Bencic: «Alles noch ein bisschen besser machen»

Müde, aber gut gelaunt kehrt Belinda Bencic am Montagmorgen von den WTA Finals in China zurück, wo sie im Halbfinal wegen Krämpfen aufgeben musste. An ihrer positiven Jahresbilanz ändert das nichts.

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Bencics grösster Glücksmoment: In Moskau holte sie sich Turniersieg und Pokal und krönte ihre Saison mit der erstmaligen Qualifikation für die WTA Finals (Bild: KEYSTONE/AP/ALEXANDER ZEMLIANICHENKO)

Bencics grösster Glücksmoment: In Moskau holte sie sich Turniersieg und Pokal und krönte ihre Saison mit der erstmaligen Qualifikation für die WTA Finals (Bild: KEYSTONE/AP/ALEXANDER ZEMLIANICHENKO)

(sda)

Die Strapazen der langen Saison sind Belinda Bencic kaum anzusehen, als sie sich im «Helvetia»-Café des Flughafens Zürich den Fragen der Medien stellt. Sie braucht trotz des langen Fluges von Hongkong nach Kloten nicht einmal einen Kaffee, um sich wachzuhalten. Sie hat allen Grund, zufrieden zu sein.

In ihrer besten Saison qualifizierte sich die 22-jährige Ostschweizerin dank zwei Turniersiegen und dem ersten Grand-Slam-Halbfinal am US Open als erste Schweizerin seit Martina Hingis 2006 für die WTA Finals, wo sie die Halbfinals erreichte und dort gegen Jelina Switolina mit Krämpfen im dritten Satz aufgeben musste. Nun sind Ferien angesagt. Zuvor blickt die achtbeste Tennisspielerin der Welt im Gespräch zurück und voraus.

Belinda Bencic, wie blicken Sie auf Ihre ersten WTA Finals zurück?

«Der erste Match (Dreisatz-Niederlage gegen die Nummer 1 und spätere Siegerin Ashleigh Barty) war super, aber etwas enttäuschend am Schluss. Danach konnte ich mich wieder fangen, schaffte es, die Gruppe zu überstehen und in den Halbfinal zu kommen. Darüber freute ich mich sehr.»

Sie haben dabei grosse Kämpferqualitäten gezeigt.

«Ja. (lacht). Ich denke, es lohnt sich zu kämpfen. Ich habe schon in Moskau gefightet und alles gegeben. Am Ende hat es leider trotzdem nicht ganz gereicht. Es war ein Match zu viel.»

Vor der Saison hätten Sie für diese Resultate mit der Masters-Qualifikation wohl unterschrieben. Was waren für Sie die Höhepunkte?

«Auf jeden Fall. Die ganze Saison war sicher über den Erwartungen. Wir hatten uns Anfang Saison gesagt, Top 30 wäre super, Top 20 noch besser. Ich denke der Match gegen Sabalenka in Dubai, in dem ich Matchbälle abwehrte, war eine Art Wendepunkt. Ich war in fast jedem Match im Rückstand und gewann dann das Turnier. Da habe ich gesehen, dass ich nicht nur eine Topspielerin schlagen kann, sondern mehrere hintereinander.»

Dass Sie einzelne Topspielerinnen schlagen können, wussten Sie schon vorher. Neu war die Konstanz über ein ganzes Jahr. Wie haben Sie die hinbekommen?

«Ich habe mir vorgenommen, an jedem Turnier konstant zu spielen, und zwar mit kleinen Zielen. Einfach mal die 1. oder 2. Runde zu gewinnen. Als ich das geschafft habe, war ich schon mega froh. Das zeigt sich dann eben auch im Ranking. Jedes Turnier ist anders, manche liegen mir sehr, andere gar nicht. Dass ich es geschafft habe, mich da an die unterschiedlichen Bedingungen anzupassen, freut mich am meisten.»

Was sehen Sie als Ihren grössten Erfolg?

«Am meisten gefreut habe ich mich in Moskau, als ich die Qualifikation für die Finals doch noch geschafft habe. Das war wahrscheinlich das Highlight.»

Und welches Spiel würden Sie gerne nochmals spielen?

(überlegt lange)

«Keine Ahnung. Lugano vielleicht. Da habe ich kein Spiel gewonnen.»

Wie gross ist jetzt die Müdigkeit?

