RadioKawa - 13 Jahre unabhängige Podcasts

«Match me», «Downright bad guys», «The Porncast», «Catch us if you can», «Rex Quondam Rexque Futurus»: Seit 13 Jahren bietet RadioKawa Dutzende Podcasts an. Auch wenn der Kanal diesen Sommer verschwindet, viele der Shows werden überleben.

Drucken
Teilen
Nischige Podcasts haben oft ein loyaleres Publikum als andere, sagt der Westschweizer Podcast-Experte Yann Rieder.

Nischige Podcasts haben oft ein loyaleres Publikum als andere, sagt der Westschweizer Podcast-Experte Yann Rieder.

zVg
(sda)

«Alles begann mit einem Podcast über Videospiele, der via Webradio auf einer speziellen Seite übertragen werden sollte», erinnert sich Yann Rieder, Mitglied der Geschäftsleitung und Gründer der in Genf ansässigen Podcast-Kette RadioKawa, im Gespräch mit Keystone-SDA. Am Anfang sei es die Leidenschaft einer Gruppe von Freunden gewesen, und ein sehr amateurhafter Sound, sagt er. Fünf Jahre später, 2013, wurde RadioKawa gegründet.

Die Zahl der Programme wuchs schnell an. Inzwischen umfasst es Podcasts zu Themen wie Kino und Fernsehserien, Comics und Manga oder auch News. «Wir haben auch viel über Inklusivität und Feminismus gesprochen, Themen, die in Podcasts noch nicht sehr präsent sind», sagt der Franzose Loup Lassinat-Foubert, der seit neun Jahren auf dem Kanal aktiv ist. Und so thematisieren andere Sendungen Sexualität, Arbeitspsychologie, arthurianischen Sagen, Musik oder: Geständnisse.

Erfrischende Live-Interaktionen zwischen Gastgebern und Gästen bilden die DNA der unabhängigen Podcast-Kette. Die Sendungen sind nicht oder nur gering geskriptet, wodurch die Improvisation einen hohen Stellenwert bekommt.

Fast 80 Podcaster

Es gibt weder ein Studio noch eine Redaktion. Die RadioKawa-Moderatoren befinden sich am Ufer des Genfersees, aber auch in Frankreich, Belgien, Kanada und sogar in den USA oder Japan. Die Sendungen, die sie von da aus übermitteln, sind von drei Minuten bis zu fünf Stunden lang.

Inzwischen gibt es bei RadioKawa fast 80 Moderatoren, die ihre Podcasts im Zweiergespann oder in ganzen Teams produzieren. In den Jahren 2014/2015 verzeichnete RadioKawa durchschnittlich 150'000 Downloads pro Monat und wurde damit zu einem der meistgehörten französischsprachigen Podcast-Netzwerken der Welt, wie Yann Rieder betont. «Durch die Erhöhung der Anzahl nischiger Spezialprogramme, deren Zuhörer oft loyaler sind als ein allgemeines Publikum, konnten wir endlich eine breite Masse erreichen.»

Trozt allem löst sich die Podcast-Kette in diesem Sommer auf. Seit 13 Jahren ist die Plattform zu 100 Prozent unabhängig und freiwillig. Keine Werbung, keine Kunden, keine redaktionellen Vorgaben. Die Podcaster haben neben dem Studium oder der Arbeit gearbeitet. Die einzigen Einnahmen kamen aus einem Crowdfunding im Jahr 2015, was etwa die Deckung von Reisekosten oder den Kauf von Ausrüstung ermöglichte.

Der transformierte Podcast

«Was an Geld übrig bleibt, wird an fünf Verbände gespendet, die für gut die Hälfte der aktuellen Podcasts verantwortlich sind», sagt Yann Rieder. Wer wolle, könne bis Ende 2021 weiterhin Inhalte über die Website laufen lassen. «Wir zogen es vor, das Ende von RadioKawa frühzeitig anzukündigen, anstatt das Projekt verdorren zu lassen.»

Der Grund für das Ende sind weder mangelnde Einnahmen noch ein Publikumsrückgang. Im Gegenteil: Reaktionen auf Twitter sowie zahlreiche direkte Zuschriften zeigen, dass die Programme nicht nur in der Schweiz, sondern im gesamten französischsprachigen Raum verfolgt werden - manchmal von denselben Personen seit mehr als zehn Jahren. Laut Rieder verändert sich das Podcast-Universum jedoch gerade so stark, dass diese Art der Produktion kaum Überlebenschancen hat.

«Grosse Unternehmen investieren in Werbung, um ihre eigenen Produktionen zu fördern», erklärt er. «Andere verdienen Geld mit Apps, die den Zugang zu urheberrechtsfreien Podcasts ermöglichen - produziert von Leuten, die unentgeltlich arbeiten.» Ausserdem nehmen Plattformen wie Spotify die Podcasts auf und schreiben sich die Titel auf ihre eigene Fahne, obwohl die Idee dieser Podcasts ursprünglich darin bestand, frei und niemandem Rechenschaft schuldig zu sein.

Das Blueprint-Abenteuer

Diese Entwicklungen hielten Yann Rieder, Loup Lassinat-Foubert und andere Mitglieder von RadioKawa nicht davon ab, 2018 mit Blueprint ein neues Projekt in Angriff zu nehmen. Ein assoziatives Startup, das Podcasts, Medieninhalte und Beratungsdienste produziert. «Wir wollen von den durch RadioKawa erworbenen Fähigkeiten profitieren, ohne unsere Unabhängigkeit zu verlieren», sagte Blueprint-Präsident Rieder.

Das neue Unternehmen hat also eine ähnlich klare Linie: Es berücksichtigt keine Parteien, macht keine nicht explizit deklarierte Werbung und fungiert nicht als Kommunikationsagentur. Die Ausgaben sind gering, «sie könnten einem nuklearen Winter standhalten», sagt der Genfer. «Die Strukturen sind einfach und somit viel leichter zu verwalten», sagte Lassinat-Foubert, Co-Moderator von «La Cartouche», einem Podcast für Videospiele, die direkt von RadioKawa importiert wurden.

Neben einem weiteren technologiebezogenen Podcast konzentrieren sich zwei weitere Nischenprogramme auf das Apple-Universum und Tastaturen. Warum so spezielle Themen, wenn die Anzahl der Podcasts schon reduziert ist? Yann Rieder ist überzeugt: «Um dieses Medium zu erhalten, brauchen wir gut produzierte Inhalte, leidenschaftliche Moderatoren und allem voran Programme, die nicht um jeden Preis ein grosses Publikum ansprechen.»

Neben seiner Tätigkeit als Berater und Podcaster bei Blueprint ist der 28-jährige Yann Rieder auch Journalist und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Genf. Loup Lassinat-Foubert, 34, ist Journalist, Social Media Manager und Autor von zwei Büchern über Videospiele.

www.radiokawa.ch / www.blueprint.pm