Thurgauer Schienenfahrzeugbauer Stadler Rail wird weiter ausbauen und deshalb margenmässig unter Druck bleiben

Zur Abarbeitung der rappelvollen Auftragsbücher muss Stadler die Kapazität und das Personal weiter aufstocken. Das wird auch dieses Jahr auf der Marge lasten. Für den Gotthardzug Giruno hat Stadler die Zulassung in Italien erhalten. Betreffend Corona-Virus sind die Folgen derzeit überschaubar.

Thomas Griesser Kym
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Stadler hat Arbeit in Hülle und Fülle. Hier das Werk am Hauptsitz im Thurgau.

Stadler hat Arbeit in Hülle und Fülle. Hier das Werk am Hauptsitz im Thurgau.

Bild: Urs Bucher

Erneut ein zweistelliges Umsatzwachstum, von 3,2 auf 3,5 Milliarden Franken, und eine ähnliche Marge wie 2019: Das erwartet der Schienenfahrzeugbauer Stadler Rail für das laufende Jahr. Mit anderen Worten: Der Druck auf die Rentabilität hält an. Vergangenes Jahr war die operative Marge von 7,5 auf 6,1 Prozent zurückgerutscht. 2020 will man «mindestens 6 Prozent» erreichen. Mittelfristig aber hält Stadler am Ziel von 8 Prozent fest.

Der Margendruck hat mehrere Gründe: Investitionen in zukunftsträchtige Geschäftsfelder wie die Signaltechnik oder neue Antriebsmodelle wie Wasserstoff und Akku verschlingen erkleckliche Summen. Insgesamt hat Stadler 2019 fast 250 Millionen Franken investiert nach 188 Millionen im Vorjahr. Für 2020 sind laut Finanzchef Raphael Widmer «über 200 Millionen» budgetiert.

Probleme mit einem britischen Zulieferer

Hinzu kommen Mehrkosten im Zusammenhang mit dem englischen Grossauftrag von Greater Anglia für 58 Züge. Dieser stellt Stadler «vor besondere Herausforderungen in mehrfacher Hinsicht»: Einerseits liegt das Kamerasystem eines britischen Zulieferers unter den Erwartungen betreffend Leistungsfähigkeit und Stabilität.

Andererseits ist die Bahninfrastruktur in dieser Region in die Jahre gekommen. Das hat bei der Einführung der dieselelektrischen Züge des Typs Flirt zu Störungen geführt hat. Die Zulassung für diese bimodalen sowie für die rein elektrischen Triebzüge sei aber in Rekordzeit erreicht worden.

Ausbau in der Schweiz und in mehreren anderen Ländern

Drittens muss Stadler den rekordhohen Auftragseingang des vergangenen Jahres bewältigen. Um die Fülle der bestellten Fahrzeuge in der bewährten Qualität ausliefern zu können, muss man an mehreren Standorten die Kapazität erhöhen und speziell geschulte Fachkräfte aufbauen. Vergangenes Jahr ist Stadler in Vollzeitstellen gerechnet um 2044 Mitarbeitende oder um 23 Prozent gewachsen, auf 10'900 Beschäftigte im Jahresschnitt.

Stadler hat Aufträge wie noch nie

in Mio. Franken 2018 2019 Veränderung in %
Auftragseingang 4 389 5 117 17
Auftragsbestand 13 179 15 026 14
Umsatz 2 001 3 201 60
Betriebsergebnis 151 194 28
Reingewinn 119 129 8
Mitarbeiter 8 874 10 918 23

«Insbesondere die Einarbeitung der neuen Mitarbeitenden hat zu höheren Aufwänden bei einigen Aufträgen geführt», schreibt Stadler in der Mitteilung zur Jahresbilanz. Neben der Schweiz baut Stadler Kapazität und Personal vor allem in Deutschland, Spanien und Weissrussland aus.

Optimal gerüstet im St.Galler Rheintal

Nach wie vor ist die Schweiz mit über 3900 Mitarbeitenden die grösste Division der Gruppe. Vergangenes Jahr wurden hierzulande 500 neue Stellen geschaffen. In St.Margrethen hat das Unternehmen ein neues Werk errichtet, das momentan schrittweise den Löwenanteil der veralteten Fabrik in Altenrhein aufnimmt, die gut 1000 Angestellte hat.

Mit dem neuen Werk im St.Galler Rheintal habe Stadler «optimale Bedingungen geschaffen, um auch aus dem Hochlohnland Schweiz heraus in einem stark umkämpften Markt wettbewerbsfähig bleiben zu können». Insgesamt werden in St.Margrethen, verteilt über mehrere Jahre, 86 Millionen Franken investiert.

Präsentieren Zahlen und Ausblick: Stadler-Chef Thomas Ahlburg (links) und Finanzchef Raphael Widmer.

Präsentieren Zahlen und Ausblick: Stadler-Chef Thomas Ahlburg (links) und Finanzchef Raphael Widmer.

