Ball und Rubel rollen – die englische Premier League geht wieder los

In der Premier League lechzt Liverpool nach dem ersten Titel seit 30 Jahren, Manchester City will den Hattrick.

Markus Brütsch
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Es war im Sommer 2015, als der englische Handwerker Leigh Herbert mit seiner Familie Zeltferien machte. Eines Tages gönnte er sich ein paar Bierchen und wurde übermütig. Der Saisonstart in der Premier League stand vor der Tür, und beim Studium der Wettquoten faszinierte ihn, dass er 5000 Pfund einstreichen würde, sollte er ein Pfund auf Leicester City setzen und die «Foxes» tatsächlich Meister werden.

Die Story ist bekannt: Sie schafften die Sensation und Herbert, der fünf Pfund auf den Aussenseiter gesetzt hatte, war um 24 995 Pfund reicher. Die Wettanbieter aber waren ärmer und wurden mit ihren Quoten vorsichtiger.

Dennoch: Wer nun glaubt, was Leicester kann, könne Norwich City auch, und fünf Pfund auf den Aufsteiger setzt, darf sich auf 10 000 Pfund freuen, sollte sich wie 2016 ein Fussballwunder ereignen.

Die «Kanarienvögel» sorgen für Aufsehen

Norwich wird zwar gewiss nicht erstmals Meister in seiner Klubgeschichte werden, aber für Aufsehen haben die «Kanarienvögel» mit den Schweizern Timm Klose und Josip Drmic im Vorfeld der 28. Premier-League-Saison dennoch gesorgt. Vor allem in Deutschland ist viel über sie berichtet worden. Unter dem deutschen Trainer Daniel Farke, der in seiner Heimat die Reserve von Borussia Dortmund trainiert hatte, stehen nicht weniger als zehn Landsleute im Kader. Philipp Heise und Marco Stiepermann etwa haben keine grossen Namen und den Durchbruch zu Hause nicht geschafft, im Osten Englands aber ihr Fussballglück gefunden.

Norwich wird von der 78-jährigen Mehrheitseigentümerin Delia Smith geführt, die dafür sorgt, dass das Familiäre trotz der horrenden Summen im Premier-League-Fussball nicht ganz auf der Strecke bleibt. Dazu passt, dass die Ticketpreise nach dem Aufstieg nicht etwa erhöht, sondern reduziert wurden und höchstens 30 Pfund pro Spiel betragen.

So passte es ganz gut, dass Norwich gestern Abend die Ehre zufiel, mit dem Spiel beim FC Liverpool die Saison zu eröffnen.  Um beim 1:4 an Anfield eine Stange Lehrgeld zu bezahlen. Von den Schweizern kam nur Debütant Drmic bei Norwich zu einem Kurzeinsatz von sieben Minuten. Teamkollege Klose stand verletzungsbedingt nicht im Kader. Bei Liverpool blieb Xherdan Shaqiri auf der Ersatzbank.

Liverpool nur Zuschauer auf dem Transfermarkt

Ohne Zweifel werden die Reds unter Trainer Jürgen Klopp auch in dieser Saison eine gute Chance auf den Titel in der besten Liga der Welt haben, die in diesem Jahr alle Europacupfinalisten stellte. Zwischenzeitlich sieben Punkte voraus, lag Liverpool am Ende mit 97 Punkten und lediglich einer Niederlage nur einen Zähler hinter Manchester City auf Platz 2. Nach dem Gewinn der Champions League lechzt die Beatles-Stadt – oder muss man schon sagen, die Klopp-Stadt? – nach dem ersten Gewinn des englischen Meistertitels seit 1990. Dennoch hat Liverpool auf Transfers verzichtet. «Wir haben bereits in der vergangenen Saison viel in die Mannschaft investiert», sagte Klopp. Da waren Goalie Alisson (62,5 Mio. Euro), Keita (60), Fabinho (45) und Shaqiri (15) an den Mersey geholt worden. «Es ist eine neue Saison, und wir müssen wütend und hungrig sein», mahnte Klopp, «aber Manchester City ist der Favorit.»

Pep Guardiola sieht das anders und rechnet mit mehr als zwei Titelkandidaten. Der Katalane strebt mit den Citizens den Titelhattrick an. Bisher hat dies seit der Gründung der Premier League 1992 nur Manchester United geschafft, dafür gleich zwei Mal. Manchester City hat für 170 Mio. Euro (135 zusammen für Rodri und João Cancelo) eingekauft, weiss nun aber nicht, ob es auch noch Einnahmen – die Rede ist von 100 Mio. Euro – für den Verkauf von Leroy Sané zu Bayern München gibt (siehe Story unten).

Was bewirkt Harry Maguire bei Manchester United?

Und sonst? Es gibt spannende Fragen zuhauf: Wird Manchester United dank den Zuzügen der Verteidiger Harry Maguire (verdient 205 000 Euro pro Woche) und Aaron Wan-Bissacka für total 141 Mio. Euro defensiv sattelfester, und findet Trainer Ole Gunnar Solskjaer nach Traumstart und Abwärtstrend auf die Erfolgsstrasse zurück? Was hat die Chelsea-Ikone Frank Lampard als neuer Trainer der Blues drauf? Gibt der für 80 Mio. Euro von Lille geholte Wunderstürmer Nicolas Pépé dem FC Arsenal den erhofften Schub? Oder schlägt eher der von Lyon für den Klubrekord von 60 Millionen Euro verpflichtete Tanguy Ndombélé bei Tottenham ein?

Der Premier League den Rücken gekehrt hat der Belgier Eden Hazard, der nach sieben Jahren beim FC Chelsea für 100 Mio. Euro von Real Madrid nach Spanien gelockt wurde. Auch Landsmann Romelu Lukaku hat genug von der Insel und wechselt für 65 Mio. Euro von ManUnited zu Inter.

Unter dem Strich wurden in der Premier League in dieser Transferperiode 1,54 Mrd. Euro ausgegeben und 765 Mio. eingenommen, was einen Saldo von minus 775 Mio. Euro ergibt. Die Super League im Vergleich hat 8,8 Mio. Euro in neue Spieler investiert, ihre Besten aber für 38,10 Mio. verkauft und somit einen Einnahmenüberschuss von 29,26 Mio. Euro erwirtschaftet. Dieselbe Sportart, zwei Welten.

Gelungener Start: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp feiert gegen Norwich den zweiten Treffer (Bild: key)

Gelungener Start: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp feiert gegen Norwich den zweiten Treffer (Bild: key)