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Jason Kahn: «Ich riskiere etwas, mache mich verletzlich»

Das Universum des Jason Kahn ist erfüllt von Klängen. Offenheit ist hier Programm, und Freiheit im Denken stetes Ziel. Jason Kahn, aufgewachsen in Los Angeles, seit dreissig Jahren in Europa, seit zwanzig Jahren in der Schweiz, ist ein Rahmen-Sprenger.
Der Musiker Jason Kahn erforscht unter anderem die Grenzbereiche des stimmlich Möglichen. Daneben widmet er sich der Erforschung von Klangräumen, durch die er sich im Alltag bewegt. (Bild: Keystone/CHRISTIAN BEUTLER)

Der Musiker Jason Kahn erforscht unter anderem die Grenzbereiche des stimmlich Möglichen. Daneben widmet er sich der Erforschung von Klangräumen, durch die er sich im Alltag bewegt. (Bild: Keystone/CHRISTIAN BEUTLER)

(sda)

Eine Bühne, ein Stuhl. Und Jason Kahn, der hereinkommt, sich setzt. Eine schmale Gestalt, ernsthaft, fast etwas schüchtern wirkend. Er blickt ins Publikum, öffnet den Mund - und schleudert die Welt aus der Komfortzone. Es beginnt ein Röcheln, Gurgeln, Schreien, Kreischen, Winseln, Knirschen, Ächzen, das nicht enden will. Der Mund ist weit aufgerissen, die Gesichtszüge sind entglitten. Jason Kahn wirkt nackt, und diese Nacktheit beginnt sich, je länger der Auftritt dauert, in den Gesichtern der Zuhörenden zu spiegeln.

Unmittelbarkeit schaffen

Vor sechs Jahren hat Jason Kahn begonnen, auch mit der Stimme zu arbeiten. Schlagzeug und Gitarre spielt er seit den Jugendtagen in Kalifornien, im Berlin der Neunzigerjahre gesellte sich dann der Synthesizer dazu.

Einst war er im Punk daheim, heute bewegt sich der 59-Jährige in der elektronischen und in der frei improvisierten Musik. Immer habe dabei zwischen ihm und dem Publikum ein Instrument gestanden, sagt er. «Mit der Stimme kann ich nun einen ganz unmittelbaren Zugang finden, zu mir und zum Publikum. Ich zeige viel von mir, ich riskiere etwas, bin sehr ehrlich, mache mich verletzlich.» Damit schaffe er im Kontext eines Konzerts einen neuen sozialen Raum.

Wenn Zuhörerinnen und Zuhörer nach dem Auftritt neugierig nach Hause gehen, habe er erreicht, was er wolle, sagt Jason Kahn. Einen Impuls geben, eine Veränderung anstossen, wirke sie auch noch so klein. Denn da hat er es ganz und gar mit den Ideen des deutschen Künstlers Joseph Beuys: Jede und jeder kann sich kreativ an der Weiterentwicklung der Gesellschaft beteiligen, jedes Individuum hat die innere Freiheit, innerhalb der Gesellschaft zu handeln und etwas zu bewegen.

Und die Kunst hat den Auftrag, diesen Prozess zu unterstützen. Jason Kahn sagt, er habe Anfang der Neunzigerjahre in Berlin miterlebt, dass diese Theorie der «sozialen Skulptur» Wirklichkeit werden könne. «Da war so viel Aufbruch, so viel Hoffnung, so viel Aktivität. In den Musikerkreisen, in denen ich mich damals bewegte, waren alle daran beteiligt.» Diese Erfahrung hallt in seinem Schaffen bis heute nach.

Die Wahrnehmung intensivieren

Wichtig sind Jason Kahn auch die Überlegungen des französischen Soziologen und Marxisten Henri Lefebvre, der sich mit der Produktion und dem Wesen von öffentlichen Räumen befasste sowie mit den Rhythmen und Geräuschen, von denen diese erfüllt sind. Ihnen gelte es vermehrt zuzuhören, denn sie beeinflussten, so Lefebvres Theorie, auch die Befindlichkeit des Menschen.

Ausgehend davon beschäftigt sich Jason Kahn immer wieder von Neuem mit der Frage, wie viel von der Wirklichkeit wir eigentlich hörend wahrnehmen - und wie viel unabhängiger wir innerlich sein könnten, wenn wir unserer Umgebung mehr Aufmerksamkeit schenkten und uns damit persönlich besser verorten würden. «Wir lassen uns zu sehr ablenken, durch die Medien, durch die Welt des Konsums, und werden so manipulierbar. Das bewusste Wahrnehmen der Welt hat für mich auch eine politische Dimension.»

