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Deutscher Nati-Trainer Joachim Löw: «Sobald man vor die Türe geht, hat man kein Privatleben mehr.»

Deutschlands Nationaltrainer Joachim Löw erklärt, weshalb er nach der verpatzen WM 2018 nicht zurückgetreten ist, in den 90-er Jahren dank Schweizer Einfluss Trainer geworden war, den spanischen Fussball mag und sich manchmal nach mehr Privatsphäre sehnt.
Etienne Wuillemin und Markus Brütsch aus Freiburg

Interview Teil 2

Allein im Regen: Jogi Löw, Bundestrainer seit 2006 (Bild: key)

Allein im Regen: Jogi Löw, Bundestrainer seit 2006 (Bild: key)

Welche Gedanken macht sich heute ein Bundestrainer, die es 2006 noch nicht gab?

2006 begannen wir mit einer Vision. Im letzten Jahr drängte sich für uns die Frage auf, was wir in Deutschland in der Ausbildung besser machen können. Das sind Herausforderungen, die ich 2006 oder 2010 nicht so im Blick gehabt habe. Wir haben relativ wenige Eins-gegen-Eins-Spieler, aber viele Kombinationsspieler. Solche wie Gnabry, Brandt und Sané sind stark im Dribbling. Das ist die Zukunft.

Wo sehen Sie zudem noch Optimierungspotenzial?

Wir müssen im kognitiven Bereich dazulernen. Körperlich und konditionell gesehen gibt es nicht mehr so viel Verbesserungspotenzial. Kognitive Fähigkeiten, Handlungsschnelligkeit, Entscheidungen treffen, das setzt natürlich gute Technik voraus. Man spielt heute, wenn der Gegner die Zeit hat sich zu organisieren, gegen eine Wand. Gegen Van Dijks und De Ligts zum Beispiel. Dann gehen die Spiele 0:0 aus. Wir haben uns jahrelang über Ballbesitz den Gegner so zurechtgelegt, wie wir es wollten. In 70 bis 80 Prozent knickte er irgendwann ein. Aber bei der WM 2018 hatten wir das Problem, dass wir in diesem Ballbesitz fast gestorben sind. Es gab keine schnellen Umschaltphasen mehr, keine ersten Aktionen nach Ballgewinnen. Es fehlte die Bereitschaft, den Gegner durch Läufe in Verlegenheit zu bringen

Ist die Zeit des Ballbesitzfussballs vorbei?

Nein, definitiv nicht. Wir müssen ihn nur etwas anders handhaben. Wer denkt, der Ballbesitzfussball sei vorbei, macht einen Fehler.

Sie würden gut nach Spanien passen.

Ich bin ein Freund der spanischen Liga. Das kommt meiner Denkweise relativ nahe. Ich finde, die spielen alle guten Fussball, auch die kleineren Vereine. Wenn ich manchmal in Barcelona bin oder bei Real Madrid und Spiele sehe, dann kommt ein kleinerer Verein, spielt auch mutig und risikoreich. Nicht die Angst, sondern die eigene Freude ist zentral. Technisch gesehen ist der spanische Fussball schon sehr gut. Das beginnt bei der Ausbildung. Ich bin ein Freund der Philosophie von Barcelona. Die steht für etwas. Ich habe dort mal 10-Jährige gesehen. Das ist die reinste Freude! Das hätte ich mir nie vorstellen können. Dass 10-Jährige so gut kicken können. Und so intelligent. Wahnsinn! Sensationell.

Warum das? Hat Barcelona einfach die besten Talente rekrutiert? Oder machen sie tatsächlich etwas völlig anders und sind darum besser als die Konkurrenz?

Vielleicht haben sie einfach die grösste Konsequenz in der Ausbildung. Es heisst: So wollen wir das. Und dann machen es auch alle so. Innerhalb von vier Jahren lernen die Kinder so viel. Natürlich ist es schwierig zu definieren: was ist Talent? Und was ist gelernt? Wer ist ein Talent? Kommt man als Messi auf die Welt? Die Motorik muss sicher stimmen beim Spitzensportler. Was mich zudem beeindruckt: Die Kinder in Spanien rennen nicht alle dem Ball nach. Die spielen in ihren Räumen, auch eins gegen eins manchmal und du denkst: von der taktischen Ausrichtung her könnten das auch die Profis sein. Die Ausbildung ist durchgängig, klar und konsequent.

Der Assistent sagt, wo es lang geht: Jogi Löw (rechts) im Jahr 2005 neben seinem Chef Jürgen Klinsmann (Bild: key).

Der Assistent sagt, wo es lang geht: Jogi Löw (rechts) im Jahr 2005 neben seinem Chef Jürgen Klinsmann (Bild: key).

Warum ist das in anderen Ländern, auch Deutschland, anders?

Ich denke manchmal, dass bei uns in den U-Mannschaften schon wahnsinnig viel vorgegeben wird. Was Systeme betrifft beispielsweise. In Barcelona sind der Ball, die Spielfreude, die Technik und die Intelligenz im Mittelpunkt. Vielleicht sind die Vorgaben bei uns zu viel. Das Gute ist doch manchmal auch, wenn die Kinder selber ihre Lösungen finden, selber kreativ werden. In Brasilien sah ich manchmal Kinder kicken an Orten, da dachte ich: Das geht ja gar nicht, der Platz ist ja total abfallend, mit Dingen im Weg, widrigste Bedingungen.

Sie sind seit 13 Jahre Trainer derselben Mannschaft. Das ist eigentlich eine Undenkbarkeit im schnelllebigen Fussballgeschäft. Wieso ist das bei Ihnen eine Selbstverständlichkeit geworden? Jogi Löw, der Ewige Bundestrainer.

