Berner Heiliggeistkirche sendet lebendiges Zeichen der Gemeinschaft

Wegen der Corona-Epidemie sind über die Ostertage sämtliche Gottesdienste in Kirchen abgesagt. Die Kirchen sind gefordert, die Menschen auf andere Art zu erreichen. In der Berner Heiliggeistkirche erblüht die Hoffnung - wortwörtlich.

Drucken
Teilen
Sorgsam werden Botschaften der Hoffnung an den Osterbaum gehängt.
8 Bilder
Weisse Tulpen sorgen für einen Hoffnungsschimmer.
Aus der Mitte heraus entsteht ein Baum der Hoffnung.
Ein knorriges und doch fragiles Kreuz im Chor der Berner Heiliggeistkirche. Es trägt die Klagen und Sorgen, die Menschen auf Zettel geschrieben haben.
Frisches Grün und Blütenzweige umfassen das Kreuz.
Ein Symbol der Hoffnung in der Berner Heiliggeistkirche
Das geschmückte Kreuz soll in Zeiten der Corona-Epidemie ein lebendiger Platzhalter für Gemeinschaft sein. Wegen des Virus werden in den Kirchen keine Gottesdienste abgehalten.
Ruhig und bedacht legen Barbara Rieder, Pfarrerin der Kirchgemeinde Heiliggeist und Irene Neubauer, Projektleiterin der offenen kirche bern die Blumen auf dem Kreuz aus.

Sorgsam werden Botschaften der Hoffnung an den Osterbaum gehängt.

KEYSTONE/ANTHONY ANEX
(sda)

Der grosse Kirchenbau direkt neben dem Berner Hauptbahnhof ist leer. Nur vorne im Chor ist aus Ästen und Holzstücken ein Kreuz ausgelegt. Kahl, knorrig und doch fragil, als könnten sie kein Gewicht tragen: so wirken die ausgelaugten Schwemmholzteile und dürren Äste.

Doch was sie zu tragen haben, wiegt schwer: Es sind Klagen und Sorgen, die Menschen auf Zettel geschrieben und auf das Kreuz gelegt haben. «Meine Enkelkinder drei Wochen nicht gesehen», steht auf einem Zettel. Aus anderen Zetteln spricht Ohnmacht und Wut oder Angst. Von schweren Krankheiten ist zu lesen, von Einsamkeit und Ungerechtigkeit. Es ist Karfreitag.

Hoffnungsschimmer

Wie überall sind auch in der Berner Heiliggeistkirche die Osterfeierlichkeiten wegen der Corona-Epidemie abgesagt. Die Kirche ist nur offen für Gebet und Seelsorge. Wie also zelebriert man als Kirche Gemeinschaft und Verbundenheit vor leeren Kirchenbänken.

«Wir haben nach einem lebendigen Symbol gesucht als Platzhalter für die kirchliche Gemeinschaft», sagt Barbara Rieder, Pfarrerin der Kirchgemeinde Heiliggeist. Mit «wir» meint Barbara Rieder auch die katholische Theologin Irene Neubauer von der Offenen Kirche Bern. Die Citykirche wirkt ebenfalls in der Heiliggeistkirche in Bern.

Die beiden Frauen beginnen mit Ruhe und Hingabe weisse Tulpen auf dem Kreuz anzuordnen. Die durch die schlichten Kirchenfenster einfallende Sonne lässt das Weiss der Blumen strahlen - ein Hoffnungsschimmer.

Wendepunkt

Nun legen die Frauen Zweige von frischem Grün im Kreis um das Kreuz aus. Frische Blütenzweiglein kommen dazu. Behutsam entfernt Irene Neubauer den grössten und knorrigsten Schwemmholzbrocken von der Mitte des Kreuzes und schafft etwas Platz.

Währenddessen holt Barbara Rieder ein grosses Gefäss und stellt Zweige einer Korkenzieherhasel ein. Das durchsichtige Gefäss mit den Zweigen kommt nun in den leeren Raum in der Mitte des Kreuzes.

Dazu stellt die Pfarrerin einen weiteren Zettel. Darauf hat jemand nur ein Wort geschrieben: Wendepunkt. Es ist der Tag vor Ostern.

Nährboden für Gutes

An den Osterbaum aus Haselzweigen binden die Frauen weitere Zettel. Sie sprechen von den Hoffnungen der Menschen. Etwa davon, dass die Flüchtlingslager in Griechenland und anderswo geschlossen werden können und die Flüchtlinge Aufnahme finden. Andere Menschen hoffen auf ein baldiges Ende der Corona-Epidemie oder auf Genesung.

Sie hätten zunächst noch darüber diskutiert, ob sie die Zettel mit dem Klagen nun wegnehmen sollten, sagt Irene Neubauer. Doch die Klagen bleiben wo sie sind. Denn oft bilde das Schwere ja den Nährboden für Gutes und Hoffnungsvolles. Schatten und Licht umfasst vom Lebenskreis: Es ist Ostern.

Der Schermen

Das Kreuz mit dem Osterbaum soll noch bis am kommenden Freitag in der Heiliggeistkirche bleiben und alle inspirieren, die in diesen Tagen die Kirche zur Andacht oder Seelsorge aufsuchen. Auch für Menschen am Rand der Gesellschaft ist sie offen.

Die Treppen der Heiliggeistkirche sind seit Jahren ein sozialer Brennpunkt in der Bundesstadt. Für Menschen am Rand der Gesellschaft ist die Situation während der Corona-Pandemie sehr schwierig geworden. Die Heiliggeistkirche ist für manche ein Schermen, wo sie der Gasse vorübergehend entfliehen und sich etwas sammeln können.

Zettel können im Übrigen noch bis am kommenden Freitag deponiert oder auf elektronischem Weg übermittelt werden.

www.heiliggeist.refbern.ch ; www.offene-kirche.ch