«Ich bin schon ein bisschen müde vom Flug, dem Reisen, dem Packen. Ich freue mich jetzt richtig auf die 'off season'. Ich gehe auch nicht in die Ferien, an die Wärme, denn dann müsste ich wieder fliegen, wieder packen und das wäre wieder stressig. Ich freue mich darauf, dass ich jetzt keine Fitness machen und kein Tennis spielen muss.»

Wie sieht das Programm bis Ende Jahr aus?

«Ich fliege jetzt in die Slowakei zu Martin (Hromkovic, der Freund und Fitnesscoach) und bleibe eine Woche da. Dann komme ich für eine Woche in die Schweiz, um Freunde und Familie zu besuchen. Dann beginnt die Konditionsarbeit und ab Dezember auch wieder das Tennistraining. Wir werden sicher in Europa bleiben, wo genau wissen wir aber noch nicht.»

Wie belohnen Sie sich für eine solche super Saison?

(lacht)

«Mit Ferien. Frei haben, faulenzen und nichts zu müssen, das ist das Schönste. Wahrscheinlich mache ich noch ein paar Ausflüge in die Berge, vielleicht ein Wellness-Wochenende. Ganz runterzufahren, wäre auch nicht gut. Ein bisschen spazieren und Velo fahren liegt sicher drin.»

Wie sehr ist die Belastung unter den Spielerinnen ein Thema?

«Das ist schon ein Thema. Bertens, Switolina und ich mussten halt viel spielen, um es noch nach Shenzhen zu schaffen. Die Saison ist lang, aber ich will mich nicht beschweren. Bei den Männern ist sie noch länger. Aber es kann ja jeder selber so planen wie er will. Nächste Saison erlaubt es mir das Ranking, noch wählerischer zu sein und fast nur die grössten Turniere zu spielen. Wir beschweren uns immer, aber zuhause ist uns schnell langweilig.»

Physisch waren Sie dieses Jahr sehr gut. Wie hat das Ihr Fitnesstrainer und Freund Martin Hromkovic hingekriegt?

«Ich habe wirklich Freude bekommen am Fitnesstraining. Es macht extrem Spass mit ihm. Ich sehe einfach, dass er das, was er macht, extrem gerne macht. Das ist auch für mich sehr motivierend. Zuletzt konnte ich ja nicht mehr so viel machen wie ich wollte, und es gibt mir viel Selbstvertrauen, dass ich trotzdem so gut mithalten konnte.»

Setzen Sie einen Schwerpunkt in der Vorbereitung auf die nächste Saison?

«Du fängst ja nach jeder Saison wieder wie neu an. Schnelligkeit und Kraft wollen wir sicher trainieren und den zweiten Aufschlag noch besser und automatischer machen. Alles machen, was wir diese Saison gemacht haben, einfach noch besser.»

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Coach?

(blickt zu ihrem Vater rüber und lacht laut) «Na ja, er ist okay. Ein bisschen in der Players Lounge zu sitzen, ist ja nicht so schwierig. Und die meiste Arbeit mache ja schon ich. Nein, im Ernst: Wir arbeiten ja jetzt seit Linz vor einem Jahr wieder zusammen, und es läuft sehr gut. Ich bin natürlich sehr zufrieden, und ich denke, er mit mir auch.»

Wie werden Sie die gestiegenen Erwartungen managen?

«Das kommt auf den Spielertyp an. Manche, wie Andreescu, setzen sich den Turniersieg als Ziel, und es funktioniert für sie. Ich setze mir kleinere Ziele und freue mich über jeden einzelnen gewonnenen Match. Für mich funktioniert das am besten.»

Welche Bedeutung haben für Sie die Olympischen Spiele in Tokio?

«Eine sehr grosse. Für mich ist Tokio ein Riesen-Highlight. Ich sehe das als fünftes Grand-Slam-Turnier. Ich spielte noch nie an Olympischen Spielen, da ich in Rio verletzt war.»

Ist auch Mixed mit Roger Federer ein Thema?

(schmunzelt)

«Mal sehen. Dieser Entscheid liegt nicht bei mir.»

Sie sind erst 22 Jahre alt. Denken Sie schon daran, wie lange Ihre Karriere dauern soll?

«Also, ich plane jetzt nicht bis über 30. Als Frau wäre es natürlich schön, irgendwann auch mal eine Familie zu haben. Ich denke nicht, dass ich einmal Serena Williams toppen werde.»