Der Ewige definitiv nicht (lacht). Noch mal 13 Jahre werde ich bestimmt nicht Bundestrainer sein.

Haben Sie bisher jemals daran gedacht, dass Schluss sein könnte?

Nach jedem Turnier stellte ich solche Überlegungen an. Was kann ich der Mannschaft noch geben? Erreiche ich sie noch? Wo können wir Impulse setzen, neue Reize? 2018 war ich nach der WM eigentlich relativ schnell sicher, dass ich weitermachen möchte, obwohl die Enttäuschung wahnsinnig gross war. Aber ich habe eigentlich 2014 und 2016 länger gebraucht, um Gewissheit zu haben. Im letzten Jahr sind Oliver Bierhoff und ich zwei, drei Tage nach dem Turnier zusammengesessen. Wir sind beide schon seit 2004 dabei und leiten die sportlichen Geschicke dieser Mannschaft. Wir haben zusammen viel erlebt und durchgemacht. Wir haben uns ehrlich gefragt: Haben wir die Motivation noch, die Ressourcen, um noch einmal weiterzumachen? Können wir die Mannschaft noch einmal aufrichten? Wir waren beide so was von angefressen wegen des Turniers. Diejenigen, die am meisten enttäuscht waren. Da haben wir gesagt: So werden wir nicht gehen! So nicht. Wir beweisen das Gegenteil.

Als Klubtrainer könnten Sie jeden Tag am Beweis arbeiten. Haben Sie nie das Verlangen, in den Klubfussball zurückzukehren?

Ja, das habe ich manchmal schon, ganz ehrlich. Mit der Mannschaft auf dem Platz zu arbeiten - das ist eigentlich mein Kerngeschäft. Wenn ich meine Mannschaft mal drei vier Monate hätte, wäre das wie ein Sechser im Lotto. Wirklich. Am liebsten stehe ich auf dem Platz, rede mit den Spielern über sportliche Themen, mache Videoanalysen, das ist für mich das Schöne an dem Job. Manchmal habe ich schon gedacht, hey, jetzt habe ich die Spieler vier Monate lang nicht gesehen, wo fange ich wieder an? Was ist der richtige Einstieg? Die Spieler kommen und gehen und ich muss auch bei jedem Lehrgang beginnen, das persönliche Verhältnis und die Nähe wieder herzustellen. Nach ein paar Tagen ist es besser, aber am Anfang tun sich die Spieler oder auch ich schwer. Da tastet man sich auch ein bisschen heran. Am besten ist es immer bei einem Turnier, da ist man acht Wochen zusammen, die Kommunikation untereinander, das Kritische hat eine ganz andere Bedeutung. Man kann eine ganz andere Nähe aufbauen.

Wann haben Sie sich eigentlich entschieden, Trainer zu werden?

In Schaffhausen, im Restaurant Kastanienbaum, bei den vielen Mittagessen mit Roberto Di Matteo, Rolf Fringer, Axel Thoma und Co. Als Spieler war ich in Deutschland am Ende meiner Laufbahn mit vielen Dingen nicht immer einverstanden. Ich habe in der 2. Liga gespielt. Wenn wir verloren haben, sagten unsere Trainer: Wir müssen eben mehr kämpfen! Das war hartes Brot. Und dann kamen die vielen langen Bälle. Ich als technisch geprägter Mittelfeldspieler, als Strassenfussballer, dachte mir: „eigentlich müssten wir mal überlegen, Lösungen zu finden, und zwar spielerische.“ Und dann bin ich eben in die Schweiz. Ich habe mit Rolf Fringer zwei, drei Jahre gearbeitet, da habe ich viel gelernt. Er war einer, der sich viel mit Taktik beschäftigt hat. Ganz generell hat die Schweiz viele Einflüsse verschiedener Fussballkulturen vereint. Und jeweils das Beste für sich reingenommen. So habe ich Lust bekommen auf das Trainerdasein.

Die Fans haben Vertrauen zum Bundestrainer (Bild: key).

Die Fans haben Vertrauen zum Bundestrainer (Bild: key).

Sie sind jetzt fast ein Viertel Ihres Lebens Bundestrainer. Haben Sie Sehnsucht, mal wieder normaler Bürger zu sein? Sie werden vermutlich überall, wo Sie sich aufhalten, angesprochen.

Die habe ich manchmal schon, das gebe ich zu. Ich erfahre viel positive Resonanz und die Leute sind freundlich, das weiß ich auch sehr zu schätzen, und das ist schön. Aber sobald man vor die Türe geht, hat man kein Privatleben mehr. Weniger für mich als für Freunde und Familie kann es unangenehm sein, zum Beispiel beim Essen in einem Restaurant beobachtet und fotografiert zu werden. Ich weiß aber, dass das dazu gehört.

Hat es das auch schon gegeben, dass Sie nicht erkannt wurden?

Ja, das hat auch schon gegeben – auf dem Kilimandscharo (lacht)!

Kurz nach der Jahrtausendwende standen Sie einmal da oben. Fussballerisch waren Sie zwar 2014 mit WM-Titel schon auf dem Gipfel. Folgt irgendwann noch der Aufstieg zum Mount Everest?

Nein, ganz sicher nicht. Der Kilimandscharo war in dieser Hinsicht die grösste Herausforderung, die ich bislang bewältigt habe. Auf 6000 Metern Höhe mit nur wenig Sauerstoff, da war ich schon an meiner Leistungsgrenze. Der Mount Everest, das ist Todeszone. Nein, da kenne ich meine Grenzen, da gehöre ich nicht hin. So sehr mich der Mythos Mount Everest auch fasziniert.

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