So würde Immunologe Beda Stadler das Corona-Virus bekämpfen: Bei Symptomen ohne Arztzeugnis daheim bleiben

Die Grenze verriegeln? Ganze Zonen unter Quarantäne stellen? Beda Stadler, emeritierter Professor für Immunologie, hält nichts von solchen Vorkehrungen. Er plädiert für einfachere Massnahmen im Umgang mit dem Corona-Virus.

Kari Kälin
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Der Immunologe Beda Stadler, aufgenommen am Institut für Immunologie der Universität Bern.

Der Immunologe Beda Stadler, aufgenommen am Institut für Immunologie der Universität Bern.

Remo Naegeli

Die Zahl der Corona-Virus-Opfer in Norditalien ist am Montagnachmittag auf mindestens sechs Personen gestiegen. 50'000 Personen in elf Gemeinden sind auf Geheiss der Regierung in Rom von der Aussenwelt abgeschnitten. Österreich stoppte am Sonntag am Brenner für vier Stunden einen Zug aus Italien, weil zwei Fahrgäste husteten und eine erhöhte Temperatur aufwiesen. Der Verdacht auf das Corona-Virus bestätigte sich nicht. Auch in der Schweiz steigt die politische Fieberkurve. So ertönten etwa Rufe nach strengeren Grenzkontrollen, Fiebertests und Einreiseverweigerungen für erkrankte Personen bei den Grenzübergängen im Tessin - angesichts von rund 70'000 Grenzgängern eine happige Übung.

Gute Noten für Bundesamt für Gesundheit

Beda Stadler hält solche Ideen für genauso falsch wie die Massenquarantäne in Italien. Die Lage sei zwar Besorgnis erregender als auch schon, sagt der emeritierte Professor für Immunologie an der Universität Bern. Junge, gesunde Menschen würden das Virus im Normalfall aber mit einer starken Erkältung überstehen. In Italien etwa starben Personen im Alter von 68 bis 88 Jahre, von denen einige an Krebs litten. Neben den üblichen Hygienevorkehrungen schlägt er alternative Massnahmen vor.

Beda Stadler sagt: 

«Wer bei sich Symptome des Corona-Virus entdeckt, soll ab sofort und ohne Arztzeugnis daheim bleiben dürfen»

Falls einige Arbeitnehmer mit diesem Vorwand «blau» machten, komme das immer noch günstiger als Massnahmen wie systematische Grenzkontrollen oder Einreisesperren, die enorme Auswirkungen auf die Wirtschaft hätten.

Stadler empfiehlt sodann: Gesichtsmasken tragen sollen bloss angesteckte Personen oder jene mit Symptomen – damit Gesunde sie einfach erkennen und einen Bogen um sie machen können. Stadler hofft, dass die Berichterstattung um das Corona-Virus die Menschen für Präventivmassnahmen sensibilisiert. Und er sieht den Moment gekommen, «dass der Bund ein Grippeimpfobligatorium für Personen mit Pflegeberufen erlassen soll.» Generell erteilt Stadler dem Bund gute Noten im Umgang mit dem Corona-Virus. Von verschiedener Seite wurde dem Bund Untätigkeit im Zusammenhang mit dem aus China stammenden Krankheitserreger vorgeworfen.

Vor allem in sozialen Medien generiert das Virus Aufregung im Minutentakt. Am Montagnachmittag versuchte der Bund, die sich viral verbreitende Nervosität einzudämmen. An einer Medienkonferenz hielt Bundesrat Alain Berset, der oberste politische Verantwortliche für die Gesundheit, den Ball flach. Ein paar Dutzend Personen befänden sich in der Schweiz zwar in Quarantäne. Es sei aber noch kein einziger Fall bestätigt worden.

Mit den ausländischen Partnerbehörden stehe man laufend in Kontakt. Der Gesundheitsminister kommentierte die rigiden Eindämmungsmassnahmen in Norditalien ebenso wenig wie Pascal Strupler, Direktor des Bundesamts für Gesundheit (BAG), sowie Daniel Koch, BAG-Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten. Sie liessen aber deutlich durchblicken, dass der Bundesrat nicht kurz davor steht, die Grenze zu Italien oder den Gotthard zu verriegeln. «Wir glauben, wir haben die Situation im Griff und sind gut vorbereitet», sagte Berset.

Flyer und Plakate mit Hygienetipps für Grenzgänger

Tatsächlich befindet sich unser Land noch längst nicht in einer «besonderen Lage». Dies ist gemäss dem Epidemiegesetz dann der Fall, wenn die dafür zuständigen Behörden nicht mehr imstande sind, Ausbruch und Verbreitung von übertragbaren Krankheiten zu bekämpfen und behüten. Für die Verunsicherung in der Bevölkerung zeigte Strupler Verständnis. Sollte das Virus bei einem Patienten auftauchen, würde die erkrankte Person isoliert. Menschen, die mit ihr engen Kontakt hatten, würden für zwei Wochen in Quarantäne gesteckt. Die Spitäler hätten Vorbereitungen für ein Quarantäne-Regime getroffen, sagte Koch. Noch könne man keine gesicherten Angaben zur Sterblichkeit machen, das sei erst nach Abschluss der Epidemie möglich. Sie scheine aber etwa gleich hoch zu sein wie bei der saisonalen Grippe. Bundesrat Berset betonte, der Austausch zwischen Bund, Kantonen und Akteuren im Gesundheitswesen funktioniere gut. Kein Thema sind derzeit Absagen von Grossveranstaltungen wie Fussballspiele oder des Autosalons in Genf durch den Bundesrat.

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