Die Hüfte hält: Andy Murray besteht am US Open über fünf Sätze

2019 scheint die Karriere von Andy Murray beendet. Nun setzt sich der ehemalige Weltranglisten-Erste am US Open in Runde 1 in 4:39 Stunden durch. Eine Metallhüfte vollbringt ein kleines Wunder.

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0:2-Satzrückstand: Anfangs läuft es dem Briten gegen den Japaner Yoshihito Nishioka nicht nach Wunsch
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Andy Murray jubelt nach seinem Kraftakt in der 1. Runde
Am Ende wird Andy Murray für seinen Kampfgeist belohnt - zum zehnten Mal gewinnt er nach 0:2-Satzrückstand
Yoshihito Nishioka spielt solide, profitiert aber auch von insgesamt 77 unerzwungenen Fehlern von Andy Murray

0:2-Satzrückstand: Anfangs läuft es dem Briten gegen den Japaner Yoshihito Nishioka nicht nach Wunsch

KEYSTONE/AP/Seth Wenig
(sda)

Es war kein Vergnügen mehr, damals im Januar 2019. Geplagt von kaum mehr auszuhaltenden Schmerzen in der Hüfte schleppte sich Andy Murray am Australian Open gegen den Spanier Roberto Bautista Agut mehr schlecht als recht und mutmasslich zum letzten Mal über fünf Sätze, mit qualvollem Stöhnen und schmerzverzerrtem Gesicht während den Ballwechseln und mit noch schwerfälligerem Gang als ohnehin dazwischen. Er verlor und verkündete unter Tränen, dass dies wahrscheinlich sein letztes Turnier als Tennisspieler gewesen sei. Um sich zumindest im Alltag wieder einigermassen normal bewegen zu können, werde er sich das lädierte Hüftgelenk ersetzen lassen, erklärte der dreifache Grand-Slam-Sieger damals.

Anderthalb Jahre später hat Murray sein Lachen zurück. Die Operation, seine zweite an der Hüfte, wirkte Wunder. Trotz Zweifeln von ärztlicher Seite, ob die eingesetzte Metallkappe über dem abgeschliffenen Hüftkopf Spitzensport wieder zulassen würde, trat der ehemalige Weltranglisten-Erste noch im selben Jahr in Wimbledon an. Murray startete gemächlich, im Doppel mit Serena Williams, ehe er sich im August 2019 auch im Einzel zurück meldete. Zwei Monate später feierte er in Antwerpen im Final gegen Stan Wawrinka seinen 46. ATP-Titel. Nun bestreitet Murray am US Open erstmals wieder ein Grand-Slam-Turnier über drei Gewinnsätze. «Meine Lebensqualität ist wieder viel besser und entsprechend auch meine Stimmung. Vor der Operation war ich auf dem Platz oft schlecht gelaunt. Ich hatte andauernd Schmerzen und wusste nicht, ob ich so noch Tennis spielen wollte.»

Nichts vom Kampfgeist eingebüsst

Im Arthur Ashe Stadium zeigte Murray, dass er von seinem Kampfgeist nichts eingebüsst hat. Gegen den soliden, aber limitierten Japaner Yoshihito Nishioka (ATP 49) unterliefen dem ehemaligen Weltranglisten-Ersten 77 Eigenfehler. Er handelte sich einen 0:2-Satzrückstand ein, fluchte wie in seinen besten Tagen, wehrte im vierten Satz einen Matchball ab und lag im fünften mit Break hinten. Am Ende setzte er sich nach 4:39 Stunden 4:6, 4:6, 7:6 (7:5), 7:6, (7:4), 6:4 durch.

«Dieser Sieg sagt viel. Vor allem beantwortet er meine Frage, ob ich körperlich durchhalten würde, wenn ein Match über fünf Sätze geht. Ich weiss nicht, wie viele von meinem Team geglaubt haben, dass ich je wieder fähig sein würde, solche Spiele zu gewinnen», sagte Murray nach dem Marathon-Auftakt und vor der Zweitrunden-Partie gegen den favorisierten Kanadier Felix Auger-Aliassime (ATP 21) in der Nacht auf Freitag. Dafür, dass es so ein langes Spiel war, gehe es ihm ziemlich gut. Er fühle sich viel besser als nach der Niederlage gegen Bautista Agut in Australien, die Hüfte schmerze nicht. Gänzlich ohne Beschwerden blieb der US-Open-Sieger von 2012 aber nicht: «Es gibt ein Eisbad hier auf der Anlage, das man im Notfall benützen darf. Für mich ist das ein Notfall, weil mein ganzer Körper schmerzt. Mir tun die Zehen und ein bisschen alles weh.»

Thiem & Co. als Fans in den Logen

In der Tennis-Blase von Flushing Meadows ist Murray wohl der Spieler mit dem breitesten Zuspruch. Denn während die Zuschauer ausgesperrt sind, können sich die anderen Teilnehmer die Partien in den Stadien anschauen. Zahlreiche Spieler liessen sich Murrays Auftritt in der Nacht auf Mittwoch nicht entgehen. In den für die Gesetzten reservierten Logen verfolgten unter anderem Novak Djokovic, Dominic Thiem, Stefanos Tsitsipas und Naomi Osaka das Geschehen.

Er liebe es, Andy Murray zuzuschauen, meinte Thiem. «Er war und ist einer meiner absoluten Lieblingsspieler, ein richtiges Vorbild. Wie er fightet, sein Wille, ist Wahnsinn. Er bewegt sich nicht mehr so gut wie zu seinen besten Zeiten, aber das weiss er selber. Man spricht immer von den Big 3, aber für mich gehört Andy auch dazu. In einer anderen Ära hätte er bestimmt über zehn Grand-Slam-Turniere gewonnen.»