Djokovic und die unerfüllte Suche nach der Liebe

Es gibt kaum Zweifel, dass Novak Djokovic, der an den ATP Finals gegen Roger Federer um den Halbfinal-Einzug spielt, aktuell der beste Tennisspieler der Welt ist. Das genügt ihm aber nicht.

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Dominierend im Tennis, aber nicht so geliebt wie Roger Federer oder Rafael Nadal: Novak Djokovic (Bild: KEYSTONE/EPA/WILL OLIVER)

Dominierend im Tennis, aber nicht so geliebt wie Roger Federer oder Rafael Nadal: Novak Djokovic (Bild: KEYSTONE/EPA/WILL OLIVER)

(sda)

Novak Djokovic war am späten Dienstagabend mies gelaunt. Zwar deckte er nach seiner knappen Niederlage gegen Dominic Thiem den Österreicher mit überschwänglichem (und wohl verdientem) Lob ein. Doch als das bevorstehende Duell gegen Roger Federer zum Thema wurde, brachte er nur ein kurz angebundenes «Das ist doch egal» raus und verschwand nach nur vier Fragen in die kalte Londoner Nacht.

Vielleicht war es ja nicht nur die schmerzhafte Niederlage gegen Thiem, die Djokovic so missmutig gestimmt hatte. Es dürfte ihn auch geärgert haben, dass die Fans in der O2 Arena grossmehrheitlich seinen Gegner anfeuerten. «Amor y Paz» lautete die Philosophie des spanischen Mental-Gurus Pepe Imaz, der Djokovic von 2016 bis 2018 knapp zwei (erfolglose) Jahre lang folgte. Die so herbeigesehnte Liebe der Fans fand er dabei aber nicht, den inneren Frieden ebenso wenig. Seit der Trennung von Imaz eilt der Serbe wieder von Erfolg zu Erfolg. Doch ist das genug?

Was Djokovic auch macht - er hat keine Chance, an den beiden Branchen-Lieblingen Roger Federer und Rafael Nadal vorbeizukommen. Die Zuschauer lieben zwar meist den Aussenseiter. Dennoch ist es undenkbar, dass ein internationales Publikum wie in London in einem dritten Satz auf der Seite von Thiem und gegen Federer oder Nadal wäre. Auch von den Mitspielern und Konkurrenten erntet Djokovic eher kühle Anerkennung als Zuneigung. Dies zeigt sich deutlich in seiner unglücklichen Rolle als Präsident des ATP-Spielerrates, wo er für seine Personalpolitik fast durchs Band weg kritisiert wird. Und während seine Beziehung zu Federer und Nadal lediglich von professionellem Respekt geprägt ist, scheinen sich die anderen beiden auf persönlicher Ebene tatsächlich nahezustehen.

Es bleibt die Jagd nach Rekorden

Was Djokovic also bleibt, ist die Jagd nach Rekorden. Im Gegensatz zu Federer und Nadal, die zumindest in der Öffentlichkeit stets die Liebe zum Tennis als hauptsächliche Motivation angeben, sind für Djokovic die Rekorde seine Haupt-Antriebsfeder. Und vielleicht auch sein Erfolgsgeheimnis. Kein anderer - nicht einmal Rafael Nadal - kann sich so in eine Partie «verbeissen» wie der 32-jährige Serbe. Auch deshalb schmerzte wohl die Niederlage gegen Thiem, weil es die Art Spiel war, die Djokovic normalerweise gewinnt. So wie im letzten Wimbedon-Final, in dem er gegen Federer nach zwei abgewehrten Matchbällen noch triumphierte. Natürlich entgegen der Hoffnungen der Zuschauer im Stadion.

Federer ist auch jetzt wieder sein Hindernis auf dem Weg zu neuen Bestmarken. Zum einen könnte Djokovic mit dem sechsten Titel an den ATP Finals mit dem Schweizer Rekordhalter gleichziehen. Zum andern muss er mindestens den Final erreichen, wenn er Nadal wieder als Nummer 1 der Weltrangliste ablösen will. Er würde dann ein sechstes Mal ein Kalenderjahr an der Spitze beenden und damit etwas schaffen, das bisher einzig Pete Sampras, nicht aber Federer (5 Mal) oder Nadal (4) erreicht hat. «Das sind für mich die grössten zwei Erfolge, die ein Tennisspieler erreichen kann: Grand-Slam-Turniere zu gewinnen und am Ende des Jahres die Nummer 1 zu sein», erklärte Djokovic vor dem Start ins Turnier.

Eigentlich wäre ein Sieg am Donnerstag (21.00 Uhr Schweizer Zeit) für Federer wichtiger, um eine Saison ohne Grand-Slam-Titel zu veredeln und sich für die Niederlage in Wimbledon zu revanchieren. Dennoch macht es den Anschein, dass sich Djokovic stärker unter Druck setzt. Er weiss: Federer könnte in den Augen der Öffentlichkeit auch dann als grösster Tennisspieler in die Geschichte eingehen, wenn er am Ende ein paar Siege weniger auf dem Konto hat. Für ihn ist dies nur möglich, wenn er in allen Belangen mehr Erfolge aufweist. Wenn er schon nicht die Liebe erobern kann, dann wenigstens so viele Rekorde wie möglich.

Keine Frage: Djokovic wird bis in die Fingerspitzen motiviert sein. Und was das heisst, musste Roger Federer in den letzten Jahren des Öfteren schmerzlich erfahren. Der Serbe ist klarer Favorit auf den Sieg. Im Kampf um die Gunst der Fans hat er aber bereits verloren.