Extremer Lauf in Corona-Zeiten - 100 Kilometer durch Tunesiens Wüste

Im Hintergrund sind die Pappmaché-Häuser zu sehen, die bisher der ziemlich einzige Grund für Reisebusse in der Wüste Tunesiens waren. Sie wurden einst als «Star Wars»-Kulisse mitten in die Wüste gestellt. Doch in der Sandlandschaft, in der seinerzeit auch der Kinohit «Indiana Jones» gedreht wurde, spielt aktuell ein ganz anderer Film. Für eine Hamburgerin wird er ein Happy End haben, aber dazu später.

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Die Hamburgerin Judith Havers läuft durch die Wüste Tunesiens. Sie hat sich bei einem 100 Kilometer-Lauf gegen die internationale Konkurrenz durchgesetzt. Foto: Monia Mersni/dpa

Die Hamburgerin Judith Havers läuft durch die Wüste Tunesiens. Sie hat sich bei einem 100 Kilometer-Lauf gegen die internationale Konkurrenz durchgesetzt. Foto: Monia Mersni/dpa

Keystone/dpa/Monia Mersni
(sda/dpa)

Es wuselt und brummt. Gesprächsfetzen aus Arabisch, Französisch, Italienisch, Dänisch und Deutsch sind zu hören, im Hintergrund der Lärm von Generatoren und Reisebussen. Mehr als 200 Läufer aus über 17 Ländern wollen hier an ihre Grenzen gehen und sich bei 38 Grad und ohne einen Flecken Schatten weit und breit beweisen, was sie aushalten können: indem sie in maximal 20 Stunden bis zu 100 Kilometer durch den Sand laufen.

Organisiert wird das Spektakel «Ultra Mirage El Djerid» (UMED) von dem Tunesier Amir Ben Gacem. «Ultra Mirage ist die Verbindung zwischen meiner Leidenschaft für mein Land und für den Laufsport», erklärt er, während er auf die Uhr guckt. In drei Minuten startet die nächste Gruppe. Ben Gacem wird den Startschuss geben und den Läuferinnen und Läufern hinterherwinken. Das macht er seit 2017 so. Die meisten Teilnehmer kennt er beim Namen. Alle kennen ihn.

Das Team Running Club La Marsa (RCM) aus Tunis ist diesmal mit 20 Läuferinnen und Läufern dabei. Die meisten sind Wiederholungstäter und laufen wie in den Vorjahren die 100 Kilometer. Für die 33-jährige Meriam Graja wird es der erste Wüstenlauf sein. Daher steigt sie mit 50 Kilometern ein - eine neue Disziplin in dem Wettkampf, die besonders bei unerfahreneren Wüstenläufern beliebt ist.

Erst vor einem halben Jahr hat Graja mit dem Laufen generell angefangen. Seit vier Monaten trainiert sie für den bisher grössten Lauf ihres Lebens. Ihr Ziel: «Ankommen!» Dafür hat sie maximal 10 Stunden Zeit. «Mehr als 8 Stunden» plant sie sicher ein, sagt sie noch kurz vor dem Start.

Die Hamburgerin Judith Havers ist extra für den Wettkampf aus Deutschland angereist. Im Vorjahr hat sie sich das erste Mal an die 100 Kilometer gewagt - und spontan den dritten Platz belegt. Diesmal möchte sie ihre Zeit unterbieten und mindestens einen Platz auf dem Siegertreppchen wettmachen. Sicher könne man sich aber nie sein. In der Wüste zu laufen, sei dann doch ganz anders, als in Hamburg an der Elbe zu joggen. «Der Sand ist schwammig, tief und weich.»

Neben den Gegebenheiten der Wüste gilt es auch andere Herausforderungen zu meistern. Die Veranstaltung unterliegt einem strikten Corona-Protokoll. Abstandsregeln müssen eingehalten werden. Alle Anwesenden müssen stets ihre Schutzmasken tragen. Auch für die Läufer herrscht bei Start und Ankunft sowie an den einzelnen Checkpoints eine Mundschutzpflicht.

«Das ist schon okay so», findet Graja. Ganz dran halten kann sie sich dann trotzdem nicht. Als sie ihre persönliche Erwartung übertrifft und schon nach siebeneinhalb Stunden ins Ziel läuft, fällt sie ihren Freunden aufgelöst in die Arme.

Das Rennen scheint am Ende der gängigen Urlaubssaison zu liegen, ist aber der inoffizielle Startschuss für die Tourismussaison in der Region. Sollte es in den Hotels vor Ort im Nachgang zu vermehrten Neuinfektionen kommen, wäre das der Todesstoss für die eh schon angeschlagene Branche in und um Tozeur.

«Aber ich habe immer gesagt: Wir müssen einen Weg finden und Ultra Mirage am Leben halten», sagt Organisator Ben Gacem. Er sieht sich klar in der Bringschuld gegenüber Menschen wie etwa Judith, «die so lange trainiert haben, um ihre Ziele zu erreichen». Und die Läufer hätten sich zumeist auch vorbildlich an die Regeln gehalten.

«Es ist immer die einfachste Entscheidung, eine Veranstaltung einfach abzusagen», sagt auch der Direktor des Fremdenverkehrsamts Tunesien, Mohamed Moez Belhassine. Null Risiko hätte es aus seiner Sicht so oder so nicht geben können. «Letztendlich wägen wir die Risiken ab.» Der Tourismus sei in Tunesien - insbesondere im Süden - sehr wichtig und wirke sich auf grosse Teile der Gesellschaft aus, bekräftigten sowohl der Direktor als auch der Organisator.

Die Corona-Pandemie hat die schwere wirtschaftliche Krise Tunesiens weiter verschärft. Die letzten Monate waren besonders schwer für den Tourismus. Hotels im ganzen Land blieben grösstenteils leer. Ein Event wie der Wüsten-Wettkampf könnte eine Möglichkeit sein, den Süden auf ganz neue Weise zu bewerben. Weg von Busreisen und Besichtigungen, hin zum alternativen Tourismus. «Man kann hier eine ganz andere Art des Tourismus betreiben», sagt Andrea Philippi vom Fremdenverkehrsamt Tunesien.

In Zukunft soll der Wüsten-Wettkampf nicht nur Extrem-Sportler aus aller Welt nach Tunesien locken. «Wir merken, dass immer mehr Sportler mit ihren Familien und Freunden anreisen», sagt Ben Gacem. Das sei nur wünschenswert, denn so werde der Tourismus in der armen südlichen Region des Landes weiter gefördert.

Und tatsächlich: Das Hotel Ras Ain ist an dem Wettkampfwochenende im Oktober das erste Mal in diesem Jahr ausgebucht. Auch andere Hotels in dem kleinen Oasen-Ort freuen sich über einen rapiden Anstieg an Zimmer-Buchungen um den Wettkampf herum.

100-Kilometer-Läuferin Judith Havers freut sich nach einem «langen Tag in der Wüste» nur noch auf ihr Bett. Sie ist nach 12 Stunden und 21 Minuten als erste Frau ins Ziel gelaufen. «Ich bin einfach mega happy, dass ich es geschafft habe», freut sie sich. Ob sie die Kerze auf ihrem Sieges-Törtchen nun auspusten darf oder nicht, da ist sie sich allerdings nicht sicher.