Rekordzahl an Passagieren und unpünktlichere Züge bei den SBB

Die SBB haben 2019 so viele Billette verkauft und Personen befördert wie noch nie. Zugleich kamen weniger Personenzüge pünktlich an. Trotzdem stieg die Kundenzufriedenheit an. Mit 463 Millionen Franken fiel das Konzernergebnis 18,5 Prozent tiefer aus als 2018.

Hören
Drucken
Teilen
Die SBB haben 2019 täglich 1,3 Millionen Passagiere befördert, so viele wie noch nie.
4 Bilder
Passagiere und Pendler im Hauptbahnhof Zürich: rund 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung besitzt ein GA oder Halbtax.
Immer vollere Züge, die immer unpünktlicher sind: die SBB haben 2019 in mancherlei Hinsicht ein Rekordjahr hinter sich.
Andreas Meyer vor den Medien in Bern an seiner letzten Bilanzmedienkonferenz als SBB-CEO.

Die SBB haben 2019 täglich 1,3 Millionen Passagiere befördert, so viele wie noch nie.

KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA VALLE
(sda)

«In der Summe ein gemischtes Bild»: so beschrieb Andreas Meyer am Dienstag vor den Medien in Bern an seiner letzten Bilanzmedienkonferenz als SBB-CEO das Geschäftsjahr 2019. Einerseits sei da ein «unglaublicher Nachfragezuwachs von 5,6 Prozent» im Personenverkehr, andererseits sei es in den Bereichen Sicherheit und Pünktlichkeit weniger gut gelaufen.

Insbesondere das 4. Quartal sei bezüglich Pünktlichkeit ein «veritabler Absturz» gewesen. Gerade einmal 83 Prozent der Personenzüge waren noch pünktlich unterwegs. Insgesamt lag die Pünktlichkeit der Züge im Jahr 2019 bei 89,5 Prozent (-0,6 Prozentpunkte gegenüber 2018).

Das Jahr 2019 habe gezeigt, «dass das System ein bisschen an die Grenzen gekommen ist», sagte Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar. Sie sei nicht zufrieden mit dem Resultat, insbesondere wegen den Mängeln bei zwei Kernkompetenzen der SBB. Insgesamt sei der Konzern jedoch gut aufgestellt, so dass der neue CEO Vincent Ducrot das Konzept der integrierten Bahn weiterentwickeln könne.

1,32 Millionen Reisende pro Tag

Die SBB beförderten im letzten Jahr jeden Tag 1,32 Millionen Reisende. Das sind knapp 6 Prozent mehr als 2018. Ihre Anschlüsse an den Umsteigebahnhöfen erreichten 96,8 Prozent der Reisenden, das sind 0,2 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr.

Grund für die Probleme bei der Pünktlichkeit sind laut einer Mitteilung der SBB die steigende Nachfrage, der enge Fahrplan, viele Baustellen, Störungen beim Rollmaterial, zu wenig Fahrzeuge und Lokpersonal. Pünktlicher als im Vorjahr waren 2019 dafür die Güterzüge von SBB Cargo (91,9 Punkte/+2,5 Prozentpunkte).

Insgesamt ist die Kundenzufriedenheit im Durchschnitt leicht höher ausgefallen als 2018, sowohl im Personen- (75,5 Punkte/+0,6 Prozent) wie im Güterverkehr (70,9 Punkte/+2,2 Prozent). Die SBB sehen trotzdem Handlungsbedarf. Besser werden müsse etwa die Information der Kunden bei Störungen und die Pünktlichkeit der Züge.

Erstmals mehr Billette digital gekauft

Die SBB haben im letzten Jahr 124 Millionen Billette verkauft, 15 Prozent mehr als 2018. Erstmals wurden mehr als die Hälfte der Fahrscheine über digitale Kanäle erworben. Der Absatz an den Schaltern und Automaten ist weiter gesunken. Neun von zehn Billetten lösen die Kunden heute selbst.

