Am Berner Theater: Verdis «Otello» aus weiblicher Erinnerung

Die deutsche Regisseurin Anja Nicklich inszeniert Giuseppe Verdis «Otello» am Konzert Theater Bern. Sie rückt dabei eine allgemein weniger beachtete Figur in den Fokus: Emilia, Desdemonas Zofe. Am Samstag (10.10.) ist Premiere.

Drucken
Teilen
Die Dienerin Emilia (Sarah Mehnert) und die Zyprioten erwarten die Ankunft von Otello: Die Berner Inszenierung der Verdi-Oper «Otello» rückt die Dienerin ins Zentrum; aus ihrer Perspektive wird das Drama erzählt.

Die Dienerin Emilia (Sarah Mehnert) und die Zyprioten erwarten die Ankunft von Otello: Die Berner Inszenierung der Verdi-Oper «Otello» rückt die Dienerin ins Zentrum; aus ihrer Perspektive wird das Drama erzählt.

KonzertTheater Bern/Annette Boutellier
(sda)

Durch ihre Inszenierungen von «Falstaff», «Il trovatore» und «Nabucco» gilt sie - so der Pressetext - als «versierte Verdi-Regisseurin». Anja Nicklich schüttelt im Gespräch mit Keystone-SDA belustigt den Kopf und wehrt lachend ab: «Aha, so schnell geht das!»

Tatsache aber ist, dass sich die Berliner Regisseurin zu Beginn ihrer Annäherung an das dramatische Genie Verdis den «Falstaff», vorgenommen hatte - wohl eine der komplexesten Opern des Komponisten, bezüglich ihrer musikalischen Struktur, die die tradierte Abfolge von mehr oder weniger geschlossenen Arien überwindet; komplex aber auch, was das Geflecht von psychologischen Ebenen und unterschiedlichsten Befindlichkeiten angeht. Das war im Frühling 2016 am Volkstheater Rostock.

Jetzt erneut Verdi. Diesmal dessen zweitletztes Bühnenwerk: «Otello», entstanden 1887, wiederum nach Shakespeare. Das Libretto stammt ebenfalls von Arrigo Boito, dem späten Weggefährten und Freund Verdis.

Psychologischer Feinstoff

Was die Arbeit am «Falstaff» so herausfordernd machte, so ausserordentlich spannend auch, finde sich, obgleich noch etwas weniger ausgeprägt, bereits bei «Otello», sagt Regisseurin Nicklich. Auch hier sehe man sich mit einer Fülle von extrem feinziselierten, differenzierten Psychogrammen konfrontiert. Ihre Aufgabe als Regisseurin sei es, diese Schichten freizulegen. Als Beispiel nennt sie die Titelfigur, nach der Shakespeare sein Drama «Othello» und Verdi seine Oper «Otello» benannt haben: Nicklich sieht ihn als Krieger, als Mörder, als Mann der Tat; als einen, der sich auf dem Schlachtfeld, aber auch in der Gesellschaft durchsetzen musste. «Für Gefühle und den Umgang damit blieb da keine Zeit; er konnte sich Emotionen gar nicht leisten. Jetzt, da er heimkehrt, ist er dem unbekannten Gefühl von Eifersucht geradezu schutzlos ausgeliefert.»

Eine ähnlich vielschichtige Figur ist Jago, Otellos Gegenspieler. Nicht umsonst hat Verdi eine Zeitlang erwogen, seine Oper nach dieser abgründigen Figur zu betiteln, es dann aber doch zugunsten der literarischen Überlieferung beim ursprünglichen Titel belassen.

Beide Protagonisten hätten naheliegende Möglichkeiten geboten, um die Geschichte aus ihrer jeweiligen Sicht zu erzählen, räumt Nicklich ein. Dass Otello zudem ein Schwarzer ist, was ihn wohl zusätzlich von seiner Umgebung der venezianischen Oberschicht ausschliesst, wäre ein weiterer Ansatzpunkt für eine Lesart gewesen.

Emilia als Zeugin

Es sei es ihr ein Anliegen, erklärt Nicklich, einerseits den Plot so zu vermitteln, wie er von den Autoren gedacht war. Andererseits aber versuche sie gern, die Geschehnisse aus der Sicht einer mitbeteiligten Figur zu erzählen.

Bei der Beschäftigung mit dem Stoff habe sie ein Aspekt ganz besonders betroffen gemacht: Die häusliche Gewalt, der die beiden Frauen im Stück ausgesetzt sind: Desdemona, Otellos Gattin, ganz offensichtlich und bis hin zu ihrer Ermordung. Doch diese Figur hat Nicklich weniger interessiert, da sie in ihren Augen als überhöhte Lichtgestalt, geradezu als Madonna gezeichnet werde - ob im wunderbaren Liebesduett und mehr noch in der fast religiös anmutenden Huldigungsszene durch die Zyprioten im zweiten Akt.

In dieser Szene wirft Otello das Seidentuch seiner Gemahlin, mit dem sie ihm die Stirne kühlen will, zu Boden. Emilia, Desdemonas Zofe, hebt es auf, worauf es ihr von Jago als falsches Beweismittel für seine Intrige entrissen wird. So wird Emilia, die von ihrem Ehemann ständig bedroht, geschlagen, zur Sklavin erniedrigt wird, zur unmittelbarsten Zeugin des Dramas. Sie hätte sich wohl selbst einen zärtlichen, starken Mann wie den siegreichen Otello gewünscht. Denn sie hat die Liebe des Traumpaars Otello und Dedemona aus nächster Nähe beobachtet. Aber auch deren grauenhaftes Ende. Deshalb hat die Regisseurin diese Figur ausgewählt, um dem Publikum, die Geschichte nahezubringen.

Traumatische Rückblende

Mit dieser ungewöhnlichen, aber durchdachten Optik, lässt Nicklich die Tragödie in der Erinnerung der Zofe als traumatische Rückblende ablaufen. Sie lässt das Stück mit Emilia beginnen. Emilia ist es, die das Verbrechen enthüllt. Und Emilia erzählt die Geschichte zu Ende.

Folgerichtig täuscht das Bühnenbild keine realistische Architektur vor. Es handelt sich um eine Art Rotunde mit maurischem Einschlag, in deren Scheitelpunkt ein Oberlicht sitzt. Dieser fiktive Raum verengt sich zusehends zu einem klaustrophobischen Horrorraum. Ein Horrorraum für das Opfer, den Täter und die Zeugin - und wohl auch das Publikum.