Sibylle Berg fühlt sich in der Schweiz geschätzt und unterstützt

Sibylle Berg ist zurzeit eine gefeierte Autorin. Unlängst ist sie mit dem Nestroy-Preis für ihr Stück «Hass-Triptychon - Wege aus der Krise» ausgezeichnet worden.

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Die Schriftstellerin Sibylle Berg ist mit ihrem Roman «GRM. Brainfuck» für den Schweizer Buchpreis nominiert, der am 10. November verliehen wird. Mit dem Rummel, der darum gemacht wird, tut sie sich schwer, wie sie im Gespräch mit Keystone-SDA zugibt. (Bild: Keystone/DPA/JENS KALAENE)

Die Schriftstellerin Sibylle Berg ist mit ihrem Roman «GRM. Brainfuck» für den Schweizer Buchpreis nominiert, der am 10. November verliehen wird. Mit dem Rummel, der darum gemacht wird, tut sie sich schwer, wie sie im Gespräch mit Keystone-SDA zugibt. (Bild: Keystone/DPA/JENS KALAENE)

(sda)

Ihr düsterer Roman «GRM. Brainfuck» steht auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis 2019, der am 10. November verliehen wird. So viel Ehre ist auch eine Bürde, die Öffentlichkeit fordert dafür einen Tribut. Deshalb hat sich Sibylle Berg in Klausur begeben, um den Kopf für eine neue Arbeit frei zu behalten. Über E-Mail steht sie aber für ein paar Fragen bereit. Sie lässt mitteilen, dass sie sich über die Nomination für die Shortlist freue: Sie zeige ihr, dass die Schweiz, «die ich seit über zwanzig Jahren als mein Zuhause begreife», ihre Arbeit unterstützt und wertschätzt.

Den Rummel, der mit dem Schweizer Buchpreis verbunden ist, den mag Sibylle Berg allerdings nicht so sehr. «Ich finde den Vorgang, den Nominierten ins Gesicht zu filmen, um eine authentische Reaktion der Enttäuschung einzufangen, wenn sie nicht gewinnen, etwas entwürdigend.»

Das liegt auch daran, dass ihr die öffentlichen Auftritte ohnehin nicht so liegen, wie sie sagt. «Ich bin zu schüchtern, darum verberge ich mich meist in grossen Inszenierungen wie der letzten mit drei Rappern aus England.» Vielleicht aber «hilft Baldrian», ergänzt sie.

Kehrseite der Freiheit

Alles andere als Baldrian verspricht ihr Roman «GRM». Vielmehr setzt sie damit ein starkes Zeichen. «'GRM' ist meine Suche nach logisch erscheinenden Verbindungen zwischen Totalüberwachung, des sich verschärfenden Grabens zwischen Arm und Reich und den schwindenden Ressourcen» angesichts einer zunehmenden Weltbevölkerung.

«GRM» beschönigt nichts, sondern treibt den Pessimismus schonungslos auf die Spitze. Es geht um unsere Lebenswelt, die zwischen Selfiewahn und GPS-Überwachung dem Irrsinn zusteuert. Das Internet, meint Sibylle Berg, das «einst das grösste freiheitliche Experiment des Jahrhunderts» war, hat seine Unschuld verloren.

Dafür wird nun die explosive Kehrseite der versprochenen Freiheit erkennbar. Zum einen erzeugt das Netz eine «Radikalisierung durch Sprache», die schnell in Gewalt umschlagen kann. Zum anderen ist es «zu einer Datensammelmaschine geworden», die unmerklich «einen gläsernen Bürger erschaffen» hat.

Gegen die zunehmende Überwachungssucht hat sich Sibylle Berg auch politisch stark gemacht. Sie war eine der treibenden Kräfte hinter dem Referendum gegen die Sozialdetektive, das im November 2018 von der Schweizer Bevölkerung abgelehnt wurde. Vielleicht liegt es an der literarischen Fantasie, dass sie in solchen Fragen besonders sensibel ist.

Schreiben und öffentliches Engagement bleiben für sie dennoch unterschiedliche Dinge: die «Schnittmenge ist immer die Haltung der Autorin». Und hierbei behält sie trotz allem den Glauben «an Humanismus, Mitgefühl, Solidarität und eine Art von Gerechtigkeit», wie sie sagt. Ist demnach eine Bewegung wie «Friday for Future» ein Anlass zur Hoffnung? «Keine Ahnung», gibt sie zurück: «Das muss man ab und zu auch mal sagen.»

Sibylle Berg hat in Hamburg so ungleiche Fächer wie Ozeanographie und Politikwissenschaften studiert. In diesem Spannungsfeld von (natur-)wissenschaftlicher Neugierde und gesellschaftlicher Reflexion entfaltet ihre Literatur Kraft und Intensität.

Unter der Überschrift «Nerds retten die Welt» hat sie die letzten zwei Jahre für das online-Magazin «Republik» Gespräche mit Wissenschaftlern aus den Bereichen Künstliche Intelligenz, Neuropsychologie oder Computertechnik geführt. Mit hartnäckigem Nachfragen hat Sibylle Berg versucht, Einblicke in hoch komplexe Forschungsfelder zu vermitteln. Im Frühling 2020 werden die Gespräche auch in Buchform erscheinen.

Literatur und Rap

In ihrer Klausur arbeitet sie gegenwärtig an einer musikalischen Bühnenfassung von «GRM». Der Roman scheint prädestiniert für eine solche Umsetzung. Im Buchstabenkürzel GRM steckt der «Grime», eine englische Spielart von Rap und Hip-Hop mit stark gesellschaftspolitischen Zügen. Sibylle Berg hat die Mischung von Literatur und Rap jüngst schon einmal auf der Bühne erprobt.

Kann Literatur mit einer derart intensiven musikalischen Performance mithalten? «In dem Masse, wie Literatur das vermag, sicher.» Allerdings, gibt Sibylle Berg zu bedenken, droht dem Buch Gefahr «wegen der permanenten Überinformation und der sehr kurzen Aufmerksamkeitsspanne», die von TV-Serien und YouTube-Filmen viel besser bedient werden. Vielleicht halten ja gerade starke Bücher wie «GRM» dieser Versuchung stand. Zumindest ist es zu wünschen..»*

*Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.