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Schweizer Lyrik aus dem Italienischen - Poetischer Spürsinn

Lyrik-Übersetzungen sind ein schwieriges Unterfangen. Drei neue Bände von Donata Berra, Alberto Nessi und Pietro de Marchi zeigen, dass sie dennoch möglich sind. Christoph Ferber hat ihre Gedichte mit feinem Gespür in eine deutsche Form gebracht.
Der Tessiner Lyriker Alberto Nessi kennt auch nachdenkliche Töne, ein stilles Innehalten vor der Natur, vor der Vergänglichkeit. Christoph Ferber hat Nessis Band «Foglie e folaghe» ("Blätter und Blässhühner») auf Deutsch übersetzt. (Bild: Keystone/GAETAN BALLY)

Der Tessiner Lyriker Alberto Nessi kennt auch nachdenkliche Töne, ein stilles Innehalten vor der Natur, vor der Vergänglichkeit. Christoph Ferber hat Nessis Band «Foglie e folaghe» ("Blätter und Blässhühner») auf Deutsch übersetzt. (Bild: Keystone/GAETAN BALLY)

(sda)

Das Italienische besitzt lautliche Eigenheiten, die speziell in der Poesie zur Geltung kommen. Die runden, vollmundigen O-Töne prägen die Sprache und heben sie vom Deutschen mit seinen breiten E-Lauten ab.

Berra nimmt das Wort beim Wort

Der Übersetzer Christoph Ferber liebt seine Herausforderung gerade auch da, wo Wortspiele, Alliterationen und komplexe Rhythmen eine direkte Übertragung unmöglich machen. In solchen Fällen ist vor allem poetischer Spürsinn nötig.

Er bezeugt es in einer Übertragung von «Maddalena» in Donata Berras gleichnamigem Band. «Mitternacht mahnt» unter den Augen der Titelfigur, «muntere Männer ... machen Mädchen mürbe». Das Spiel mit den M-Lauten gelingt ihm in der Übersetzung melodiös magistral.

Donata Berra liebt es, Worte und Silben lautmalerisch zu variieren. Auf ein «Dimmelo dammelo», ein «Sag's mir, verrat's mir», folgt die Zeile «Kitzle mit Wörtern mich, Wörtern die kitzeln». Ihre Poesie kreist ums Wort, mal lustvoll verspielt, mal voller Anspielungen.

Unmerkliche Verschiebungen

In ihren Gedichten folgt Donata Berra gerne auch dem Augen-Blick. Mit wacher Aufmerksamkeit kehrt sie, aus dem Zugfenster schauend, in ihre Heimatstadt Milano zurück, oder sie überquert die Aare über die kühnen Brücken Berns, wo sie lebt.

Ihr lyrisches Gespür manifestiert sich in oft kleinen, unmerklichen Verschiebungen. Die Betrachtung eines Bildes von Vermeer wird zum eruptiven Lobgesang auf das Tun einer Waschfrau, die ihr flämisches Leinen walkt und das Nass «bis zur letzten Träne» herausdestilliert.

Zugleich behält ihr Ton gern etwas zurückhaltend Melancholisches, wie in «Sommessamente»: «Leise entsteht / die Stimme und wenn schon / aus Mangel.» Donata Berra verdichtet ihn mit aller Konsequenz bis zum «Requiem», bis zu den «Silben des letzten Worts».

Nessis Blick ohne Lüge

Alberto Nessis Lyrik gibt sich demgegenüber leichter, bildhafter. Mit oft knapper Diktion entwirft er Situationen, die augenblicklich einleuchten. Auch er schaut aus dem Zugfenster und sieht «Äpfel an den Bäumen entschwinden», das genügt.

Oder er entwirft, in «Biel, Coin-des-Tilleuls, 6. September», mit der lauteren Erscheinung eines Mädchens eine Stimmung, die so berührend dicht wie schlicht ist. Es sind solche poetischen Augenaufschläge, die bezaubern.

Aber auch Nessi kennt nachdenkliche Töne, ein stilles Innehalten vor der Natur, vor der Vergänglichkeit. «Wenn es wahr ist, dass man nicht vollständig stirbt», werden wir uns wiedersehen «zwischen Dunkel und Kronblatt».

Eintreten für Randfiguren

Immer wieder bezeugt er auch ein leidenschaftliches Eintreten für gesellschaftliche Randfiguren: den Asylbewerber mit der «gläsernen Seele» oder die stille «Frau im Tal». Ihnen erweist er mit seinen Versen poetische Reverenz. Am Ende des Bandes betont Pietro de Marchi die «brüderliche Achtsamkeit gegenüber den Schwächeren und Ausgegrenzten, die familiäre Zuneigung» als eines von Nessis Kernthemen.

Pietro de Marchi als Dichter

Die Bände von Berra und Nessi hat Pietro de Marchi feinsinnig mit Nachworten begleitet. Fast zeitgleich ist von ihm ein zweisprachiger Gedichtband mit dem Titel «Das Orangenpapier» erschienen. Christoph Ferber hat ihn ebenfalls übersetzt.

Zwei Aspekte charakterisieren ihn: die klassische Bildung des Autors, die sich gerne, wenn auch zurückhaltend darin niederschlägt, sowie die anschaulichen Erinnerungen an die Kindheit und vor allem an seinen Vater, mit dem ihn zärtliche Gefühle verbinden.

Kleine Feuerwerke

Das Titelgedicht «Das Orangenpapier» bezieht sich auf eine solche ferne Erinnerung. Einst spielten sie ein flüchtiges Spiel mit dem Seidenpapier von Orangen. Zum Zylinder geformt und angezündet gab es ein kleines Feuerwerk, das sich gleich wieder auflöste und als feiner Aschenregen aus der Luft herabschwebte.

Auch diese Gedichte entzünden oft kleine Feuerwerke, die behutsam nachklingen. Pietro de Marchi formuliert mit grosser Zurückhaltung, ohne lyrisches Brimborium, doch akkurat beobachtet und aufs Höchste formbewusst.

Der Kern der Poesie

Wie Donata Berra spielt er gerne mit Vorlagen anderer Dichter, die er behutsam und subtil in eigene Verse verwandelt. De Marchis Dichter ist auch ein Arbeiter, wie es in «Gefechtspause» heisst: «Wenn alles, was bleibt, / beseitigt ist, wird neu ausgehoben.»

Christoph Ferber weicht in seinen Übertragungen bei allen Dreien notgedrungen vom italienischen Original ab. Er nimmt sich im Deutschen einige Freiheiten heraus, die mit Eigensinn aber jederzeit den Kern dieser Dichtungen bewahren.

Verfasser: Beat Mazenauer, ch-intercultur

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