Studie beurteilt Covid-19-Berichterstattung «tendenziell positiv»

Unreflektierter Umgang mit Statistiken, unkritische Haltung gegenüber Regierung und Behörden: Solche Vorwürfe an die Adresse der Medien wegen ihrer Coronavirus-Berichterstattung sind zahlreich. Eine Studie der Universität Zürich fällt nun ein milderes Urteil.

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Viele Pressetitel - wenig Themenvielfalt im «Corona-Jahr 2020» (Symbolbild).

Viele Pressetitel - wenig Themenvielfalt im «Corona-Jahr 2020» (Symbolbild).

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT
(sda)

Kein Thema hat die Medien in den vergangenen Monaten so dominiert wie das Coronavirus: Bis zu 70 Prozent der gesamten Berichterstattung machte die Pandemie aus und verdrängte schlagartig Themen wie den Klimawandel. Zahlreiche Forschende der Kommunikationswissenschaft hatten in den vergangenen Wochen ein kritisches Bild der Berichterstattung gezeichnet.

Kritisiert wurden die mangelnde Einordnungsleistung der Medien, die zu starke Fokussierung auf einige wenige Expertinnen und Experten, der unreflektierte Umgang mit Zahlen und Statistiken oder das zu wenig vorhandene kritische Nachfragen in der Phase, als Regierung und Behörden immer drastischere Massnahmen beschlossen.

Im Vergleich dazu wohlwollend hebt sich der Blick des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich ab.

Abgesehen von Einzelfällen könne die Leistung von Schweizer Medien während der Pandemie tendenziell positiv beurteilt werden, folgert das Fög in seiner am Mittwoch veröffentlichten Studie «Die Qualität der Medienberichterstattung zur Corona-Pandemie», die den Zeitraum von Anfang Januar bis Ende April (manuelle Inhaltsanalyse) beziehungsweise bis Ende Juni (automatisierte Inhaltsanalyse) untersucht.

Konstruktion von Krisen

Medien hätten auf die Konstruktion von gesellschaftlichen Krisen einen grossen Einfluss, und zwar auch dann, wenn es sich wie bei der Covid-19-Pandemie um eine Krise handle, die nicht von Menschen verursacht worden sei, heisst es einleitend. «Medien sollen Ereignisse einordnen, aus verschiedenen Perspektiven beleuchten sowie eine kritische Distanz zu den Entscheidungsträgerinnen und -trägern wahren», betont Fög-Direktor Mark Eisenegger.

Während die Studie der Medienberichterstattung in Bezug auf Vielfalt und Relevanz insgesamt eine hohe Qualität zuschreibt, stellt auch sie bei den Einordungsleistungen Defizite fest. Interpretationsbeiträge, die mit substanzieller journalistischer Recherche Hintergründe vermitteln, machten nur rund sechs Prozent aller untersuchten Beiträge aus. Der Grossteil der Berichterstattung entfalle auf Informationsbeiträge, also auf eine reine Vermittlung von Nachrichten.

Die Ergebnisse der Studie zeigten zwar, so das Fög, dass die Medien insgesamt eine kritische Distanz zu Regierung und Behörden gewahrt hätten. In der sensiblen Phase vor dem Lockdown, in der einschneidende Massnahmen gegen die Pandemie beschlossen wurden, sei diese jedoch geringer ausgefallen.

Die Studie zeige zudem, dass die Medienberichterstattung zur Pandemie ein vielfältiges Spektrum von Themen unter anderem aus Medizin, Politik oder Wirtschaft abgedeckt habe. Expertinnen und Experten spielten dabei eine wichtige Rolle. In 83 Prozent der Medienbeiträge kamen sie nach den Ergebnissen der Studie zu Wort.

Einseitige Expertenauswahl

Im wissenschaftlichen Bereich dominierten laut Fög Expertinnen und Experten aus der Virologie, Epidemiologie oder Immunologie. Unter den 30 Forschenden, die in den Medien im untersuchten Zeitraum am häufigsten Resonanz erhalten hätten, befänden sich allerdings lediglich drei Ökonomen.

Die Studie stellt auch Qualitätsunterschiede bei den Medientypen fest. Positiv hoben sich demnach Abonnementsmedien und das öffentliche Radio und Fernsehen ab: Sie hätten sich durch eine besonders hohe Vielfalt an Themen und Expertenaussagen, einer höheren Relevanz und mehr Einordnungsleistungen ausgezeichnet, heisst es.

Sonntags- und Wochenmedien sowie das öffentliche Radio und Fernsehen hätten gegenüber Behörden und Regierung die grösste kritische Distanz gewahrt. Boulevard- und Pendlermedien seien in ihrer Berichterstattung weniger vielfältig gewesen und hätten zu einer Vermittlung von Zahlen zur Pandemie ohne Einordnung geneigt.

Auch sprachregionale Unterschiede bei der Berichterstattung finden in der Studie Beachtung: Die Medien aus der französischsprachigen Schweiz berichteten demnach stärker über die Bedrohung des Coronavirus für die Gesundheit, was mit der hohen Infektionsrate in der französischsprachigen Schweiz zu erklären sei. Auf der anderen Seite falle die Behördenkritik in der Deutschschweiz stärker aus als in der französischsprachigen Schweiz.

Anhand der automatisierten Inhaltsanalyse wurde in 34 Schweizer Nachrichtenmedien zum einen das komplette Berichterstattungsvolumen über das Coronavirus beziehungsweise Covid-19 im Zeitverlauf ermittelt. Zum anderen wurden sämtliche in den Beiträgen erwähnten wissenschaftlichen Akteure erfasst.

Mithilfe der manuellen Inhaltsanalyse wurden für eine repräsentative Stichprobe von 22 Nachrichtenmedien aus der Deutschschweiz und der französischsprachigen Schweiz Informationen zum berichteten Inhalt, wie das dominierende Thema, die betreffende gesellschaftliche Sphäre, die zu Wort kommende Expertin oder der Experte und der geografische Bezugsraum erhoben.