Mehrheitsfindung im EU-Parlament nach Wahlen deutlich schwieriger

Nach den Europawahlen müssen sich Konservative und Sozialdemokraten auf eine schwierigere Mehrheitsfindung im EU-Parlament einstellen. Erstmals seit 40 Jahren verloren die beiden grossen Parteienfamilien am Sonntag ihre rechnerische absolute Mehrheit.

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Wer wird im EU-Parlament künftig mit wem zusammenspannen? Die Mehrheitsfindung wird nach der EU jedenfalls deutlich schwieriger. (Bild: KEYSTONE/EPA/PATRICK SEEGER)

Wer wird im EU-Parlament künftig mit wem zusammenspannen? Die Mehrheitsfindung wird nach der EU jedenfalls deutlich schwieriger. (Bild: KEYSTONE/EPA/PATRICK SEEGER)

(sda/afp)

Trotz Siegen in Frankreich, Italien und Grossbritannien blieben die Zuwächse für Rechtspopulisten und Nationalisten begrenzt, die Wahlbeteiligung erreichte mit fast 51 Prozent den höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten.

Die Konservativen mit ihrem Spitzenkandidaten Manfred Weber (CSU) wurden erneut stärkste Kraft, mussten aber wie die zweitplatzierten Sozialdemokraten deutliche Verluste hinnehmen. Die Grünen fuhren ein Rekordergebnis ein.

Die konservative Europäische Volkspartei (EVP) kam nach vorläufigen Ergebnissen auf 182 der 751 Sitze im EU-Parlament. Dies waren 34 weniger als nach der Wahl im Jahr 2014. Dies sei «kein mächtiger Sieg», räumte Spitzenkandidat Weber ein. Die Sozialdemokraten kamen auf 147 Mandate und erhielten damit 38 Sitze weniger als vor fünf Jahren.

Liberale und Grüne erstarkt

Die Liberalen kamen auf 109 Sitze und sind damit drittstärkste Fraktion. Bisher hatten die Liberalen 69 Sitze, das EU-Parlament rechnete nun aber bereits die Liste der Regierungspartei La République en Marche von Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron sowie eine rumänische Partei ein, die sich ihnen anschliessen wollen.

Von der sechst- zur viertstärksten Kraft rückten die Grünen auf, die in Deutschland ein Rekordergebnis erzielten und in Frankreich überraschend auf den dritten Platz kamen. Ihre Fraktion bekam nach den vorläufigen Ergebnissen nun 69 Sitze. Eine «grüne Welle» habe sich in ganz Europa ausgebreitet, sagte der Ko-Fraktionschef Philippe Lamberts.

Rechtspopulisten legen zu

Deutliche Zuwächse verbuchte die rechtspopulistische Fraktion Europa der Nationen und der Freiheit (ENF). Sie legte von 36 auf 58 Sitze zu. Zu ihr gehört unter anderem die Partei der französischen Rechtspopulistin Marine Le Pen, die vor Macrons Regierungspartei lag und damit wie schon 2014 stärkste Kraft bei den Europawahlen in Frankreich ist.

In Italien sicherte sich die gleichfalls zur ENF gehörende Lega von Innenminister Matteo Salvini klar den ersten Platz. Die bei der italienischen Parlamentswahl vor einem Jahr noch führende Fünf-Sterne-Bewegung, mit der die Lega die Regierungskoalition bildet, schaffte es nur noch auf Platz drei.

In Grossbritannien kam die neu gegründete Brexit-Partei des EU-Gegners Nigel Farage aus dem Stand mit fast 32 Prozent auf Platz eins. Die regierende konservativen Tories wurden angesichts des bereits mehrfach verschobenen EU-Austritts abgestraft und landeten laut Teilergebnissen mit 9 Prozent nur noch auf Platz fünf.

Die Fraktion Europa der Freiheit und direkten Demokratie (EFDD) konnte angesichts des Erfolgs von Farage ein Plus von 12 auf 54 Sitze verbuchen. Die gleichfalls europaskeptisch geprägte Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer (EKR) verlor zwölf auf 58 Sitze.

Herbe Verluste mussten die europäischen Linken hinnehmen. Ihre Fraktion verlor 14 Mandate und landete bei 38 Sitzen. In Griechenland kündigte Regierungschef Alexis Tsipras «umgehend» Neuwahlen an, nachdem seine Links-Partei Syriza deutlich hinter den griechischen Konservativen gelandet war.

Juncker-Nachfolge im Fokus

Am Dienstagabend kommen nun die EU-Staats- und Regierungschefs zu einem Sondergipfel in Brüssel zusammen. Dabei geht es vor allem um die Frage, wer Nachfolger von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wird.

Das EU-Parlament fordert, dass dies wie bei der Wahl 2014 nur ein Spitzenkandidat der Parteien sein könne. Die Staats- und Regierungschefs schliessen aber auch andere Bewerber nicht aus.

Konservative und Sozialdemokraten beanspruchten zunächst den Spitzenposten für sich. Ihre Spitzenkandidaten äusserten sich angesichts der schwierigen Mehrheitsverhältnissen aber später vorsichtiger. Weber zeigte sich offen für Gespräche mit anderen Parteien über den Spitzenposten.

Der sozialdemokratische Spitzenkandidat Frans Timmermans sagte, er wolle nun versuchen, eine «progressive Koalition» um ein gemeinsames Programm bilden. Erst dann stelle sich die Frage nach der Kommissionsführung.