Röntgenstrahlen

Das unlösbare Mysterium um Anna Bertha Röntgens Ring

Eines der berühmtesten Röntgenbilder, aufgenommen vor genau 125 Jahren, zeigt die Knochen von Bertha Röntgens Hand mit ihrem Ehering am Ringfingerknochen. Vor zwei Jahren verschwand der Ring während einer Reise nach Zürich spurlos.

Drucken
Teilen
Die Hand von Anna Bertha Röntgen in einer Röntgen-Aufnahme vom 22. Dezember 1895: Das Bild zeigt ihre Handknochen mit dem Fingerring, den sie damals trug.

Die Hand von Anna Bertha Röntgen in einer Röntgen-Aufnahme vom 22. Dezember 1895: Das Bild zeigt ihre Handknochen mit dem Fingerring, den sie damals trug.

KEYSTONE/DEUTSCHES ROENTGEN-MUSEUM/Conrad Wilhelm Roentgen
(sda)

Im Spätherbst 1892 soll sich Wilhelm Conrad Röntgen (1845-1923) für mehrere Wochen in seinem Labor an der Universität Würzburg eingeschlossen haben. Der 1869 an der Universität Zürich promovierte Physiker war den mysteriösen Strahlen auf der Spur, mit der sich Körper gläsern machen lassen.

Am 22. Dezember 1895 bestrahlte er minutenlang die Hand seiner Frau Bertha, die er im «Restaurant zum Grünen Glas» in Zürich kennengelernt hatte. Das Ergebnis der Bestrahlung war das wohl erste Röntgenbild eines menschlichen Körperteils: Berthas Handknochen mit ihrem Ehering, der um ihren Ringfinger zu schweben scheint.

Die Spurensuche beginnt

Der 82-jährige Kalifornier Neurologe Frank Wilson, dessen Urgrossmutter eine Cousine von Röntgen war, erhielt Ende der 1970er-Jahre das Familienerbstück von seiner Tante. Im Ring ist die Jahreszahl der Verlobung von Bertha und Wilhelm (1869) und «FRöntgen» eingraviert - ein Hinweis auf Ferdinand Röntgen, Wilhelms Onkel. Die Schweizer Fachgraveurin Mechthild Marthy stellte fest, dass die aufwendige Gravur von einem Fachmann ohne Lupe handgefertigt wurde.

Der Ring wurde von weiteren Spezialisten und Historikern in der Schweiz, in Deutschland und den USA untersucht. Demnach scheint er echt und auch tatsächlich der Ring von Bertha zu sein. Jedoch: «Im Laufe der Zeit und aufgrund der Beweislage hat sich meine Meinung zur Frage der Authentizität hin und her bewegt», schrieb Wilson auf Anfrage von Keystone-SDA.

Erbgut hätte Mysterium knacken können

Gemeinsam mit seiner Cousine Allison Röntgen Stabile suchte er nach schriftlichen Hinweisen, die von der Herkunft und Weitergabe des Ringes in der Familie erzählen. Im März 2019 reiste Wilson von den USA über Düsseldorf in die Schweiz, um die Erbgut-Spuren in der Gravur des Ringes im DNA-Labor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich analysieren zu lassen. Doch nach einem Nickerchen im Zug war der Ring, der sich in Wilsons Rucksack befand, weg. Der Neurologe meldete den Diebstahl umgehend der Polizei. Doch bis heute tauchte das einzigartige Familienerbstück nicht mehr auf.

So nahm die Spurensuche ein jähes Ende. «Sehr schade», beschrieb die Zürcher Rechtsmedizinerin Cordula Haas den Umstand. Ihr Ziel war, menschliche Zellen aus der Gravur des Ringes zu extrahieren und daraus mitochondriales Erbgut zu gewinnen. Diese DNA wird anders als die DNA der Chromosomen nicht von beiden Elternteilen, sondern nur von der Mutter an ihr Kind vererbt.

«Da Anna Bertha Röntgen den berühmten Röntgenbild-Ring viele Jahre trug, hätten wir vielleicht Erbgut von ihr darin finden können», sagte Haas. Der Ring wurde, gemäss Überlieferung, von Wilhelm Conrad Röntgens Familie an Anna Bertha weitergereicht. Anna Berthas mitochondriale DNA hätte sich daher gut von den früheren und späteren Besitzerinnen unterscheiden lassen.

Faszinierendste Reise seines Lebens

Doch dies bleibt vorerst Zukunftsmusik. Zurück liess der Dieb lediglich das Plastiksäckchen, in dem der Ring in Wilsons Rucksack gelegen hatte. Man könnte prüfen, ob sich an diesem Säckchen allenfalls Fremdspuren des Täters finden. Aber das fällt laut der Rechtsmedizinerin Haas ins Aufgabengebiet der deutschen Polizei.

Sie und die Familie Röntgen hoffen dennoch, dass der Ring wieder auftauchen wird und nicht etwa eingeschmolzen wurde. Denn dann wäre es definitiv zu spät, um dem vermeintlich berühmten Ring sein Geheimnis noch zu entlocken.

Doch allem Ärger zum Trotz: Dank dem Ring erlebte Wilson nach eigenen Angaben die faszinierendste Reise seines Lebens - er habe Orte und Menschen kennengelernt, die ihm sonst verborgen geblieben wären. «Wenn ich lange genug leben würde, wäre dies mein nächstes Buch», so Wilson.