«Iphigénie en Tauride» von Christoph Willibald Gluck

Als hochemotionales Psychogramm präsentiert sich Christoph Willibald Glucks Oper «Iphigénie en Tauride» am Zürcher Opernhaus.

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Unter der Regie von Andreas Homoki hatte Glucks Oper «Iphigénie en Tauride» am 2. Februar 2020 Premiere.

Unter der Regie von Andreas Homoki hatte Glucks Oper «Iphigénie en Tauride» am 2. Februar 2020 Premiere.

Monika Rittershaus
(sda)

Schwarz, alles schwarz. Schwarz die Kostüme mit Ausnahme der hellen Untergewänder der beiden Griechen Orest und Pylades sowie der Kostüme der Göttin Diana und der phantomartigen Erscheinungen. Schwarz die faszinierend-furchtbare Bühne: Sie steigt leicht an, verengt sich nach hinten und verliert sich im (schwarzen) Nichts. Und mitunter tun sich da und dort bedrohliche Gräben und Spalten auf, weiss gezackt, unheimlich: Schattenreich, Inferno, Hades! Als Ausstatter wirkt Michael Levine, in Verbindung mit Franck Evins suggestiver Lichtregie.

Blutige Familiensaga

Schwarz ist auch der mythologische Hintergrund der 1779 in Paris uraufgeführten zweitletzten Oper Glucks: die Geschichte des fluchbeladenen Atridengeschlechts, gesäumt von einer Serie von Gräueln - Kindsopferung, Gattenmord, Muttermord.

Diese traumatischen Erinnerungen erhalten neue Nahrung, als zwei Griechen auf die Barbareninsel gelangen, wo sie nach dem monströsen Gesetz des Herrschers Thoas der Tod erwartet. Iphigenie soll das blutige Ritual an den beiden Fremdlingen vollziehen, die, wie es sich im Laufe des Abends herausstellt, Orest, ihr jüngerer Bruder, und dessen Freund Pylades sind.

Die grause Vorgeschichte erzählt Andreas Homokis Regie gleich zu Beginn der Oper in pantomimisch stilisierten Visionen, dargestellt von historisch gekleideten Gestalten, die durch Iphigenies - sie waltet jetzt als Priesterin auf Tauris - Alpträume geistern. Diese didaktisch-dramaturgische Idee mag eine Verständnishilfe sein, der Versuch einer psychologischen Deutung gar. Sie wird jedoch überbefrachtet, wenn nicht gar verunklart, da Vater Agamemnon und Fürst Thoas, Mutter Klytämnestra und Göttin Diana jeweils ein und dieselbe Figur sind.

Eine Frau, drei Männer

Cecilia Bartoli wirft sich mit allen ihr zu Gebot stehenden Mitteln in die extreme Rolle der Titelgestalt; eigentlich eine Sopranpartie, die durch die tiefere Barock-Stimmung aber auch der Mezzosopranistin entspricht. Selbst wenn ihr Stimmvolumen begrenzt ist und bleibt, beherrscht sie das Spektrum von der pathetischen Klage bis hin zum furiosen Verzweiflungsausbruch mit schonungsloser Hingabe. Und ganz ohne die vokalen Exploits, für die sie berühmt ist, die der Reformer Gluck aber zugunsten der gesteigerten emotionalen Wahrhaftigkeit aus seiner Partitur verbannt hat.

Nicht weniger überzeugend die männlichen Verbündeten und Gegenspieler: Stéphane Degout als Orest zeichnet den von Wahnbildern und Todessehnsucht getriebenen Muttermörder mit atemberaubender Intensität. Er scheut sich nicht, seinen kernigen und doch agilen Bariton zugunsten des Ausdrucks an die Grenzen des Schöngesangs zu führen. An seiner Seite der Freund Pylades, gesungen vom Québécois Frédéric Antoun, der mit kraftvollem Tenor das kämpferische Wesen der Figur unterstreicht. Und sich dem Barbarenfürsten Thoas - Jean-François Lapointe mit wuchtig auftrumpfendem Bassbariton und dämonisch dunkler Brille - energisch entgegenstellt.

Eine Sonderleistung erbringt der Chor, der hier - aufgeteilt in Priesterinnen, Erinnyen, Skythen und Griechen - nicht nur gesanglich ausdrucksstark, auch darstellerisch als amorphe, numinöse Macht im Sinne eines antiken Chors agiert.

Brodelndes und seufzendes Orchester

Ein Protagonist erster Güte ist die buchstäblich Funken sprühende «Scintilla». Gianluca Capuano lässt das Orchester brodeln und seufzen, er akzentuiert, entfesselt Stürme, lässt den Puls stocken, beschwört exotisches Kolorit und zwingt so Handlung und Musik, Bühne und Graben zu berückender Einheit.

In Verbindung mit dem genialen Bühnenbild schafft Homokis Regie Seelenbilder, die Glucks musikdramatische Schlagkraft unterstützen. Die Personenführung, auch die des Chors, ist exzellent auf die Musik getimt. Etwas unbefriedigend bleibt der Schluss: Als die befreiten Griechen in einem Lichtstrahl abgehen, bleibt Iphigenie eigenartigerweise zurück in der Schar der Priesterinnen - ausgebrannt, verzehrt? Oder spielte sich alles nur in der traumatisierten Seele der malträtierten jungen Frau ab...?

Jedenfalls ein Abend, wie gesagt, monochrom, aber keineswegs eintönig.

Verfasser: Bruno Rauch, ch-intercultur