Vor Ort sein

Seit einigen Jahren verbringt Jason Kahn von Zeit zu Zeit einen ganzen Tag an einem Ort im öffentlichen Raum. Daheim in Zürich oder unterwegs auf Reisen. Früh am Morgen nimmt er seinen Platz ein, auf einer Sitzbank, auf einer Treppenstufe, erst am Abend verlässt er den Ort wieder.

Einzige Beschäftigung: aufmerksam sein. Das Klickklack von Absätzen, das Rascheln einer Zeitung, das Plätschern eines Brunnens, das Summen des Trams. «Einen Tag lang nichts tun, einfach sitzen, zwischendurch mal ein paar Schritte gehen, das ist immer eine grosse Herausforderung für mich. Am Anfang ist es langweilig, repetitiv, manchmal ist es auch sehr lärmig. Aber nach drei, vier Stunden beginnt sich der Ort mir dann zu offenbaren.»

Die Wahrnehmung verändere sich, sie vertiefe sich, und auch er selber erlebe sich in der Umgebung auf eine neue Weise. Eine Art Meditation? Jason Kahn spricht eher davon, dass er selber zur Skulptur werde, zur Installation.

Während des Tages macht Jason Kahn sich keine Notizen. Später bringt er das Erlebte aber jeweils zu Papier, als Reisebericht der anderen Art. Eine Sammlung davon hat er unter dem Titel «In Place» herausgegeben - entstanden ist so ein kleines, zartes Buch.

Während mehrerer Jahre hat sich Jason Kahn zudem auf eine nochmals andere Art mit dem öffentlichen Raum beschäftigt. Er hat in ihn eingegriffen, mit Klanginstallationen. Rund dreissig Arbeiten sind in jener Zeit entstanden. «Es war eine Phase, in der ich mich eher als Künstler verstand und weniger als Musiker. Mittlerweile bin ich wieder mehr der Musiker und weniger der Künstler.»

In der Musik sei er beweglicher, sagt er. Weniger Traditionen, weniger Erwartungen, die es zu erfüllen gebe. Aber die Horizonterweiterung durch die Kunst tue der Musik gut.

Im Januar dieses Jahres hat Jason Kahn in Zürich ein neues Album aufgenommen: zwei Improvisationen für Stimme und Schlagzeug. «Lining Out» heisst es; der Titel ist den gälischen Psalmen entnommen, die bis heute auf der schottischen Inselgruppe der Äusseren Hebriden gesungen werden.

Unterwegs in der Welt

Neben «In Place» hat Jason Kahn weitere Publikationen verfasst. Er schreibt viel und reflektiert damit seine Arbeit. Aber nicht nur: Schreiben ist für ihn eine weitere gestalterische Form, es schafft einen weiteren Ausdrucks-Raum.

Texte von ihm finden sich zum Beispiel auch auf Beiblättern zu den Musikalben, die er in seiner Publikationsreihe «editions» selber herausgibt. Schwere Vinyl-Scheiben, in schönen, im Siebdruck-Verfahren selber bedruckten Hüllen.

Sein mittlerweile eingestelltes Label «Cut» umfasst 25 CDs; zu hören sind darauf eigene Werke, aber auch viele von anderen Musikerinnen und Musikern. Aufgenommen worden sind sie zum Teil im Ausland; die Szene der elektronischen und improvisierten Musik ist sehr international und Jason Kahn entsprechend oft unterwegs.

Jason Kahns Universum umspannt denn auch die ganze Welt. Er ist auf vielfältigste Weise verflochten mit anderen Kulturschaffenden, er komponiert, er arbeitet für Radio, Theater, Tanz und Film. Er hat in vielen Ländern gespielt und ausgestellt, unter anderem in Argentinien, Ägypten, Brasilien, China, Indien, Korea, Malaysia, Mexiko, Südafrika und Taiwan. Vor kurzem weilte er im Irak.

«Es ist interessant, in anderen kulturellen Kontexten aufzutreten», sagt Jason Kahn. Gerade in Ländern, in denen man seine Form von Musik nicht kenne, sei der Austausch darüber für beide Seiten sehr lohnend. Seit er für eine Klanginstallation in Gais das Appenzellerland durchstreift hat, weiss er aber, dass grosse Momente auch vor der eigenen Haustüre eintreten können. «Als ich das erste Mal einen Alpsegen hörte, war das eine Offenbarung für mich.»

Verfasserin: Ursula Binggeli, ch-intercultur

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