Dieser Schweizer war am ersten Woodstock dabei: «Es war die Hölle»

Er flog mit The Who ans Woodstock-Festival und verliess es mit Jimi Hendrix. Bobby Leiser war einer der wenigen Schweizer vor Ort. Er erzählt.

Aufgezeichnet: Stefan Künzli
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Bobby Leiser (74), der Schweizer Ur-Roadie und Stagemanager. (Bild: zVg)

Bobby Leiser (74), der Schweizer Ur-Roadie und Stagemanager. (Bild: zVg)

«Im Sommer 1969 arbeitete und wohnte ich bei Miles Davis in der 77. Strasse in Manhattan. Überall hingen diese Woodstock-Plakate mit den angesagtesten Bands. Das reizte mich, die Skepsis war aber gross. Viele hielten es für unmöglich, dort, in dieser ländlichen, abgelegenen Gegend, einen solchen Anlass durchzuführen. Prompt gab es schon zwei Tage vor dem Festivalstart Meldungen von Massen, die nach Woodstock unterwegs waren. Helikopterbilder zeigten verstopfte Strassen. Nichts ging mehr. Die Leute hatten ihre Autos zum Teil 20, 30 Kilometer vom Festival entfernt einfach stehen lassen und sich zu Fuss auf den Weg gemacht. Ich wollte auch gehen, aber die Bilder haben mich abgeschreckt. Da hat mir Miles über sein Management einen Platz in einem Transporthelikopter der Veranstalter organisiert, in dem ich mitfliegen konnte.

Am Samstag gegen Mittag sind wir abgeflogen. Dabei hatte ich das Glück, dass ich mit der Band The Who im Helikopter mitfliegen konnte. Im Anflug sah ich die Menschenmassen, die Schlangen, die sich am Samstagmorgen immer noch Richtung Woodstock bewegten. Die Zäune waren längst niedergetrampelt. Alle hatten freien Zugang zum Festival. Im Helikopter warnte Pete Townshend vor dem Trinkwasser in Woodstock. Das Wasser hinter der Bühne sei mit Drogen versetzt, LSD und anderem. The-Who-Drummer Keith Moon hat aber genau das gereizt, und er stürzte sich nach der Landung auf das Wasser. Schon nach einer Stunde war er völlig weggetreten.

Das Chaos war total. Woodstock war das am schlechtesten organisierte Festival, das ich je erlebt habe. Nichts funktionierte. Ich war backstage, lief aber auch durch das Gelände und wollte mir ein Bild machen. Da war nichts von Hippie-Idylle. Schon am Samstag war das ganze Gelände verschissen. Das Hippie-Paradies, das berühmte paradiesische Seelein, in dem die Leute nackt badeten, hatte sich in eine stinkende Kloake, in ein Güllenloch verwandelt. Die sanitären Anlagen waren für ein paar tausend Leute berechnet, nicht für fast eine halbe Million. Deshalb hat jeder sein Geschäft erledigt, wo es grad passte. Es herrschte die absolute Katastrophe. Die Leute waren verzweifelt, hatten nichts mehr zu essen und zu trinken. Kinder weinten. Es war die Hölle.

Erstaunlich immerhin war, dass es trotz der prekären Zustände weitgehend friedlich blieb.

Am Samstag hat deshalb die Armee mit Helikoptern zigtausende Notrationen angeliefert und mit geländegängigen Fahrzeugen Wasser gebracht. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn die Armee nicht geholfen hätte. Die Armee hat sich von ihrer besten Seite gezeigt und Schlimmeres verhindert.

Mich hat natürlich vor allem der Auftritt von The Who interessiert, die noch relativ zeitnah, aber mit mehrstündiger Verspätung zum vorgesehenen Termin auftraten. Ich hatte Rucksack und Schlafsack dabei und wollte unbedingt noch Jimi Hendrix sehen, der das Finale am Sonntagabend bestreiten sollte. Ich freute mich auch auf Schlagzeuger Mitch Mitchell, mit dem ich befreundet war. Schon am Sonntagmorgen waren die Mitglieder des Trios auf dem Gelände. Doch aufgrund der Verspätungen mussten sie warten. Am Sonntagabend hätten sie auftreten sollen, doch das Konzert begann erst am Montagmorgen um 8.30 Uhr.

Zu dem Zeitpunkt war ein Grossteil der Leute, völlig übermüdet, wieder abgereist. Am Sonntagabend gegen 23 Uhr begann der grosse Aufbruch. Viele Leute aus der Region New York mussten ja am Montag wieder zur Arbeit erscheinen. Sie alle haben etwas vom Besten verpasst: Jimi Hendrix war schlichtweg genial.

Glücklicherweise konnte ich danach im Helikopter mit Hendrix wieder zurückfliegen. Nichts wie weg. Ich war froh, dass ich das Festival heil überstanden hatte, und sagte mir: Nie mehr!

Umgekehrt war es eindrücklich, wie über 400 000 Leute unter zum Teil widrigsten Umständen friedlich zusammenlebten, litten und einen Musikgenuss der Superlative erlebten. Doch es war auch klar: Das war der Todesstoss der Hippie-Zeit unter dem Signet von Love & Peace».