Cedric Itten und die Dimension Glasgow

Er hat ein perfektes Jahr hinter sich und steht vor der grössten Herausforderung seiner Karriere: Cedric Itten, der beste Schweizer Stürmer der letzten Super League, will in Glasgow Titel gewinnen.

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Cedric Itten beim Einrücken in die Schweizer Nationalmannschaft am Montag in Abtwil

Cedric Itten beim Einrücken in die Schweizer Nationalmannschaft am Montag in Abtwil

KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER
(sda)

Sie sind ein Fussball-Monument, die Rangers. Ausserhalb der Coronavirus-Pandemie sind die Tickets für Heimspiele des schottischen Rekordmeisters begehrter als Goldstücke. Der Verein setzte im Sommer innerhalb von 36 Stunden 50'000 neue Shirts ab. Im Klub steckt neben einer Menge Tradition extrem viel Aufbruchstimmung; der finanzielle Kollaps liegt inzwischen acht Jahre zurück, der Zwangsabstieg in die Viertklassigkeit ist nur noch eine geschichtsträchtige Anekdote.

Das aktuelle Kader wird mit über 60 Millionen Euro bewertet. Einer der Hoffnungsträger ist seit ein paar Wochen Cedric Itten. Nach einer überragenden Super-League-Saison hat er sich für eine Luftveränderung in einer Metropole entschieden, «in welcher der Fussball geatmet wird. Der Handwerker, die Verkäuferin, die Leute auf der Strasse - für sie alle sind die Rangers oder Celtic ein Dauerthema. Das Saison-Abo wird vererbt.»

Alltäglich sind die Glasgower Dimensionen nicht. An der Linie dirigiert eine Liverpooler Ikone: Steven Gerrard, der frühere Champions-League-Sieger, gibt den Takt. «Er ist ein weiterer Grund für meinen Transfer. Von einer solchen Persönlichkeit kann jeder enorm viel lernen», ist Itten überzeugt. «Vor ihm haben alle grössten Respekt. Das spürt man schon, in welcher Art und Weise die Journalisten mit ihm reden.»

Der unkomplizierte Neuling ist überaus warm empfangen worden. «Der Staff und meine Mitspieler haben wirklich alles unternommen, um mich reibungslos zu integrieren», meldet Itten aus Glasgow. An das schottische Englisch hat er sich mittlerweile auch gewöhnt. Im sechsten Einsatz in der Meisterschaft produzierte er im neuen Trikot erstmals landesweite Schlagzeilen. Im Duell mit Motherwell trug der Neo-Ranger eine Tor-Doublette zum 5:1-Erfolg des Leaders bei. Allzu viel Ballast sei nicht abgefallen. «Ich setze mich hier nicht permanent selber unter Druck. Mir ist klar, dass ich in einer sehr gut bestückten Equipe Zeit benötigen werde, um regelmässig Akzente setzen zu können.»

Eine schrittweise Annäherung an das neue Umfeld hat der Basler im Sinn. Es gehe im Herbst primär einmal darum, sich gut einzuleben, die Verhältnisse in der Liga richtig einzuordnen und den Stil der Rangers zu verinnerlichen. «In Glasgow wird ein komplett anderer Fussball praktiziert als im übrigen Teil der Liga. Die Gegner sind extrem defensiv eingestellt, wir hatten teilweise 70 bis 80 Prozent Ballbesitz, aber im Angriff oft wenig Räume.»

In St. Gallen hätten sie bei jeder Gelegenheit ein Pressing aufgezogen, «hier lässt man sich eher mal etwas zurückfallen». Im Ostschweizer Doppel-Sturm war der Topskorer selbstredend Fixstarter, beim 54-fachen Titelträger hingegen ist er derzeit ein Joker, von dem ein hohes Mass an Flexibilität verlangt wird. «Für den Coach sind vielseitige Spieler wichtig. Er sieht mich vorne auf allen Positionen», schildert Itten gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA seine sportliche und taktische Ausgangslage.

Dass der interne Konkurrenzkampf bei einer guten europäischen Adresse erheblich ist, überrascht den Schweizer Nationalspieler nicht. «Die Rangers sind ein grosser Verein mit imposanter Tradition. Sie spielen vorne mit, sie spielen um Titel. Die Ambitionen sind riesig.» Entsprechend breit ist das teure Kader. Itten stellt sich knapp elf Monate nach dem Debüt in der SFV-Auswahl einer nächsten Challenge: «Für mich war der Schritt ins Ausland wichtig und richtig. Ich fühlte mich nach einem grossartigen Jahr mit dem FC St. Gallen bereit.»

«Und», schiebt Itten nach, «die Verantwortlichen haben sich um mich bemüht, sie haben einen langfristigen Plan mit mir.» Er erinnert sich dabei an den eindrücklichen Video-Call mit Gerrard. Nach dem Gespräch mit dem prominenten Taktgeber war für ihn klar: «Das mache ich.» Für vier Saisons hat er unterschrieben - mit einem Fernziel: «Premier League!» Im erweiterten Blickfeld englischer Beobachter will Itten an seiner Athletik arbeiten. Da ortet er noch Raum zur Steigerung: «Hier wird schnell gespielt, mit viel Muskelkraft. Jeder macht täglich Zusatzprogramme. In diesem Bereich kann ich noch zulegen.»