Diese Schweizer Filmkomödie hat Seltenheitswert

Vereinigte Comedy-Power: Die beiden «Deville»-Autoren Natascha Beller und Patrick Karpiczenko wollen mit ihrer Komödie «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» das Kino erobern.

Lory Roebuck
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Patrick «Karpi» Karpiczenko und Natascha Beller: Beim Dreh ihres ersten Kinofilms profitierten sie von ihrer jahrelangen Fernseherfahrung. (Bild: Claudi Thoma, 6. August 2019)

Patrick «Karpi» Karpiczenko und Natascha Beller: Beim Dreh ihres ersten Kinofilms profitierten sie von ihrer jahrelangen Fernseherfahrung. (Bild: Claudi Thoma, 6. August 2019)

Lachen ist ihr Beruf. Tatsächlich lachen die beiden während unseres Gesprächs oft – und laut. Die beiden, das sind die 37-jährige Zürcherin Natascha Beller und der 33-jährige Berner Patrick Karpiczenko, besser bekannt als Karpi.

Wir treffen sie in ihrem grossfenstrigen Zürcher Altbaubüro. Direkt neben der Eingangstür klebt ein Zettel mit der Aufschrift «Stop, Bagel Time!», in der Mitte des Raums steht eine goldene Palme aus Metall, und an der Wand dahinter hängt ein Neonschild mit dem Logo von «Deville Late Night».

Beller und Karpi sind zwei der Hauptautoren der SRF-Comedysendung. Es ist in diesem Büro, wo sie sich mit dem Fernsehkomiker Dominic Deville Sprüche, Pointen und Einspieler einfallen lassen. «Dominic liebt Bagels», sagt Karpi, der als Sidekick von Deville in jeder Sendung ebenfalls vor die Kamera tritt.

Aber wir sind heute nicht hier, um über «Deville Late Night» zu sprechen, sondern über «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei». Der erste Kinospielfilm der beiden ist eine Komödie über drei Frauen in verschiedenen Ü30-Lebenskrisen.

Beller schrieb das Drehbuch und führte Regie, Karpi zeichnete für Kamera und Special Effects verantwortlich. Beide übernahmen auch eine Produzentenrolle.

Mit dem Kinodebüt gleich auf die Piazza Grande

Bevor der Film Ende Monat in den Schweizer Kinos anläuft, feiert er diesen Sonntag Weltpremiere am Locarno Film Festival – notabene als einziger Schweizer Film auf der 8000 Zuschauerinnen und Zuschauer fassenden Piazza Grande.

«Uns dämmert erst jetzt langsam, was das bedeutet», sagt Beller. Karpi nickt, sein Stolz über die grosse Festivalpremiere sei erst im Nachgang zu den zahlreichen Gratulationen angeschwellt: «Was, euer Film auf der Piazza?» – «Jaja, oho!»

Beller und Karpi, die auch privat ein Paar sind, lernten sich beim Filmstudium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) kennen und waren schon von klein auf kreativ. Karpi habe seine «Nerd-Kindheit» vor allem vor dem Computer verbracht; Beller sagt, sie sei vor allem an Zeichnen und Fotografie interessiert gewesen – der Schritt zum Film sei eher zufällig erfolgt.

«Ich habe nur auf Anraten meiner Fotografie-Lehrerin auch noch die Filmaufnahmeprüfung abgelegt», erzählt Beller. «Ich bestand beide Prüfungen und konnte mich dann nicht für eine Studienrichtung entscheiden. Bis mir die Sekretärin sagte, dass es einfacher sei, später vom Film zur Fotografie zu wechseln als umgekehrt.»

Persönliche Komplimente und vorgelöcherte Kondome

Weil damals an der ZHdK eine Fachperson für das Drehbuchschreiben fehlte (Karpi: «Es war himmeltraurig, aber heute ist das anders»), wechselte Beller nach dem Grundstudium an eine Universität in New York.

«An der ZHdK sprachen alle immer davon, die Regeln brechen zu wollen, doch gelernt habe ich diese Regeln erst in New York», blickt Beller zurück.

