Hirschi als Dritter auf dem Podest - WM-Titel an Alaphilippe

Nach seinen starken Auftritten an der Tour de France erfüllt Marc Hirschi im WM-Strassenrennen die hohen Erwartungen. Der junge Berner sprintet in Imola beim Sieg von Julian Alaphilippe zu Bronze.

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Julian Alaphilippe gewann solo. Der 28-Jährige sicherte sich damit als erster Franzose seit Laurent Brochard im Jahr 1997 das begehrte Regenbogentrikot des Weltmeisters
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Trotz Corona: Das WM-Strassenrennen der Männer in Italien verfolgten einige tausend Zuschauer am Strassenrand
Ein Solovorstoss von Tadej Pogacar blieb unbelohnt. Der Tour-de-France-Sieger aus Slowenien wurde in der letzten von 9 Runden wieder eingeholt
Zwei Jahre nach seinem WM-Titel bei der U23 stand Marc Hirschi bei seiner zweiten Elite-WM bereits auf dem Podest
Rund 13 km vor dem Ziel wagte sich Marc Hirschi am letzten Anstieg des Tages in die Offensive. Mit einer Tempoverschärfung leitete der junge Berner den Kampf um die Medaillen ein
Marc Hirschi (rechts) gewinnt im WM-Strassenrennen im Imola die Bronzemedaille. Weltmeister wird der Franzose Julian Alaphilippe (Mitte) vor dem Belgier Wout van Aert

Julian Alaphilippe gewann solo. Der 28-Jährige sicherte sich damit als erster Franzose seit Laurent Brochard im Jahr 1997 das begehrte Regenbogentrikot des Weltmeisters

KEYSTONE/EPA/DARIO BELINGHERI
(sda)

Der Aufstieg von Marc Hirschi ist beeindruckend und rasant zugleich. Vor vier Wochen startete er zu seiner ersten Tour de France und sorgte unter den Weltbesten sogleich für Furore. Mit einem Etappensieg und der Auszeichnung zum aktivsten Fahrer der Rundfahrt im Sack zählte Hirschi im WM-Strassenrennen plötzlich zu den Favoriten. Doch der Ittiger hielt dem Druck stand und sorgte mit dem Gewinn von Bronze für den letzten grossen Höhepunkt einer aus Schweizer Sicht ausgezeichneten WM mit gleich drei Medaillen. Mit seinen erst 22 Jahren ist Hirschi seit der Goldmedaille von Lance Armstrong im Jahr 1993 der jüngste WM-Podestfahrer.

«Es war ein richtig harter Tag, der mit einem wunderschönen 3. Platz belohnt wurde», freute sich der U23-Weltmeister von 2018. Der Plan des sechsköpfigen Schweizer Teams ging damit auf. Schon früh im Rennen übernahmen die Fahrer mit dem weissen Kreuz auf der Brust bei der Jagd auf die siebenköpfige Ausreissergruppe Verantwortung. Routiniers wie Michael Schär, Silvan Dillier, Enrico Gasparotto oder Michael Albasini - der zukünftige Schweizer Nationaltrainer bestritt sein letztes WM-Rennen - legten sich für Hirschi ins Zeug, um ihm den Weg ins Finale zu ebnen.

Zentimeter-Entscheidung im Konzert der Grossen

Dort war der Schweizer Leader im Vergleich zu anderen Favoriten aber auf sich alleine gestellt. Nach einem erfolglosen Solovorstoss von Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar ergriff Hirschi in der letzten von neun Runden auf dem mit 5000 Höhenmetern gespickten Kurs gleich selbst die Initiative. Mit einer Tempoverschärfung bei der letzten Überquerung der bis zu 14 Prozent steilen Steigung Cima Gallisterna testete er seine Rivalen und lancierte damit den Kampf um die Medaillen. Dem Konter-Angriff des Polen Michal Kwiatkowski konnte Hirschi zwar noch folgen, beim Antritt von Alaphilippe war aber auch er machtlos.

«Im Moment als Alaphilippe angriff, wusste ich, dass ich einfach bei den anderen bleiben musste, um ihn in der Gruppe noch einholen zu können», kommentierte Hirschi die Szene, als sich der Franzose kurz vor dem Gipfel gut 12 km vor dem Ziel absetzen konnte. Weil in der Gruppe mit lauter Titelanwärtern keiner für den anderen fahren wollte, rettete Alaphilippe letztlich 24 Sekunden auf seine Verfolger ins Ziel.

Hinten duellierte sich Hirschi im Konzert der Grossen mit Kwiatkowski, Jakob Fuglsang, Primoz Roglic und Wout van Aert um Silber und Bronze. Als das Quintett auf die Zielgerade der Formel-1-Strecke in Imola einbog, suchte Hirschi bewusst das Hinterrad von Van Aert. «Er war der stärkste Sprinter der Gruppe und ich dachte mir, wenn ich sein Hinterrad halte, kann ich Dritter werden.» Der Plan des Schweizers ging auf. In einem Fotofinish behielt Hirschi gegen Kwiatkowski, seines Zeichens Weltmeister von 2014, um wenige Zentimeter das bessere Ende für sich. Silber sicherte sich wie schon im Zeitfahren der Belgier Van Aert.

Auf den Punkt bereit

Anders als noch bei Stefan Küng, der im letzten Jahr im WM-Strassenrennen in Yorkshire ebenfalls als Dritter aufs Podest gefahren war, ist Hirschis Medaille keine Sensation, mehr eine Bestätigung, dass er auch in schwierigen Eintagesrennen mit der Weltspitze mithalten kann. Er hat es geschafft, eine Woche nach dem Ende der Tour de France auf den Punkt genau wieder bereit zu sein.

«Diese WM-Medaille bedeutet mir sehr viel, sie gibt mir Selbstvertrauen für die Zukunft», erklärte Hirschi, der nun noch die Ardennen-Klassiker bestreiten wird, ehe seine aufgrund der Corona-Pandemie kurze Saison bereits wieder zu Ende ist. Darüber ist er nach dem intensiven letzten Monat aber nicht ganz unglücklich: «Zwei Wochen noch und dann sind Ferien.»

Alaphilippe: «Es war ein Traumtag»

Am Mittwoch wird Hirschi in Belgien die Flèche Wallone bestreiten und dort erneut auf Alaphilippe treffen. Der Vorjahressieger wird dannzumal ein erstes Mal das Regenbogentrikot des Weltmeisters tragen, das er sich als erster Franzose seit Laurent Brochard im Jahr 1997 erkämpft hatte.

«Ich habe schon viel in meiner Karriere erreicht, aber das Jahr jetzt im Regenbogentrikot zu fahren wird echt besonders werden», sagte ein überglücklicher Alaphilippe. Der 28-Jährige gewann im letzten Jahr unter anderem den Klassiker Mailand - Sanremo sowie zwei Etappen der Tour de France. 15 Tage lang fuhr er damals entfesselt im Maillot jaune und sich damit in die Herzen der Franzosen. In diesem Jahr entschied er in Nizza die 2. Etappe vor Hirschi für sich. 35 Tage später freut sich Alaphilippe in Imola über seinen zweiten Saisonsieg und sagt: «Heute habe ich das grösste Ziel in meiner Karriere erreicht. Es war ein Traumtag.»