8,8 Millionen Fahrten wurden mit Sparbilletten unternommen. Gemäss einer Kundenbefragung haben rund 3 Millionen Fahrgäste die Fahrt mit der Bahn nur dank dem Rabatt gemacht. Rund 1,5 Millionen Kunden wechselten auf schwach ausgelastete Züge.

Auch 2020 wollen die SBB ihren Kunden im Fernverkehr mindestens 100 Millionen Franken Rabatt mit Sparbilletten zur Verfügung stellen. Darauf einigten sich der Preisüberwacher und der Bahnkonzern in einer gemeinsamen Erklärung, wie Preisüberwacher Stefan Meierhans am Dienstag mitteilte.

4 von 10 haben ein GA oder Halbtax

Es sind auch mehr Generalabonnemente (+2 Prozent) und Halbtaxabonnemente (+5 Prozent) im Umlauf. Über 3,2 Millionen Reisende haben ein General- oder Halbtaxabonnement, das sind rund 40 Prozent der Bevölkerung. Das zeige, dass die SBB «eine sehr loyale Kundenbasis» aufweise, sagte CFO Christoph Hammer bei seiner Präsentation.

Unter dem Strich ergab dies ein Konzernergebnis von 463 Millionen Franken, das zweitbeste Ergebnis der Geschichte der SBB, wie Hammer betonte. Das Konzernergebnis liegt jedoch 18,5 Prozent unter jenem des Vorjahres. Das habe auch mit den Rückerstattungen an die Kunden wegen der mangelhaften Betriebskapazität und höheren Zuwendungen ans Personal zu tun, das angesichts der Umstände einen Sondereffort geleistet habe, sagte Meyer.

Die Verkehrserträge haben um 2,2 Prozent auf 3,6 Milliarden Franken zugenommen. Der Vollkostendeckungsgrad im Fernverkehr lag bei rund 80 Prozent, im Regionalverkehr bei 45 Prozent. Der Güterverkehr schrieb dank ausserordentlichen Einmaleffekten eine schwarze Null (+3 Millionen), rein operativ fuhr SBB Cargo jedoch einen Verlust von 26 Millionen Franken ein.

3,6 Milliarden von der öffentlichen Hand

Von Bund und Kantonen erhielten die SBB im Jahr 2018 rund 3,6 Milliarden öffentliche Mittel, das sind 3 Prozent mehr als 2018. Diese flossen in den Unterhalt, Ausbau und Betrieb der Infrastruktur sowie den bestellten Regionalverkehr. Insgesamt haben die SBB 2019 rund 3,8 Milliarden Franken investiert.

Die grosse Knacknuss bleibt laut Meyer, die Balance zu halten zwischen Fahrplanstabilität und Gewährleistung des Unterhalts. Der Zuwachs der Nachfrage könne nur geregelt werden, wenn die Auslastung der Züge gleichmässiger verteilt werde, Anreize über die Preise geschaffen und die Kundeninformation verbessert werde.

Mehr Stabilität im Betrieb erhoffen sich Meyer und Ribar zudem endlich auch von den neuen FV-Dosto-Doppelstockzügen von Bombardier. 29 der bestellten 62 Kompositionen seien derzeit im Einsatz. Im zweiten Halbjahr 2020 sollen die Pannenzüge auch auf der Ost-West-Achse eingesetzt werden.

«Die Ikone der Schweiz»

Eine weitere Entlastung des Systems erhoffen sich die SBB überdies von der Schliessung von drei grossen Baustellen im Jahr 2020: dem Ceneri-Basistunnel im Tessin, dem Eppenberg- und dem Bözberg-Tunnel.

«Es war mir eine Ehre, 13 Jahre lang die Ikone der Schweiz führen zu dürfen», verabschiedete sich Meyer am Schluss der Medienkonferenz. Die wichtigste Dividende der SBB sei nicht monetär, sondern ihr Beitrag an die Lebensqualität der Schweiz. «Dafür habe ich gearbeitet.»