Erica Pedretti wird 90: «Heimat ist etwas, was es nicht gibt»

Selten sind Literatinnen auch bildende Künstlerinnen - und schon gar nicht mit demselben Anspruch. Erica Pedretti hat in beiden Disziplinen ein vielbeachtetes Lebenswerk geschaffen. Am heutigen 25. Februar wird sie 90.

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Erica Pedretti ist einst aus der Tschechoslowakei in die Schweiz emigiriert. Wohl vor diesem Hintergrund sagt sie, Heimat sei etwas, «das es nicht gibt». Die Literatin und Künstlerin wird heute 90 Jahre alt.

Erica Pedretti ist einst aus der Tschechoslowakei in die Schweiz emigiriert. Wohl vor diesem Hintergrund sagt sie, Heimat sei etwas, «das es nicht gibt». Die Literatin und Künstlerin wird heute 90 Jahre alt.

Keystone/GAETAN BALLY
(sda)

«Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.» Warum tauchen beim Nachdenken über Erica Pedretti diese Zeilen aus Joseph von Eichendorffs romantischem Gedicht «Mondnacht» auf?

Pedrettis eigenes literarisches Werk hat wenig Romantisches. Und «nach Haus» fliegen kann sie nicht, denn für sie, die aus der einstigen Tschechoslowakei Vertriebene, gilt: «Heimat ist etwas, das es nicht gibt». So hat sie das vor einigen Jahren im Interview gesagt, hat es immer wieder gesagt und auch geschrieben, in Texten gespickt mit autobiografischen Splittern.

Erica war 15 Jahre alt, als sie die Stadt Šternberk, wo sie aufgewachsen war, verlassen musste - damals trug sie noch den Familiennamen Schefter. Dank Verwandten in der Schweiz konnte sie nach Zürich emigrieren, später dann vorübergehend in die USA.

Verletzliche Flügelwesen

«Nach dem Krieg, wenn ich gross bin, gehe ich nach Paris», sagt die kleine Anna in Erica Pedrettis Buch «Engste Heimat». Und: «Ich werde nach dem Krieg Malerin sein. Sowas kann man nicht werden, nur sein.» 1995, als die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin dies schrieb, war sie 65 und längst auch als Malerin etabliert.

Allerdings wurde das eine weitgehend unabhängig vom anderen wahrgenommen. Dabei haben sich Pedrettis Literatur und Kunst schon in frühen Schaffensphasen vielschichtig überlagert. «Überschreibungen» nannte sie etwa ihre Schriftbilder und Zeichnungen auf transparent grundiertem Zeitungspapier.

Eine Retrospektive in Neuen Museum Biel zeigte letztes Jahr das Zusammenwirken der beiden Disziplinen. Wer die Ausstellung besuchte, ging mit himmelwärts entrücktem Blick durch die Räume. Überdimensional hingen da Erica Pedrettis «Flügelwesen» von der Decke, organisch wirkende Fragmente, verletzlichen Körpern entrissen und derart verselbständigt auf eigenartige Weise schön. Die Schau musste um mehrere Monate verlängert werden und findet nun, zu Pedrettis 90. Geburtstag, eine Fortsetzung in Chur.

Mann und Frau und Kunst

Auch Erica Pedrettis Erinnerungsprosa, meist aus verschiedenen Perspektiven geschrieben, hat etwas Fragmentarisches. So sind die rhythmisch und stellenweise lautmalerisch komponierten Collagen denn auch nicht als Romane erschienen. Sie möge das anekdotische Erzählen nicht, wird die Autorin in «Flügelschlag», dem Buch zur Ausstellung, zitiert; angesichts traumatischer Erfahrungen scheine es ihr verlogen.

Heute, nach langen Jahren in La Neuveville am Bielersee, wo sie und ihr Mann, der Künstler Gian Pedretti fünf Kinder grosszogen und Erica Pedretti in einem Wohnwagen im nahen Prêles schrieb, leben sie wieder in ihrem einstigen Atelierhaus im bündnerischen Celerina. Kann nicht die Kunst eine Art Heimat sein, ein Ort, an den die Seele fliegen kann wie in Eichendorffs Gedicht? Man wünscht es der Literatin, die sich - um mit dem Titel ihres letzten Buches zu sprechen - so lange schon «fremd genug» fühlt.*

*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt- Stiftung realisiert.