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Interview

Carla del Ponte lässt nicht locker

Die ehemalige Chefanklägerin der Vereinten Nationen hat ein Buch über die Gräuel in Syrien geschrieben und damit einen Bestseller lanciert. Im Interview sagt die Tessinerin, welche Szene sie nie mehr vergessen wird.
Interview: Eva Novak
Die ehemalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshof für Verbrechen in Jugoslawien und in Ruanda, Carla del Ponte. (Bild: Imago)

Die ehemalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshof für Verbrechen in Jugoslawien und in Ruanda, Carla del Ponte. (Bild: Imago)

Carla del Ponte, Ihr Buch zum Syrien-Konflikt war wochenlang zuoberst auf der Bestsellerliste. Freut Sie das?

Es freut mich sehr. Ich hoffe, dass viele Leute das Buch lesen und über die grosse Tragödie nachdenken, die sich in Syrien abspielt – und über die internationale Gemeinschaft und die Justiz, die nichts für die Opfer tun.

Liegt das grosse Interesse daran, dass Sie mit der internationalen Gemeinschaft hart ins Gericht gehen und ihr unverblümt vorwerfen, versagt zu haben?

Wohl kaum. Man kennt mich und weiss, dass ich sehr offen spreche und sage, was gesagt werden muss. Der Grund für das Interesse ist Syrien. Täglich bekommt man in der Tagesschau Informationen, doch die sind nicht immer ganz zutreffend. Ich glaube, die Leute kaufen das Buch, weil sie die Wahrheit kennen wollen. Und ich sage die Wahrheit.

Sie haben als UNO-Chefanklägerin die Gräueltaten in Ex-Jugoslawien sowie in Ruanda untersucht. Warum sagen Sie, was in Syrien geschehen ist und noch geschieht, sei schlimmer?

Zunächst einmal sind es viel grössere Gewalttaten als im ehemaligen Jugoslawien. Solch grausame und vielfältige Foltermethoden, wie sie in Syrien gang und gäbe sind, habe ich noch nie gesehen. Tagtäglich werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, und zwar von allen Kriegsparteien. Am tragischsten aber ist der Einbezug der Kinder. Kinder, die als Kämpfer benutzt werden, die Opfer des Krieges sind, die auf der Flucht sterben. Dass so etwas heute noch geschieht, finde ich unglaublich.

«Solch grausame und vielfältige Foltermethoden, wie sie in Syrien gang und gäbe sind, habe ich noch nie gesehen.»

Sie beschreiben eine Szene, die Ihnen besonders geblieben ist ...

... ja, uns wurde ein Video zugespielt, in dem einem zwölfjährigen Knaben der Kopf abgeschnitten wird. Die Angst in den Augen des Kindes, das wusste, was geschehen würde – ich werde das nie vergessen.

Warum unternimmt die UNO nichts dagegen?

Das ist eine gute Frage. Faktisch müsste der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen etwas tun, er tut es aber nicht. Ihm sind wegen des Vetorechts von Russland die Hände gebunden, und China macht dabei auch mit. Es gibt also keine Gerechtigkeit für die Opfer.

Sie bezeichnen die UNO als schwach und reformbedürftig. Welche Reformen braucht es, um sie zu stärken?

Erstens muss man das Vetorecht im Sicherheitsrat abschaffen. Zweitens sollten alle Mitgliedstaaten des Menschenrechtsrats, die selber Menschenrechte verletzen, aus dem Rat hinausgeworfen werden, denn ihnen fehlt die Legitimität. Dass der syrische Botschafter bei den Menschenrechten ebenfalls mitreden kann, ist doch nicht akzeptabel. Das gilt auch für verschiedene andere Staaten.

Leiten Sie mit Ihrer Kritik an der UNO nicht Wasser auf die Mühlen jener, die am liebsten gar keine UNO hätten?

Das wäre falsch, denn die UNO ist eine der wichtigsten Institutionen, die wir haben. Ich kritisiere nur, wie sie sich im Bereich der Menschenrechte und der Justiz verhält. In anderen Gebieten wie zum Beispiel der Klimapolitik aber macht die UNO Wichtiges auf der Welt. Sie darf auf keinen Fall weiter geschwächt werden.

Jetzt hat ausgerechnet das syrische Regime von Baschar al-Assad in den nächsten vier Wochen den Vorsitz der UNO-Abrüstungskonferenz übernommen.

Dass Syrien den Vorsitz der ­Abrüstungskonferenz hat, ist ein Skandal, und ich hoffe, dass die Staatengemeinschaft etwas unternimmt.

Auch die Schweiz machen Sie in Ihrem Buch mitverantwortlich für die Giftgasangriffe, weil sie Material geliefert habe, mit dem Menschen umgebracht wurden. Was müsste geschehen?

Da ist bereits etwas geschehen: Der Export solcher Dual-Use-Güter nach Syrien wird nicht mehr bewilligt.

«Ich habe gemacht, was ich konnte. Es
hat aber nicht gereicht, um den Opfern
die Gerechtigkeit widerfahren zu
lassen, die sie verdienen.»

Vergangene Woche hat der Nationalrat eine Erklärung verabschiedet, wonach die Kriegsverbrechen in Syrien zu stoppen sind. Was bringt das?

Es ist sehr gut, dass sich die Schweiz jetzt auch zu jenen ­Staaten gesellt, die offiziell ­solche Erklärungen erlassen ­haben. Vielleicht kann das mit der Zeit helfen, die Gräueltaten zu stoppen.

Ihre Forderung nach Gerechtigkeit für die Opfer ist bisher ohne Folgen geblieben. Haben Sie das Buch geschrieben, um ihr Nachdruck zu verleihen?

Sicher war das auch ein Grund, obwohl ich mir diesbezüglich keine grossen Hoffnungen mache. Trotz allem war es für mich persönlich aber wichtig, dieses Buch zu schreiben und alles zu sagen, was ich gesehen und erlebt habe. Auf diese Weise geht es nicht verloren. Vielleicht wird man später daraus sehen, wie man diese Tragödie hätte vermeiden können.

Haben Sie schon solche Auswirkungen gesehen oder von offizieller Seite Rückmeldungen erhalten?

Nein, gar nichts. Das habe ich auch nicht erwartet. Was ich immer wieder gehört habe, sind sehr gute Äusserungen aus der Bevölkerung. Offiziell aber nicht. Vielleicht haben sie es noch nicht gelesen.

Raubt Ihnen der Krieg in Syrien den Schlaf?

Nein, zum Glück nicht. Das tut weder der Krieg in Syrien noch die tragische Situation der Menschenrechte in den übrigen Teilen der Welt. Ich habe gemacht, was ich konnte. Es hat aber nicht gereicht, um den Opfern die Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die sie verdienen.

Eine Passage in Ihrem Buch lautet: «Falls die Giftschlangen lesen können, seid versichert: Die Zeit wird kommen, da wir euch am Genick packen.» Glauben Sie nach all dem, was passiert ist, noch an Gerechtigkeit?

Ich gebe nicht auf. Denn denken Sie bitte daran: Ich habe mein ganzes Leben dafür gearbeitet, dass die Opfer Gerechtigkeit bekommen. Wie könnte ich jetzt nicht mehr daran glauben? Ich habe immer noch die Hoffnung, dass auch Präsident Baschar al-Assad eines Tages vor Gericht kommt, ebenso wie alle anderen, die dieser Verbrechen schuldig sind. Ja, ich glaube immer noch daran.

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