Für tot erklärt, in vollem Glanz auferstanden

Es gibt in der Sportgeschichte keinen Weltstar, der nach riesigen Erfolgen so tief gefallen und wiederauferstanden ist wie Tiger Woods. Am US Masters in Augusta erlebte man ein Wunder. Ein Wunder?

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Mag die Trophäe, das Klubhaus von Augusta auch kitschig sein - Tiger Woods' Glück kennt keine Grenzen (Bild: KEYSTONE/EPA/ERIK S. LESSER)
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Tiger Woods nach dem Triumph mit seinem Caddie Joe LaCava (Bild: KEYSTONE/EPA/ERIK S. LESSER)
Vorjahressieger Patrick Reed kleidet Tiger Woods in das berühmte Grüne Jackett ein (Bild: KEYSTONE/EPA/ERIK S. LESSER)
Die Menge tobt, Tiger Woods auch (Bild: KEYSTONE/AP/MATT SLOCUM)
Das unfassbare Bild, nachdem der letzte und wichtigste Putt gefallen ist. Der Schrei war eine Explosion (Bild: KEYSTONE/AP/DAVID J. PHILLIP)

Mag die Trophäe, das Klubhaus von Augusta auch kitschig sein - Tiger Woods' Glück kennt keine Grenzen (Bild: KEYSTONE/EPA/ERIK S. LESSER)

(sda)

Roger Federer verlor 2008 den Halbfinal am Australian Open gegen Novak Djokovic. Im Final des French Open wurde er von Rafael Nadal deklassiert. In Wimbledon lieferten sich Nadal und Federer einen legendären Final. Federer verlor ihn. Viele Fachleute mutmassten und argwöhnten, dass der Schweizer vielleicht nicht noch mehr Grand-Slam-Titel gewinnen würde als die zwölf, die er schon gewonnen hatte. Rund ein Jahrzehnt später errang Federer in rascher Folge die Grand-Slam-Titel 18, 19 und 20. Es scheint fast, dass Federer die ganze Zeit der Einzige war, der immer an Federer glaubte.

Tiger Woods, ein anderer Grosser der Sportgeschichte, war während einer längeren Zeit viel weiter von einem glanzvollen Comeback entfernt, als es Roger Federer jemals gewesen war. Woods wurde quasi schon für tot erklärt, als er an Krücken ging und offensichtlich grosse Probleme mit Medikamenten, Drogen und Alkohol hatte. Zuvor hatte er sich mit dem medial ausgeschlachteten Ehe- und Sexskandal, den er allein verursacht hatte, einen Bärendienst erwiesen.

Ein grosser Teil der Öffentlichkeit wendete sich von ihm ab, er verlor Sponsoren und seinen Ruf als Vorbild. Es schadete seiner Psyche. Nur ein Golfer mit einer gefestigten Psyche kann in der härtesten Konkurrenz an den Turnieren mit Grand-Slam-Charakter bestehen. Als er im Kopf wieder stärker war, stellten sich zuhauf die körperlichen Probleme ein. Rechnet man alles zusammen, kommt man fast auf die elf Jahre, in denen Woods - zwischen Juni 2008 und April 2019 - keinen Majortitel erringen konnte.

Was Federer und Woods verbindet, sind das aussergewöhnliche, einmalige Talent und die aussergewöhnlichen technischen Fertigkeiten im Umgang mit Tennisracket und Golfschläger. Es sind Dinge, die der Spieler kaum je verliert, wenn er sie einmal hat. Und deshalb gilt, dass die Besten ihres Sports nie abgeschrieben werden sollten, auch wenn sie aus unterschiedlichen Gründen eine Talsohle durchschreiten. Sie können immer wieder zurückkommen, solange es das Alter und die körperliche Grundverfassung gestatten. Chronische Kritiker und Nörgler und Besserwisser unter den Fachleuten könnten sich dies merken.

Ein Comeback Plus

Mit dem Triumphzug im Augusta National Golf Club hat Woods die Sportwelt entzückt und verblüfft. Darüber hinaus errang er den Sieg mit einer Methode, die er noch nie erfolgreich angewandt hatte. Bei den 14 vorangegangenen grossen Siegen - vom US Masters 1997 bis zum US Open 2008 - war Woods immer vor der Schlussrunde Leader oder Co-Leader. An keinem grossen Turnier konnte er auf den letzten 18 Löchern einen Gegner einholen und überholen. Genau dies ist ihm jetzt erstmals gelungen, nachdem er mit zwei Schlägen Rückstand auf den italienischen British-Open-Sieger Francesco Molinari in die letzte Runde gegangen war. Was ihm einmal geglückt ist, daran kann er sich bei anderer Gelegenheit erinnern und es noch einmal tun.

Im Elfer-Club

Zieht man die Statistiken der vier grossen Golfturniere heran, entdeckt man eine Gesetzmässigkeit. Ein Golfer, der nach einem grossen Erfolg elf Jahre ohne weiteren grossen Erfolg verstreichen lässt, gewinnt nie mehr etwas Grosses. So gesehen, hat Tiger Woods am Wochenende gleichsam bei letzter Gelegenheit zugeschlagen. In der Nachkriegszeit gab es drei Golfer, die nach einem Unterbruch von elf Jahren an einem Major triumphierten. Es waren lauter Amerikaner: Julius Boros am US Open 1963, Hale Irwin am US Open 1990 und Ben Crenshaw am US Masters 1995. Alle drei waren bei ihren neuerlichen Siegen im Herbst ihrer Karrieren. Irwin war 45 Jahre alt, Boros und Crenshaw waren - genau wie Tiger Woods jetzt - 43 Jahre alt. Der renommierte Südafrikaner Ernie Els legte zehn Jahre zwischen seine beiden Siege am British Open (2002 und 2012).

Was Mickelson kann, kann auch Woods

Im Tennis wäre Tiger Woods mit seinen 43 Jahren auf höchstem Niveau nicht mehr konkurrenzfähig. Dank den Eigenheiten des Golfsports können die Besten florieren, bis sie auf die 50 zugehen. Das beste aktuelle Beispiel liefert der Amerikaner Phil Mickelson, mit sechs Siegen an Majorturnieren der beste noch auf der grossen Tour aktive Golfprofi nach Tiger Woods. Mickelson wird im Juni 49 Jahre alt. Er ist fünfeinhalb Jahre älter als Woods und verfügt immer noch über das Können, das ihm weitere grosse Siege eintragen könnte. Woods könnte also noch eine Zeitlang auf seinem wunderbaren Weg weitergehen.