Reiseführer für Kinder: Entdeckungstour durch das historische Bern

«Berns verborgene Geschichten», ein interaktiver Stadtführer für Kinder, ist ein wertvoller Beweis dafür, dass den Digital Natives eine Faszination nie abhanden gekommen ist: jene für Bücher, Geschichten und das Erkunden. Eine Testtour mit Sohn und Tochter.

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Posten Nummer 7 der Altstadt-Tour im Kinderbuch «Berns verborgene Geschichten»: Der Ritter auf dem Zähringerbrunnen, der kein richtiger Ritter ist.

Posten Nummer 7 der Altstadt-Tour im Kinderbuch «Berns verborgene Geschichten»: Der Ritter auf dem Zähringerbrunnen, der kein richtiger Ritter ist.

Keystone/GAETAN BALLY
(sda)

Der Schutz der Lauben reicht nicht aus. Für einen Rundgang mit dem Buch «Berns verborgene Geschichten» sollte das Wetter schon trocken sein. Wie die Erfahrung an diesem garstigen Dezembernachmittag zeigt, wollen Kinder das A4-formatige Bilderbuch nicht mehr aus der Hand geben, sondern es weit geöffnet vor sich durch die Stadt tragen. Um «ganz allein» nach den Sehenswürdigkeiten zu suchen.

Nicht, dass der achtjährige Béla und die fünfjährige Nelly die Karten mit den Touren durch die Altstadt selbstständig interpretieren könnten. Dafür sind die Illustration ein bisschen gar karg, verwirrend und nicht ganz fehlerfrei.

Selbst mit Hilfe der Legenden sind die Posten zuweilen schwer zu finden und die damit verbundenen Aufgaben nicht ganz einfach zu verstehen - sogar für Erwachsene. Allerdings gibt es ausser der allfälligen Ungeduld der Kinder keinen Grund zu verzagen. Das Kniffeln macht den Postenlauf auch irgendwie spannend und bietet Raum für die eigene Fantasie.

Oft nur Spekulationen

Die «Berner Altstadt»-Tour, mit der die Geschwister starten wollen, beginnt in der Kreuzgasse - mit einer Überraschung für alle Beteiligten. Oder wer hat das aufgemalte Fenster, aus dem ein Narr auf die Menschen herunter blickt, schon einmal wahrgenommen? «Was ist ein Narr», fragen die Kinder. «Einer, der ein lustiges Kostüm mit Glockenkappe trägt und gerne Spässchen macht», so der mütterliche Erklärungsversuch.

Doch die kleinen Stadtforscher sind sowohl gedanklich wie physisch schon bei der Nummer zwei - einer kleinen Ernüchterung. Denn da wird lediglich der Begriff der «Lauben» (der für Bern typischen Arkaden) erklärt. «Laaaangweilig» - zumindest für Bernerinnen und Berner.

Schon jetzt ist klar: Der Reiz des Rundgangs besteht nicht darin, bei den einzelnen Posten etwas erklärt zu bekommen. Wie etwa, dass es in der Kramgasse unterirdische Geschäfte gibt. Der Schüler und die Kindergärtlerin wollen viel lieber rätseln, verborgene Strassenschilder finden oder Dinge zählen. Wie beim Kindlifresserbrunnen; da verlangt das Bilderbuch sowohl nach der Zahl der Kinder, die gefressen werden sollen, als auch nach jener der Bären an der Säule.

Während bei den Zählrätseln eine Kontrolle der Mutter reicht, wird es bei Fragen wie «Warum steht auf dem Zähringerbrunnen ein Bär mit Helm, und nicht ein Mensch» unbefriedigender für die Kinder. Ist in dem Buch doch keine Antwort darauf zu finden. Béla verlangt bereits nach Google, während Nelly nach einer Erklärung dafür verlangt, warum neben einigen Brunnen auch noch kleine Wassertroge stehen. Auch hier kann die Erwachsene mangels Auflösung im Buch nur spekulieren.

Die lieben Geister

Je nachdem, wie pflichtbewusst die Posten abgeklappert werden, dauert eine der insgesamt fünf Touren nicht länger als 15 Minuten. Béla, der auch sein Lieblingsessen immer bis zum Schluss aufspart, möchte nicht alle Posten am selben Nachmittag ablaufen. Es hat ihm zu viele Touristen, er braucht «ein bisschen Ruhe». Doch vor allem will er die Spannung so lange wie möglich aufrecht erhalten.

Im «Nydegghöfli», wo der Bärengraben, eine Albert-Einstein-Statue aber auch die schöne Aussicht hinunter auf die Aare im Fokus stehen, wünscht er also endgültig, die Tour durch die Matte zu vertagen. Ein willkommener Vorschlag für seine fünfjährige Schwester, allerdings aus anderen Gründen. Sie ist nach dem Fussmarsch ganz einfach müde, hat kalte Hände und grosse Lust auf eine heisse Schoggi.

Das von der Berner Turmwartin Marie-Thérèse Lauper und der amerikanischen Lehrerin Jeanne Darling geschriebene und von dem Künstler Jooce Garrett illustrierte Buch ist nicht nur ein unterhaltsamer Begleiter durch das historische Bern. Es ist auch eine schöne Bettlektüre, enthält es doch neben den Touren fünf Geschichten, die allesamt erfunden sind, aber auf Legenden beruhen.

Obwohl, die kleine Nelly will die Geschichte vom «Gespenst in der Junkerngasse» am Abend zu Hause nicht mehr hören, nachdem sie sich am Nachmittag schon nicht gewagt hat, an die Tür des Spukhauses an der Junkerngasse 54 zu klopfen. Dabei sind die Berner Geister und Sagengestalten im Buch allesamt lieb. Selbst der Kindlifresser.

Egal nach welchen Vorlieben und Zeitplänen man «Berns verborgene Geschichten» einsetzt - es ermuntert die Kinder, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, innezuhalten und nie Gesehenes zu entdecken. Dasselbe gilt übrigens auch für die Erwachsenen.

*Dieser Text von Miriam Lenz, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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