitik kritisierte.

Füsse wie Flossen

Thorpe, dem Poster-Boy des Schwimmsports, der vier Jahre vorher als 15-Jähriger erstmals Weltmeister geworden war und 2000 in Sydney seine ersten Olympia-Goldmedaillen geholt hatte, gehörten trotzdem alle Schlagzeilen. Viele reduzierten seine ungeheure Überlegenheit auf den Körper mit Füssen wie Flossen (Schuhgrösse 53). Dabei war Thorpe mit 100 kg bei 1,95 m eigentlich zu schwer für einen Schwimmer.

Aber Thorpe verfügte über enorme Ausdauer und Kraft. Er trainierte länger und härter als die anderen. Unter Dopingverdacht geriet er nur einmal. Die französische Sportzeitung «L'Equipe» beschuldigte Thorpe im März 2007 des Dopings, weil ein Trainingstest erhöhte Werte von Testosteron und Wachstumshormonen ergeben habe. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne befasste sich auf Geheiss des Weltverbandes mit dem Fall, fünf Monate nach dem Bericht in der «L'Equipe» wurde Thorpe aber vom CAS und der australischen Antidoping-Agentur freigesprochen.

From Hero to Zero

Zu dem Zeitpunkt schwamm Thorpe schon nicht mehr. Nach den Sommerspielen 2004 von Athen legte er eine Pause ein; 2006 trat er Knall auf Fall mit 24 zurück. Ein Comeback-Versuch für die Olympischen Spiele 2012 scheiterte.

In die Schlagzeilen geriet Thorpe 2014 erneut. Depressionen machten ihm zu schaffen. Der einstige Schwimmstar drohte im Unglück zu ertrinken. «From Hero to Zero» titelte der australische Boulevard, weil Thorpe sein Leben nicht mehr im Griff hatte. Im April 2014 folgte gesundheitliches Chaos: Wegen Infektionen nach einer Schulteroperation drohte Thorpe kurz der Verlust des linken Arms. Im Juli 2014 outete er sich als homosexuell.

Dennoch: Als elffacher Weltmeister und fünffacher Olympiasieger blieb «Thorpedo» der erfolgreichste Sportler Australiens und eine der beliebtesten öffentlichen Figuren des Landes.

Comeback in der Schweiz

Auch mit der Schweiz ist Thorpe liiert. Für sein (gescheitertes) Comeback zog er 2011 nach Tenero in die Schweiz um. Das Tessin bezeichnete er «als neue Heimat». Er startete an einem Meeting im Hallenbad Oerlikon. Interview-Wünsche lehnte Thorpe in jener Zeit alle ab. Nur mit dem deutschen «Spiegel» sprach er. Thorpe: «In der Schweiz bin ich ein wenig geschützt vor dem Interesse an mir und dem Comeback. Ich tue mich schwer mit öffentlichen Auftritten. Da werde ich aus dem Becken gerissen, in eine Welt, in der ich dann Theater spielen muss.»

Schon anderthalb Jahre vor seinem temporären Umzug in die Schweiz verlor Thorpe an Paul Biedermann seinen letzten Weltrekord über 400 m Crawl. Und auch die Bestmarke von Fukuoka wurde übertroffen: 2007 an den WM in Melbourne gewann der Amerikaner Michael Phelps fünf Einzel- und zwei Staffel-Goldmedaillen.