Der FC Thun schreibt wieder einmal eine Erfolgsgeschichte

Der FC Thun ist im Schweizer Fussball der Vorzeigeverein schlechthin. Für die finanziell nicht auf Rosen gebetteten Berner Oberländer geht es am Sonntag im ersten Cupfinal seit 64 Jahren um viel.

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Präsident Markus Lüthi fiebert wie der ganze FC Thun dem Cupfinal am Sonntag in Bern gegen Basel entgegen (Bild: KEYSTONE/PETER SCHNEIDER)

Präsident Markus Lüthi fiebert wie der ganze FC Thun dem Cupfinal am Sonntag in Bern gegen Basel entgegen (Bild: KEYSTONE/PETER SCHNEIDER)

(sda)

Der Rekordmeister Grasshoppers versinkt im Chaos, Basel und Sion blieben deutlich unter ihren Erwartungen, Lugano, Luzern und Neuchâtel Xamax wechselten ebenfalls den Trainer und Zürich und St. Gallen zitterten wie fast alle bis zwei Runden vor Schluss um den Verbleib in der Super League. Nur der FC Thun sorgte neben Meister Young Boys für durchwegs positive Schlagzeilen in dieser Saison. Und mit der Teilnahme am Cupfinal, der zweiten nach 1955, folgt für die Berner Oberländer der Höhepunkt erst noch.

Seit Tagen ist in der beschaulichen Kleinstadt mit der Traumkulisse und seinen gut 40'000 Einwohnern die Partie am Sonntag in Bern gegen Basel in aller Munde. «Es ist wie bei einer Sonnenfinsternis», sagt Präsident Markus Lüthi. «Auch wenn dies vielleicht kein passender Vergleich ist. Aber das Oberland hat sich anstecken lassen.» Die Vorbereitungen auf die Cupfinal-Feier nach der Partie auf dem Rathausplatz in Thun sind in vollem Gang, gefeiert wird sowieso, unabhängig vom Ausgang des Spiels. «Und wenn wir den Pokal mitnehmen, füllen wir noch etwas anderes als Mineralwasser ein», so Lüthi.

Weniger Geld als Schlüssel zum Erfolg

Seit rund zehn Jahren ist der 61-Jährige in führender Funktion bei den Thunern tätig, seit 2012 amtet er als Präsident. Zusammen mit Sportchef Andres Gerber und vielen anderen Helfern baute er ein von Werten und gegenseitigem Vertrauen geprägtes System auf und etablierte mit bescheidenen finanziellen Mitteln den Klub in der Super League. Der FC Thun besetzt seit Jahren eine funktionierende Nische, Renato Steffen, Luca Zuffi, Trainer Urs Fischer, Christian Fassnacht, Sandro Lauper oder nun Marvin Spielmann haben ihre Zeit im Berner Oberland als Sprungbrett genutzt, um sich für höhere Aufgaben und besser dotierte Verträge zu empfehlen.

«Ich glaube das Handicap, deutlich weniger Geld zu haben als andere, ist gleichzeitig der Schlüssel zum Erfolg», sagt Lüthi. Man sei gezwungen, Dinge anders zu machen, mit den Ressourcen sorgfältiger umzugehen, mehr und in anderes zu investieren. «Wie sonst soll es gehen? Wir sind keine Zauberkiste.» Lüthi war jahrelang Unternehmer, ehe er 2014 seine Firma verkaufte. Heute hat er neben dem FC Thun ein Dutzend weitere Verwaltungsratsmandate inne, sieben Tage in der Woche ist er auf Achse. «Geld bringt die Versuchung, gewisse Entscheide schneller und oberflächlicher zu fällen, weil es dies leiden mag», so Lüthi. «Aber es entwickelt sich dadurch auch eine Kultur, die im Verhalten und Schaffen des Menschen verankert ist.»

Auch Lüthi und seine Crew durchlebten Krisen. Immer wieder gab es finanzielle Engpässe, 2016 gewährte die Stadt dem Verein ein zinsloses Darlehen von 500'000 Franken, die Spendenaktion Härzbluet brachte bisher knapp eine Million ein, um das Überleben des Vereins zu sichern, auch sportlich gab es die eine oder andere kritische Situation. «Wir sind danach aber nie einfach zur Tagesordnung übergegangen, ohne zu schauen, was genau passiert ist», sagt Lüthi. Die Krisen schweissten zusammen. Der Klub gehört mehrheitlich sich selber, es gibt keine anderen Motive als der Fussball. «Keine Egomanie, keine Kapital- und sonstigen Absichten», so Lüthi.

Die Geldtöpfe der Europa League locken

Für die Thuner geht es am Sonntag nicht nur um den ersten Titel im Schweizer Fussball, sondern auch um die direkte Qualifikation für die Europa League und damit um für ihre Verhältnisse sehr viel Geld. Die Teilnahme an der Gruppenphase allein bringt gut drei Millionen Startgeld ein, hinzu kommen Vermarktungsgelder, Zuschauereinnahmen und allfällige Punkteprämien.

Was für andere Super-League-Klubs ein schöner Zustupf wäre, käme für Thun einem kleinen Vermögen gleich. «Es wäre Geburtstag, Ostern, Weihnachten und Neujahr zusammen», sagt Lüthi. «Der Betrag ist in einer Grössenordnung, welche die Situation in der nächsten Zeit extrem entspannen würde.» Die Geldfrage steht für Lüthi aber nicht im Vordergrund. Sie seien kein rein wirtschaftliches Unternehmen, sondern ein Fussballclub. «Das, was auf dem Platz stattfindet, ist noch immer das Wichtigste.»