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Für den Trainer der Schweizer Fussballfrauen Nils Nielsen gilt: Empathie ist das Erfolgsgeheimnis

Der 47-jährige Däne Nils Nielsen ist Nationaltrainer der Schweizer Fussballfrauen und hofft auf einen Höhenflug wie mit Dänemark.
Markus Brütsch
Der dänische Trainer Nils Nielsen hat mit den Schweizer Fussballerinnen viel vor und die Europameisterschaft 2021 in England im Visier (Bild: key).

Der dänische Trainer Nils Nielsen hat mit den Schweizer Fussballerinnen viel vor und die Europameisterschaft 2021 in England im Visier (Bild: key).

Ein paar Zaungäste, ein Fotograf, drei Journalisten und zwei Dokumentarfilmer sind bereits sur Place, als der Mannschaftsbus der Frauen-Nationalmannschaft vorfährt. Hier, auf dem Sportplatz Kirchberg in der deutschen Enklave Büsingen, bereiten sich die Schweizerinnen auf das EM-Ausscheidungsspiel gegen Litauen vor. Auf englisch stimmt Coach Nils Nielsen seine Frauen auf die Trainingslektion ein, um dann ins Deutsche zu switchen, bevor die Spielerinnen mit dem Balltraining beginnen.
Am kommenden Dienstag beginnt für sie im Schaffhauser Lipo-Park die EM-Kampagne «England 2021». Nach der verpassten WM in Frankreich lechzen sie danach, auf die grosse Bühne zurückzukehren. Deshalb hat der Verband nach dem Abgang von Martina Voss-Tecklenburg mit Nielsen einen Mann für grosse Ziele verpflichtet. «Sein Leistungsausweis im Frauenfussball ist hervorragend, sowohl als Entwickler als auch als Performer», sagte Sportdirektor Laurent Prince bei der Vorstellung.

Geboren in Grönland und aufgewachsen auf Ærø

Wie aber tickt dieser Wundertrainer? Aufgewachsen ist Nielsen während seinen ersten fünf Lebensjahren in Grönland und danach auf der dänischen Insel Ærø unweit von Flensburg. Dort hat er Touristen durch das Schifffahrtsmuseum geführt und sich die deutsche Sprache angeeignet.
Sein Traum, ein Fussballstar à la Maradona zu werden, platzte im Alter von 20 Jahren wegen einer Rückenverletzung. So absolvierte er die Trainerausbildung und war danach viele Jahre im Spitzennachwuchs des dänischen Klubfussballs tätig. Weil er sah, dass die Jungen nichts davon hielten, mal ein Buch zu lesen, schrieb er selber einen Roman über Fussball, Liebe und Freundschaft. «Damit wollte ich die Jugendlichen erreichen. Es hat nicht mal schlecht geklappt», sagt Nielsen. Schliesslich wechselte er zum Verband, wo er 2013 die Nationalmannschaft der Frauen übernahm und mit dieser 2017 eine aufsehenerregende Erfolgsgeschichte schrieb. Bei der EM in Holland holte Dänemark Silber.
Jetzt aber ist Nielsen für die Schweiz im Einsatz und es ist spannend, ihm in Büsingen bei der Arbeit zuzusehen. Den Spielerinnen macht das Training Spass, der Däne kommt gut an bei Team und Staff. Stürmerin Ana-Maria Crnogorcevic sagt, unter Nielsen hätten die Spielerinnen mehr Freiheiten als unter Voss-Tecklenburg. Es sei nicht mehr alles so streng durchgetaktet. «Der Trainer legt Wert auf Selbstverantwortung», sagt Crnogorcevic. Assistenztrainerin Marisa Wunderlin ist glücklich darüber, wie sich die Zusammenarbeit angelassen hat: «Nils lässt mich spüren, dass ich Verantwortung übernehmen soll und mein Wort etwas zählt.»