Dort schrieb sie schliesslich das Drehbuch zu «Vaterjagd», das 2014 von SRF als Fernsehkomödie umgesetzt wurde. Im Jahr darauf wurden sie und Karpi dann als Autoren für die Pilotfolge von «Deville Late Night» engagiert.

Internethit: Beller und Karpiczenko schrieben das Drehbuch zum Video «Switzerland Second», das sich über Trumps Forderung «America First» lustig macht. 

Die jahrelange Fernseherfahrung geriet ihnen bei der Entwicklung ihres ersten Kinofilms zum Vorteil. «Viele Leute aus der ‹Deville›-Crew waren jetzt auch Teil meiner Filmcrew», sagt Beller.

Doch Fördergelder von ihrem Arbeitgeber – die SRG ist neben dem Bund und regionalen Filmstiftungen der wichtigste Förderer von Schweizer Filmen – erhielten sie keines. «Wir haben gefragt, sie haben abgelehnt», sagt Beller.

Ein Teil ihres Budgets kam mittels Crowdfunding zusammen. Beller und Karpi drehten einen kurzen Trailer, um ihr Projekt zu bewerben und boten im Gegenzug für Spenden Belohnungen an.

Zum Beispiel einen Streaminglink zum fertigen Film, aber auch persönliche Komplimente von den drei Hauptdarstellerinnen an der Premierenparty sowie vorgelöcherte Kondome – ein Gag aus dem Film.

«Ich wollte mit Geschlechterstereotypen spielen, deshalb sind im Film so viele Männer zu sehen.»

Die Idee zu «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» kam Beller genau an ihrem 30. Geburtstag. Als sie während der Feier eine Tischbombe zündete, sei eine Neonröhre an der Decke in Tausend Stücke zersprungen.

Einige der Scherben nisteten sich in Bellers Knie und Oberschenkel ein, mit der Folge, dass sie ein Jahr lang nicht mehr laufen konnte. «Jetzt kann ich darüber lachen», sagt Beller und zeigt auf die Narben von der Operation.

Gut möglich, so Beller weiter, dass dieser Unfall der Anlass war, dass Leute aus ihrem Freundeskreis mit ihren eigenen Ü30-Horroranekdoten auf sie zukamen – über Karriere, Kinderkriegen, Identitätskrisen.

Anhand dieser Anekdoten entwickelte Beller die drei Hauptfiguren von «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei»: Leila (gespielt von Michèle Rohrbach), die unbedingt ein Kind will, aber von ihrem langjährigen Partner sitzengelassen wird; ihre Schwester Amanda (Sarah Hostettler), die zwar ein Kind kriegt, aber deswegen um ihre Karriere fürchtet; sowie Leilas alleinerziehende beste Freundin Sophie (Anne Haug).

Eine Schweizer Filmkomödie mit Seltenheitswert

Der Film passt perfekt in das Beuteschema der neuen Locarno-Direktorin Lili Hinstin, die laut eigener Aussage auf Schweizer Werke gesetzt hat, die «mutig mit ihrem Filmstoff umgehen».

Das trifft auf «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» voll zu. Eine derart rasante und visuell verspielte Komödie hat in der hiesigen Branche Seltenheitswert. Beller lacht: «Ich wollte auch mit Geschlechterstereotypen spielen, deshalb sind im Film so viele Männerhintern zu sehen.»

Nachdem sie jahrelang Drehbücher zur Förderung eingereicht habe und häufig abgelehnt wurde, habe sie sich Gedanken gemacht, sagt Beller.

Bis sie den schwedischen Film «Jalla! Jalla!» sah und spürte, wie viel Spass die Macher beim Dreh hatten. «Mir wurde wieder klar, warum ich Filmemacherin geworden bin: Um das zu tun, was mir Spass macht!»

Nun hoffen Natascha Beller und Patrick Karpiczenko, dass sich dieser Spass auf das Kinopublikum überträgt. Die Vorfreude auf die Premiere ist gross: «Ich werde sitzen bleiben und die Pointen zählen», kündigt Karpi an. «Hat das Publikum gelacht? Ja? Yes! Typisch Komiker eben.»

Die fruchtbaren Jahre sind vorbei Locarno Film Festival: 11.8. (Premiere). Schweizer Kinostart: 29.9.