Das Nobelpreis-Duo fand den Schlüssel zum Code des Lebens

Es ist der erste Wissenschafts-Nobelpreis, den sich ausschliesslich Frauen teilen: Die Biochemikerinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer A. Doudna wurden mit dem diesjährigen Nobelpreis für Chemie für die Entwicklung der Genschere Crispr/Cas9 geehrt.

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Die amerikanische Biochemikerin Jennifer A. Doudna (l) und die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier - hier bei der Verleihung des Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstädter-Preises 2016 - haben nicht unerwartet den Nobelpreis für Chemie zugesprochen erhalten

Die amerikanische Biochemikerin Jennifer A. Doudna (l) und die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier - hier bei der Verleihung des Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstädter-Preises 2016 - haben nicht unerwartet den Nobelpreis für Chemie zugesprochen erhalten

Keystone/DPA/ALEXANDER HEINL
(sda)

Das Crispr/Cas9-Verfahren habe die molekularen Lebenswissenschaften revolutioniert, es trage zu innovativen Krebstherapien bei und könne den Traum von der Heilung von Erbkrankheiten wahr werden lassen, teilte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Mittwoch in Stockholm mit. Die Französin Charpentier und die US-Amerikanerin Doudna sind Chemie-Nobelpreisträgerinnen Nummer sechs und sieben, von insgesamt 186 bisher Geehrten im Fachgebiet Chemie.

Die 51-jährige Emmanuelle Charpentier, Leiterin der Berliner Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene, und die 56-jährige Jennifer Doudna von der US-Universität in Berkeley entwickelten eines der schärfsten Werkzeuge der Gentechnologie. Ihre Genschere ist laut dem Nobelkomitee eine unerwartete Entdeckung mit atemberaubendem Potenzial. «Mir wurde oft gesagt, dass ich den Preis erhalten könnte, aber als es jetzt passierte, war ich dennoch überrascht», sagte Charpentier in einer ersten Reaktion.

Eindrucksvolle Wissenschaftlerinnen und Idealistinnen

Dass die Genschere mit einem Nobelpreis ausgezeichnet werde, sei absehbar gewesen, sagte der Stammzellbiologe Gerald Schwank von der Universität Zürich im Gespräch mit Keystone-SDA. Doch: «Seit der Entwicklung der Methode im Jahr 2012 bis zum Nobelpreis vergingen jedoch nur wenige Jahre.» Daher sei der Preis schon eine kleine Überraschung.

Schwank bezeichnet das Preisträger-Duo als eindrucksvolle Wissenschaftlerinnen und wahre Idealistinnen. Beide untersuchten zu Beginn ihrer Karriere das Immunsystem von Bakterien. Diese Forschung sei schwierig zu finanzieren gewesen - und an einen Nobelpreis in diesem Gebiet glaubte kaum jemand. Umso schöner, dass die Verwendung der Methode nun in allen Lebenswissenschaften explodiert sei, sagte Schwank.

«Heureka-Moment»

Auch wenn der Siegeszug der Genschere in den Labors weltweit erst 2012 nach der bahnbrechenden Studie von Charpentier und Doudna begann: Sie birgt birgt eine jahrzehntelange Entdeckungsgeschichte. Ihren Anfang nahm sie 1989 bei einem salzliebenden Archäbakterium in den Salzmarschen der Costa Blanca. Nach und nach sprangen immer mehr Forschende auf den künftigen Nobelpreis-Zug auf.

Charpentier meinte einst, sie habe einen «Heureka-Moment» in ihrem damaligen Labor in Wien gehabt, wie die Genschere funktioniere. Sie beschrieb 2011, dass Crispr/Cas9 im Bakterium Streptococcus pyogenes wie ein Präzisionsskalpell arbeitet.

Ein bisschen Nobelpreis für die Schweiz

Im selben Jahr spannte sie mit Doudna von der University of California in Berkeley (USA) zusammen. Im Labor von Doudna arbeitete damals auch der Biochemiker Martin Jinek von der Uni Zürich und trug massgeblich zur Entwicklung der Genschere bei. Er war der Erstautor der Studie im Fachmagazin «Science», in der die Forschenden den Schneidemechanismus im Jahr 2012 präsentierten.

Ob er enttäuscht sei, dass er heuer nicht auch geehrt wurde? «Absolut nicht», sagte er ohne Zögern. «Ich bin unglaublich glücklich und stolz, dass ich Teil dieser grossartigen Entwicklung war.» Die Zeit in Berkeley beschreibt Jinek als aufregend und inspirierend.

Technik nicht unumstritten

Den Forschenden gelang es, die Genschere der Bakterien in einem Reagenzglas nachzubauen und die molekularen Bestandteile der Schere zu vereinfachen. Kurz darauf zeigte der Bioingenieur Feng Zhang vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) erstmals an menschlichen Zellen, dass die Genschere funktioniert.

Die Technik ist allerdings nicht unumstritten. Ein Grund dafür: Bei einer Veränderung der DNA in Keimzellen vererben sich die neuen Sequenzen an die nachfolgenden Generationen - ohne dass jemand weiss, wie sich die Veränderung dauerhaft auswirken wird. Zudem entfachte der chinesische Forscher He Jiankui vor zwei Jahren weltweit Proteste, da er nach eigenen Angaben die weltweit ersten gentechnisch veränderten Babys «schuf».

Auf Macht folgt Verantwortung

«Crispr/Cas9 ist sehr mächtig. Doch mit Macht kommt auch Verantwortung», sagte Jinek. Umso wichtiger sei es, die Methode so sicher als möglich zu machen. Daran forscht er in seiner Gruppe in Zürich. Aber er ist überzeugt: Mit der Genschere werden sich genetische Krankheiten künftig heilen lassen.

Im vergangenen Jahr ging der Nobelpreis für Chemie an John B. Goodenough, M. Stanley Whittingham und Akira Yoshino für die Entwicklung von Lithium-Ionen-Batterien.

Die Nobelpreise sind pro Kategorie mit zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 1'030'000 Franken) dotiert. Offiziell geehrt werden die Preisträgerinnen und Preisträger am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters und Dynamit-Erfinders Alfred Nobel. Sie erhalten dann neben dem Preisgeld die berühmte Medaille sowie eine Nobelurkunde.