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Am einen Tag witzig und charmant, am nächsten ein Flegel

In zwei Spielen schafft es Daniil Medwedew, das New Yorker Publikum gegen sich aufzubringen. Nun versucht der Russe vor seinem US-Open-Halbfinal, den Teufel wieder in die Box zurückzupacken.
Nach den Provokationen eine charmante Entschuldigung: Daniil Medwedew hat verschiedene Facetten (Bild: KEYSTONE/EPA/JUSTIN LANE)

Nach den Provokationen eine charmante Entschuldigung: Daniil Medwedew hat verschiedene Facetten (Bild: KEYSTONE/EPA/JUSTIN LANE)

(sda)

Die Ballperson - wie am US Open oft ein Mann, kein Kind - meinte es doch nur gut. Er brachte Daniil Medwedew in seiner Drittrunden-Partie gegen Feliciano Lopez ein Handtuch, doch der Russe wollte es gar nicht. Also riss er es dem bedauernswerten Mann aus der Hand und schmiss es auf den Boden. Die Folge war eine Verwarnung - und eine regelrechte Welle des Hasses vom oft gnadenlosen New Yorker Publikum. Buh-Konzerte begleiten Medwedew seither bei all seinen Matches.

Der 1,98 m grosse Schlaks aus Moskau ist ein Buch mit sieben Siegeln. Am einen Tag witzig, charmant und mit Schalk in den Augen. Am nächsten ein Flegel, der seine Manieren vergisst und die sowieso schon antagonistischen Fans weiter anheizt. Seinem Coach geht es manchmal nicht anders. «Es ist, wie wenn man ein Genie coacht», erklärte Gilles Cervara nach Medwedews Sieg gegen Stan Wawrinka im Viertelfinal. «Manchmal versteht man Genies nicht. So ist das auch mit Daniil.»

Der 38-jährige Franzose und der 15 Jahre jüngere Russe scheinen sich aber mehrheitlich bestens zu verstehen. Vor dem US Open des letzten Jahres war Medwedew die Nummer 57 der Welt, am kommenden Montag wird er unabhängig vom Ausgang seines Halbfinals am Freitag gegen Federer-Bezwinger Grigor Dimitrov auf Position 4 vorstossen. Keiner hat in diesem Sommer mehr gewonnen als der Moskauer, der in Washington und Montreal im Final stand und in Cincinnati nach einem Halbfinalsieg gegen Novak Djokovic zum ersten Mal ein Masters-1000-Turnier gewann.

Entschuldigung und Hoffnung auf Vergebung

Medwedew hatte also keinerlei Grund, derart gereizt zu reagieren. Nach der Verwarnung zeigte er dem Publikum auch noch den Mittelfinger - wohl in der Meinung, dass es der Schiedsrichter nicht sehen würde. Die Fernsehkameras fingen die Geste aber selbstverständlich ein. Es ist unklar, ob er die Fans absichtlich provozierte, um sich in einer engen Partie aufzuputschen, oder ob er einfach die Nerven verlor. Medwedew goss jedenfalls weiter Öl ins Feuer, als er sich im Platz-Interview überschwänglich bedankte. «Danke, Leute. Ohne euch hätte ich heute nicht die Energie gehabt, um zu gewinnen. Geht nach Hause und wisst, dass ich dank euch gewonnen habe.» Nach dem nächsten Sieg wiederholte er seine Provokation und fügte noch ein aufreizendes Tänzchen hinzu.

Erst im Viertelfinal gegen Wawrinka nahm sich der Russe wieder zurück und entschuldigte sich sogar. «Nach den letzten Spielen bekam ich, was ich verdiente», erklärte er. «Ich bin nicht stolz auf mein Verhalten. Eigentlich bin ich nicht so. Ich werde versuchen, mich zu bessern.» Seinen Coach wundert der Sinneswandel nicht. «Daniil ist ein intelligenter Kerl. Er weiss, dass er sich sonst weitere Probleme einhandelt.»

Bei Medwedew ist nicht nur das Spiel unorthodox. Er ist auch als Person ein Enigma. Es wird sich zeigen, welche seiner verschiedenen Persönlichkeiten im Halbfinal gegen Dimitrov, einen der Publikumslieblinge, auf dem Platz auftaucht und ob ihm die Fans verziehen haben. Unbestritten beschert Medwedew dem Tennissport aber Aufmerksamkeit. Und in den Siebzigerjahren wäre sein Verhalten neben den begnadeten Provokateuren wie John McEnroe, Jimmy Connors oder Ilie Nastase nicht mal gross aufgefallen.

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