Bild: Urs Bucher

Im Weiteren ist am Standort Winterthur, wo Stadler Drehgestelle fertigt, der Bau einer neuen Montagehalle durch die Immobiliengesellschaft Intershop projektiert. Diese Halle will Stadler langfristig mieten und bis zu 50 neue Arbeitsplätze schaffen.

Ausbau des einstigen Problemstandorts Weissrussland

In weissrussischen Medien ist unterdessen zu lesen, was Stadler am Standort nahe der Hauptstadt Minsk, der einst gröbere Auslastungsprobleme hatte, vorhat. Demnach wird dort im April eine neue Fabrik zur Produktion von Stromrichtern eröffnet, die bereits Bestellungen aus mehreren Ländern habe.

Zudem soll am Standort die Produktionskapazität für Schienenfahrzeuge dieses Jahr um ein weiteres Viertel erhöht werden. Damit werden man nächstes Jahr 500 Wagen herstellen können nach 400 im laufenden Jahr und 300 bisher. Die Zahl der Mitarbeitenden soll von 1400 auf 1650 ausgebaut werden.

Mehr Loks, Metros, Strassenbahnen, Service und Signaltechnik

Punkto Portfolio ist Stadler daran, den Anteil der Züge zu verringern. Diese schlagen im rekordhohen Auftragsbestand von über 15 Milliarden Franken per ende Jahr noch mit 50 Prozent zu Buche nach 62 Prozent vor Jahresfrist. Dafür hat der Anteil an «strategischem Rollmaterial» - Lokomotiven, Metros sowie Strassen- und Stadtbahnen - von 12 auf 21 Prozent zugenommen.

Eine weitere Stossrichtung ist, das relativ margenstarke Servicegeschäft und die Signaltechnik kontinuierlich weiterzuentwickeln. In diesen Segmenten seien auch da und dort Zukäufe möglich.

Der Gotthardzug darf über die Grenze nach Italien fahren

Den gut 30'000 Aktionären schlägt Stadler eine Dividende von 120 Millionen Franken oder 1.20 Franken pro Aktie vor. Viele Teilhaber sind Kleinaktionäre; rund ein Fünftel besitzen weniger als 50 Aktien. Dominierender Aktionär ist Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler mit 39,9 Prozent.

Zieht die Fäden: Stadler-Patron Peter Spuhler.

Zieht die Fäden: Stadler-Patron Peter Spuhler.

Bild: Urs Bucher

Im Weiteren hat Stadler für den Gotthardzug Giruno, den die SBB für den Nord-Süd-Verkehr bestellt haben, die Zulassung für Italien erhalten. Demnach hat die Eisenbahnagentur der EU (ERA) dem Hochgeschwindigkeitszug die Genehmigung für Italien in Doppeltraktion erteilt. Vorgesehen ist, dass der Zug, der seit Mitte Dezember fahrplanmässig durch den Gotthard fährt, dereinst bis nach Mailand verkehrt. Die SBB haben bei Stadler 29 dieser Züge bestellt.

Corona-Virus hat bisher kaum Folgen

Betreffend Corona-Virus schreibt Stadler-Chef Thomas Ahlburg in der Präsentation, «bisher sehen wir lediglich limitierte Anzeichen negativer Einflüsse auf die Stabilität unserer Lieferkette». Jedoch befinde man sich noch in einer frühen Phase der Lagebeurteilung. Im abgeschotteten Bahnmarkt China ist Stadler nicht aktiv.

Ahlburg ergänzt, man habe bisher Rückmeldungen von weniger als zehn Zulieferern erhalten, wonach das Virus ihr Geschäft beeinträchtige. Darunter sind zum Beispiel Hersteller von Fahrgastinformationssystemen, auf deren Bildschirmen sich Passagiere in Zügen über Nachrichten, Zugverbindungen oder Haltestellen informieren können. Diese Zulieferer haben oft auch Werke in Asien, etwa in Taiwan oder China, wo ein Teil der Betriebe eingeschränkt sind oder Sendungen verzögert geliefert werden.

Stadler bleibt guten Mutes

Abgesehen davon zeigt sich Ahlburg für das Geschäft zuversichtlich. Die Bahnbranche profitiert von globalen Megatrends wie Urbanisierung, Klimawandel und zunehmendem Bedürfnis nach Mobilität. Das macht den Eisenbahnbau weniger zyklisch, also stabiler als andere Industrien. Zudem bleibe die Pipeline an Ausschreibungen gut gefüllt. Ahlburg nennt grosse Rollmaterialprojekte beispielsweise in Dänemark, Österreich, Spanien, Italien oder den USA.

Noch ausstehend ist eine erste Auslandbestellung für den Hochgeschwindigkeitszug, der bei Stadler Smile heisst. In Taiwan ist man dem Angebot einer Intercity-Version an der japanischen Hitachi gescheitert, und Mitte 2019 unterlag man mit einer Offerte für 33 Smile für die englische East Midlands Railway ebenfalls Hitachi. Diese fertigt die Züge im Nordosten Englands. Ahlburg äussert sich aber optimistisch, auch weil der SBB-Smile Giruno in absehbarer Zeit in Italien fahren wird.