Trilobiten rocken! Sauriermuseum zeigt spektakuläre Urmeerkrebse

Manche sind niedlich wie Wickelkinder, andere grässlich wie von H.R. Giger aufgemotzte Kellerasseln: die Trilobiten. Das Sauriermuseum Aathal zeigt Hunderte Millionen Jahre alte Trilobiten-Fossilien, dazu lebensechte Modelle und sogar einen kleinen «Spielfilm».

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So sah es vermutlich vor einer halben Milliarde Jahre aus, wenn die Urzeit-Garnele Anomalocaris Paradoxides-Trilobiten jagte. Das Sauriermuseum Aathal widmet den ausgestorbenen Gliederfüssern seine neue Sonderausstellung. (Bild: Fotomontage Urs Möckli/Sauriermuseum)

So sah es vermutlich vor einer halben Milliarde Jahre aus, wenn die Urzeit-Garnele Anomalocaris Paradoxides-Trilobiten jagte. Das Sauriermuseum Aathal widmet den ausgestorbenen Gliederfüssern seine neue Sonderausstellung. (Bild: Fotomontage Urs Möckli/Sauriermuseum)

(sda)

Käferchen, die aussehen wie flunderflache Raumschiffe mit Stupsnase und Kulleraugen, wuseln auf dem Meeresgrund. Von oben nähert sich der Fressfeind Anomalocaris, zu deutsch «ungewöhnliche Krabbe». Wo man die Augenhöhlen erwarten würde, ragen bei dieser Schreckens-Crevette gegliederte Greifer aus dem Körper, die Augen sitzen wie Periskope oben auf dem Kopf. Bevor Anomalocaris zuschlagen kann, begräbt eine Schlammlawine das Szenario.

Die Dreckflut tötet zwar die Krustentiere, macht sie aber gleichzeitig unsterblich: Sie versteinern im Sediment und können heute, eine halbe Milliarde Jahre später, bewundert werden. In der Sonderausstellung in Aathal sind unter anderem Steinplatten mit solchen Trilobiten-Gruppen zu sehen, sozusagen dreidimensionale Standbilder eines Geschehens, das sich vor einer halben Milliarde Jahren abspielte.

Hans-Jakob Siber, Gründer und Besitzer des Sauriermuseums Aathal und seit vierzig Jahren Trilobiten-Sammler, hält das für Fressplätze, wie er der Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagte. Die Theorie einiger Forscher, dass sich Trilobiten zu Massenhäutungen mit anschliessender Massenpaarung trafen, hält er aber auch nicht für verkehrt.

Häutungsparty mit Massenpaarung

«Es gibt Hinweise, einige Nachfahren der Trilobiten zeigen dieses Sozialverhalten heute noch». Allerdings soll man sich darunter keine Orgie vorstellen: Die Weibchen warfen ihre rechts und links am Kopf befindlichen Eier ab und die Männchen ergossen ihren Samen darüber.

Fast 300 Millionen Jahre beherrschten die Trilobiten - Gliederfüsser von wenigen Millimetern bis zu 75 Zentimeter lang - die Urmeere, vor 540 bis 250 Millionen Jahren. Zum Vergleich: Die Dinosaurier überlebten «nur» etwa 170 Millionen Jahre, und das Gastspiel der Menschen auf Erden dauerte bis jetzt etwa 2-3 Millionen Jahre.

«Crazy Trilobites»

Warum waren die Trilobiten - zu deutsch «Dreilapper» wegen ihrer vertikalen und horizontalen Dreiteilung - so erfolgreich? Unter anderem dank ihrer Facettenaugen, sagt Siber. Mit Hunderten von Linsen aus Kalzit ausgestattet - in der Tierwelt einzigartig - boten sie teilweise einen Rundum-Panoramablick, mit dem Fressfeinde früh gesichtet werden konnten.

Und warum starben sie aus? Wegen dem Aufkommen der Fische, erklärt Siber. Zunächst entwickelten die Trilobiten zur Abwehr abenteuerliche Stacheln, die ihnen die bizarrsten Formen verliehen. Die verrücktesten sind in der Schau in einem Guckkasten mit dem Titel «Crazy Trilobites» ausgestellt. Die Stacheln nützten nicht viel, die letzte bekannte Art der Trilobiten starb beim mysteriösen Perm-Trias-Ereignis, dem grössten Massenaussterben der Erdgeschichte.

«Europaweit einzigartig»

Wegen ihrer feinen Antennen, Beinen und Stacheln sind Trilobiten sehr schwer aus dem Stein herauszuholen, sagt Siber. Das Präparieren dauert Hunderte von Stunden, und ein sorgfältiges Präparat kostet bis zu 10'000 Franken. Als er vor vierzig Jahren zu sammeln begonnen habe, seien erst wenige Arten beschrieben gewesen, sagt Siber. Heute kennt man über 20'000 und laufend kommen neue dazu.

Sibers Sammlung umfasst 150 Stück, 400 weitere hat sein Mitarbeiter Roland Schäfer in dreissig Jahren zusammengetragen, mehrheitlich in Marokko, der Hochburg der Trilobiten. Die 120 schönsten Exponate sind jetzt in der Ausstellung «Trilobiten & Seeskorpione - Ein Blick in die faszinierende Unterwasserwelt des Erdaltertums» zu sehen. In ihrer Fülle und Qualität sei die Schau europaweit einzigartig, rühmt Siber.

Vom T-Shirt bis zum Saugroboter

Mit den geriffelten Steinen, die man unter der Bezeichnung «Trilobit» für wenige Franken im Mineralhandel und auf Märkten kaufen kann, geben sich Hochleistungssammler wie Siber und Schäfer nicht ab. Billige Trilobiten werden sogar in Esoterikläden angeboten, da die amerikanischen Ute-Indianer sie als heilkräftige Amulette um den Hals trugen.

Bis heute haben die Trilobiten in den USA ihre grösste Anhängerschaft. Für sie werden massenhaft Fanartikel angeboten, beispielsweise T-Shirts mit dem Aufdruck «You can never have enough Trilobites». In Europa gab es bis vor ein paar Jahren einen Saugroboter namens Trilobite. Seine Produktion wurde eingestellt. Aus technischen Gründen, nicht wegen seines Aussehens. Denn «Trilobiten sind zum Verlieben», findet Sammler Siber.