Mehr Grün, weniger Altherrengrau: Was die neue Präsidentin mit den FDP-Frauen vorhat

Susanne Vincenz-Stauffacher wird neue Präsidentin der FDP-Frauen. Sie soll den neuen Ökokurs prägen.

Christoph Bernet
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«Jungen und Progressiven eine Heimat bieten»: Susanne Vincenz-Stauffacher präsidiert neu die FDP-Frauen.

«Jungen und Progressiven eine Heimat bieten»: Susanne Vincenz-Stauffacher präsidiert neu die FDP-Frauen.

Michel Canonica

Vielleicht wird der obligate Blumenstrauss ja per Kurier an die Haustür geliefert. Wenn die St. Galler Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher am 9. Mai zur neuen Präsidentin der FDP-Frauen gewählt wird, geschieht das nicht in einem Saal, wo die Delegierten der freisinnigen Frauen die zu erwartende Wahl ihrer neuen Chefin mit Applaus quittieren und ihr ein Bouquet überreichen. Das Coronavirus trifft auch die geplante DV – sie findet digital statt.

Im St. Galler Regierungsratswahlkampf sorgte Vincenz mit ihrer Wahlempfehlung für die SP-Kandidatin Laura Bucher für Schlagzeilen: Es brauche «eine zweite kompetente Frau» im Gremium. Das gefiel nicht allen Parteikollegen. Ein «sozialistenfressender Luzerner Jungfreisinniger» («St. Galler Tagblatt») forderte auf Twitter deswegen ein Parteiausschlussverfahren – selbstredend erfolglos.

Ihre Karriere innerhalb der FDP bewegte sich in den letzten Jahren nur in eine Richtung: nach oben. Im September 2018 rutscht sie in den Kantonsrat nach. Drei Monate später wird sie als Ständeratskandidatin nominiert, um den Sitz der in den Bundesrat gewählten Karin Keller-Sutter zu verteidigen. «SVS für KKS!» schreibt die FDP auf Facebook. Das misslingt, Vincenz scheitert an CVP-Finanzdirektor Benedikt Würth. Doch sie gewinnt im Wahlkampf an Profil und schafft im Oktober 2019 die Wahl zur Nationalrätin.

Mit 53 Jahren geht Vincenz nicht mehr als freisinniger Shootingstar durch. Dafür ist sie auch schon zu lange politisch aktiv: Sie präsidierte den Spitexverein ihrer Wohngemeinde, stand der Ostschweizer Frauenzentrale vor, ist Stiftungsratspräsidentin der Opferhilfe St. Gallen-Appenzell.

Und doch steht die Abtwilerin für die neue FDP im Bundeshaus: eine Partei, die grüner sein will, moderner, zugänglicher. Weniger Paradeplatz und Altherrenverein. Weiblicher ist sie bereits geworden: 11 von 29 FDP-Nationalratsmitgliedern sind Frauen, ihr Anteil stieg von 21 auf 37 Prozent.

«Wir haben die Ökologie etwas vernachlässigt»

Dafür, dass die Partei grüner wird, will Vincenz persönlich sorgen. Obschon neu im Nationalrat, sitzt sie bereits in der einflussreichen Kommission für Umwelt und Energie (UREK). «Als ich der FDP beigetreten bin, gehörte die Ökologie zur DNA der Partei. Seither haben wir das vernachlässigt», sagt sie, und tönt dabei wie Parteipräsidentin Petra Gössi. Vincenz bezeichnet sich als «Umweltfreisinnige». Sie ist Mitglied der gleichnamigen Sektion der FDP St. Gallen, wo seit 1993 Freisinnige mit ökologischem Bewusstsein zusammenfinden. Solche Parteimitglieder mit grünem Bewusstsein sorgten im Juni 2019 an einer Delegiertenversammlung für eine «ökologischen Wende» der FDP.

Zuvor hatte Parteichefin Gössi den Kurswechsel eingeleitet – unter dem Eindruck der Klimajugend und dem Unverständnis der Parteibasis über die FDP-Bundeshausfraktion. Diese hatte das CO2-Gesetz im Nationalrat unter der Führung ihrer UREK-Vertreter Christian Wasserfallen und Peter Schilliger verwässert und das Scheitern der Vorlage mitverantwortet. Gössis Kurswechsel war das spektakulärste Manöver im Wahljahr überhaupt.

Wasserfallen und Schilliger sind als Dossierleader im Umweltbereich passé. Vincenz soll den Gössi-Kurs in der Partei mitprägen. Sie will «das Ökologische mit dem Ökonomischen verbinden». Und hofft auf ein «wirksames, wirtschafts- und sozialverträgliches CO2-Gesetz». Eine liberale Partei müsse verschiedene Haltungen aushalten, sagt sie mit Blick auf den Wasserfallen-Flügel: «Doch ich sehe die Fraktion in der Verantwortung, die Haltung der Basis umzusetzen.»

Mutterschaft und Beruf als Initialzündung

Als Präsidentin der FDP Frauen will sie ihr langjähriges frauenpolitisches Engagement in der Ostschweiz auf nationaler Ebene fortführen und «jungen, progressiven Frauen, die sich für Politik interessieren», eine Heimat bieten. Die Herausforderung, Beruf und Familie zu vereinbaren, sei die «Initialzündung» für ihr politisches Engagement gewesen. Mit 25 Jahren machte sie sich als Anwältin selbstständig, mit 28 wurde sie erstmals Mutter. Sie hatte sich als Frau nie benachteiligt gefühlt. «Doch plötzlich wurde es von allen Seiten als selbstverständlich angesehen, dass ich beruflich zurückstecke.» Dank ihrer «privilegierten Situation» und hilfsbereiten Eltern sei das nicht nötig geworden.

Sie wolle ein «partnerschaftliches Verhältnis zwischen den Geschlechtern». Wichtig sei die Wahlfreiheit in der Lebensgestaltung. Dafür brauche es gute Betreuungsangebote und die Möglichkeit, auch in Kaderstellen Teilzeit zu arbeiten: «Es kann nicht sein, dass es gottgegeben immer die Mütter sind, die ihr Pensum reduzieren und auf eine Karriere verzichten.»