Gerd Müller - der «Bomber der Nation» wird 75

Deutschlands «Bomber der Nation» wird heute Dienstag 75. Gerd Müller steht wie kein Zweiter für deutsche Tugenden und eine goldene Ära der Bayern und der Nationalmannschaft.

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Bei der WM 1974 trifft Müller gegen Jugoslawien im Sitzen
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Der goldene Schuh: Keiner traf in der deutschen Bundesliga öfter ins Tor als Gerd Müller
Ein typisches Müller-Goal: Der Schwabe traf auf alle möglichen Arten, sitzend, liegend, aus der Drehung, mit dem Kopf
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Bei der WM 1974 trifft Müller gegen Jugoslawien im Sitzen

KEYSTONE/AP NY/ANONYMOUS
(sda/dpa)

Bei der Wahl des besten Fussballers der Geschichte landet Gerd Müller nie ganz vorne. Dafür war das Spiel des kleinen Angreifers mit dem unnachahmlichen Torriecher zu wenig elegant und schön anzusehen. Seine Effizienz war aber einzigartig und führte sogar zu einer neuen Wortschöpfung.

Als Fussballer war der nur 1,76 Meter grosse Schwabe der König des Strafraums. Kein deutscher Stürmer vor und nach ihm erreichte seine Klasse. Es müllerte in praktisch jedem Spiel. Er traf aus der Drehung, im Fallen und im Sitzen, mit links oder rechts und mit dem Kopf. Müller traf in nur 62 Partien für Deutschland 68 Mal - eine phänomenale Quote von 1,1 Treffern pro Einsatz.

Das Tor für die Ewigkeit schoss er am Ende seiner viel zu früh beendeten Nationalmannschafts-Karriere. Im WM-Final 1974 erzielte er im Münchner Olympiastadion das 2:1 gegen die Niederlande. Europameister wurde Müller bereits 1972, er ist ausserdem der erfolgreichste Torschütze der deutschen Bundesliga (365 Tore in 427 Partien). Von 1979 bis 1982 klang seine Karriere in den USA aus.

Sieg gegen den Alkohol

Der Sieg über seine Alkoholkrankheit Anfang der Neunzigerjahre war aber der vermutlich wichtigste Sieg im Leben des gelernten Webers. «Nach vier Wochen bin ich aus der Kur gekommen. Es in so kurzer Zeit zu schaffen, das war schon eine Leistung», erzählte Müller im Herbst 2007 mit Stolz. Damals wirkte er als Co-Trainer der Bayern-Amateure an der Seite von Hermann Gerland. Weltmeister wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller und Toni Kroos profitierten von seinem Erfahrungsschatz.

Es war eine Aufgabe, die den bodenständigen Müller ausfüllte, glücklich und zufrieden stimmte. «Der Verein ist alles für mich», sagte er damals. Als Müller 1964 als 18-Jähriger vom schwäbischen Amateurligisten TSV 1861 Nördlingen zum FC Bayern wechselte, wurden seine Tore mit einem Grundgehalt von 160 Mark im Monat entlöhnt. Heutzutage würde er mit Millionen Euro überschüttet. Doch ein Profileben in Zeiten von Twitter, Facebook, Instagram und täglichem Medienrummel wäre für Müller garantiert eher ein Gräuel als ein Glücksfall gewesen. Müller war ein Weltstar, aber keiner für Glamour und Rote Teppiche.

«Ich bin keiner, der gerne weg von zu Hause ist», sagte der ehemalige Torjäger, als es ihm noch besser ging. Auf Champions-League-Reisen des FC Bayern liess er sich von seinem Herzensklub als Attraktion für Sponsoren und Edelfans einspannen. Das genügte ihm an Aufmerksamkeit. Für Vereinspatron Uli Hoeness war «der Gerd» stets mehr als ein grossartiger Fussballer. Er sei vor allem «ein feiner Mensch». Hoeness, der in den grossen Bayern-Zeiten in den Siebzigerjahren an der Seite Müllers stürmte, zählte zu denen, die auch in der grössten Lebenskrise des sportlich so erfolgreichen Profis da waren.

Der wichtigste Spieler der Bayern-Geschichte

Für Franz Beckenbauer ist Müller nicht weniger als der wichtigste Spieler in der Geschichte der Münchner. «Was der FC Bayern heute darstellt, mit diesem Palast an der Säbener Strasse - ohne Gerd Müller wären die Leute da immer noch in dieser Holzhütte von damals», lautet ein Satz, mit dem der kürzlich 75 Jahre alt gewordene Beckenbauer gerne Müllers Bedeutung beschreibt.

Dessen Ehrentag wird aber ohne grosse Feierlichkeiten begangen werden. Gerd Müller ist an Alzheimer erkrankt und lebt seit Jahren im Pflegeheim. Dort wird er professionell betreut. Das Schicksal des von vielen nur «Bomber» genannten Müller hat über die Fussballszene hinaus viele Menschen in Deutschland berührt.