Die schwierigen ersten Tage im Trainingslager

Am Tag zuvor hat Nielsen im Schaffhauser Mannschaftshotel gleich hinter dem Bahnhof erzählt, was er mit seinem Team vorhat und über die schwierigen ersten zwei Tage des Camps gesprochen. Nach dem Tod von Florijana Ismaili, die im Juni beim 1:1 in Serbien noch in der Startaufstellung gestanden und zwei Wochen später im Comersee ertrunken war, konnte Nielsen beim ersten Zusammenzug nach der Sommerpause nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. «Es ist schrecklich, dass so etwas passieren kann. Es war wichtig, Raum zu schaffen, für eine gemeinsame Verarbeitung», sagt Nielsen und lobt die Verbands-Sportpsychologin Nina Jokuschies für ihre exzellente Arbeit. «Wir müssen für Florijana nun gute Leistungen zeigen», sagt Nielsen. «Mehr können wir nicht tun.»
Der 47-Jährige ist überzeugt, dass die Schweizerinnen die Qualitäten haben, um sich in der Gruppe mit Litauen, Rumänien, Belgien und Kroatien durchzusetzen und bei der EM in zwei Jahren vielleicht das erreichen, was die Däninnen 2017 geschafft haben. «Warum soll uns das nicht auch gelingen?», fragt Nielsen. In den vergangenen neun Monaten hat er sich einen Überblick verschafft. 20 seiner Spielerinnen kicken im Ausland und mittlerweile mehr als Hälfte sind Profi-Spielerinnen. «Wir konnten uns gut vorbereiten. Sollten die Leistungen nicht stimmen, gibt es keine Entschuldigung», sagt Nielsen
Wer mit dem Skandinavier spricht, merkt bald, wie dieser Trainer funktioniert. Wichtiger als eine ausgeklügelte Taktik ist ihm der Umgang mit seinen Spielerinnen, um ihnen eine positive Mentalität zu vermitteln. Er verlangt von ihnen, keine Angst vor Fehlern zu haben. «Wer das hat, kann nicht gut spielen», sagt Frauenversteher Nielsen. Ein zentraler Punkt seiner Teamführung ist die Empathie: «Ich will wissen, was meine Spielerinnen beschäftigt. Ob sie zum Beispiel vor einer wichtigen Prüfung in der Schule stehen.» Und jenen, die im Ausland engagiert sind, will er mit Besuchen zeigen, dass er sie nicht vergessen hat.
Wenn Nielsen das dänische EM-Wunder erklären muss und begründen, warum plötzlich 1,4 Millionen begeisterte Frauenfussballfans vor dem Bildschirm sassen, sagt er bloss: «Das Fernsehen ist schuld. Ihm verdanken die Fussballerinnen, dass man sie heute alle mit Namen kennt.» Nach zweijährigen Verhandlungen war das dänische Fernsehen bereit gewesen, alle Frauen-Pflichtspiele zu übertragen. «Ohne diese mediale Präsenz und Motivation wären unsere Erfolge nicht möglich geworden. Wer die Bevölkerung mitnehmen will, braucht das Fernsehen», sagt Nielsen. Er hofft, dass man auch in der Schweiz gewillt ist, auf diese Strategie zu setzen.

Die Lehre aus einer Scheidung

Darum aber hat er nach dem grössten Erfolg seiner Trainerkarriere den Rücktritt gegeben? Offen erklärt der vierfache Vater Nielsen, dass die Scheidung von seiner ersten Frau der Grund dafür gewesen sei. «Ich habe viel zu viel gearbeitet und meine Familie mit den beiden Kindern vernachlässigt. Diesen Fehler wollte ich in meiner zweiten Beziehung nicht wiederholen.» Ein Engagement als U20-Assistenztrainer in China nahm er nur an, weil die Familie es wollte und mit nach Asien ging. Das Abenteuer dauerte indes nur sechs Monate, weil sein Sohn die schmutzige Pekinger Luft nicht ertrug und erkrankte.
Seit Februar lebt die Familie in Bern und fühlt sich wohl. In seiner Freizeit greift Nielsen auch mal zur Gitarre. Dem Schaffhauser Lokalfernsehen hat er versprochen, nach dem ersten grossen Sieg mit unserer Nati ein Konzert zu geben.
Nielsen will nicht ausschliessen, auch mal wieder in den Männerfussball zu wechseln. «Ich liebe den Fussball; egal, ob bei den Männern oder Frauen», sagt Nielsen. «Der Frauenfussball ist allerdings noch wesentlich unverdorbener, als jener der Männer. «Ich wünsche mir, dass das Geld nicht auch noch ihn verdirbt.»

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