Kampf gegen Corona-Virus: Tiziano Galeazzi ist der weitsichtigste Politiker der Schweiz

Gehen Schulen zu? Gibt es Entschädigungen für Geschäfte, die  schliessen müssen? Ein Tessiner SVP-Kantonsrat ahnte schon vor mehr als drei Wochen, welch einschneidende Massnahmen die Behörden treffen könnten. Doch am Anfang wurde Tiziano Galeazzi als Alarmist abgestempelt.

Kari Kälin
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Die Begrenzungsinitiative habe bei seinen Vorstössen keine Rolle gespielt: Der Tessiner SVP-Kantonsrat Tiziano Galeazzi.

Die Begrenzungsinitiative habe bei seinen Vorstössen keine Rolle gespielt: Der Tessiner SVP-Kantonsrat Tiziano Galeazzi.

Bild: Privatarchiv

Er solle sich beruhigen. Wieder herunterkommen. Keine Angst verbreiten. Riet Fiorenzo Dadò, Tessiner CVP-Präsident, dem SVP-Kantonsrat Tiziano Galeazzi. Er betreibe Wahlkampf mit Panik, schimpften andere Stimmen in den sozialen Medien. Das war vor gut drei Wochen. Damals gab es in der Schweiz noch keinen bestätigten Covid-19-Patienten. Damals befanden sich ein paar Dutzend Personen in Quarantäne. Damals erweckte Gesundheitsminister Alain Berset an seiner ersten Pressekonferenz zum Corona-Virus nicht den Eindruck, als würde der Bundesrat bald drastische Massnahmen beschliessen. Forderungen nach Grenzschliessungen von Lega-Nationalrat Lorenzo Quadri und der SVP wurden weitherum abgetan als billige Propaganda für die Begrenzungsinitiative. Was es mitunter wohl auch war.

Ein Wochenende am Newsticker

Das Wochenende vom 22. und 23. Februar verbrachte Galeazzi vor dem Fernseher und dem Newsticker. Italien beklagte erste Todesopfer, die Zahl der Fälle stieg rasant, «Patient 1» landete auf der Intensivstation. Ein 38-jähriger, gesunder Mann, der eben erst noch einen Halbmarathon absolviert hatte. Galeazzi war alarmiert. Ist die Schweiz gewappnet für die neue artige Seuche? Wartet sie zu lange zu, während Italien schon drastische Massnahmen verhängt?

An die Abstimmung vom Mai, sagt Galeazzi, habe er nie gedacht. Aber die beruhigenden Worte der Behörden überzeugten ihn nicht. Zumal die italienische Regierung an diesem Wochenende beschloss, weite Teile Norditaliens abzuriegeln. Sind wir wirklich bereit, wenn das Virus in die Schweiz hinüberschwappt? Also schrieb Galeazzi zwei Vorstösse. Ging systematisch vor, wie es der Oberstleutnant in der Armee gelernt hatte. Die Lage analysieren – und Gegenmassnahmen vorschlagen. In den Interpellationen vom 21. und 23. Februar stellte er der Tessiner Regierung mehr als 20 Fragen zu den drängendsten Themen, wie etwa:

  • Gibt es verstärkte Grenzkontrollen?
  • Gibt es Entschädigungen für Geschäfte, Bars und Restaurants, die schliessen müssen?
  • Gibt es Pläne für Home-Office?
  • Haben die Spitäler genügend Kapazitäten für die Behandlung von Corona-Virus-Patienten?
  • Eilt die Armee zu Hilfe, zum Beispiel mit Sanitätern?
  • Gehen Schulen zu?
  • Wurden Vorkehrungen getroffen, um Ansteckungen in Sportvereinen zu vermeiden?

Mittlerweile gilt Galeazzi nicht mehr als Kassandra, als die Figur der griechischen Mythologie, deren Warnungen niemand ernst nimmt. Die Realität zeigt: Der 52-jährige Vermögensverwalter war der erste Schweizer Politiker, der die Problematik des Corona-Virus in alle Verästelungen des gesellschaftlichen Lebens erfasste. Praktisch all seine Fragen hat der Bundesrat unterdessen mit Ja beantwortet. Ein Journalist einer Tessiner Sonntagszeitung sagte ihm neulich: «Sie sind Nostradamus».

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