Schweizer Wirtschaft wehrt sich gegen Lockdown – andere Länder versuchen so hingegen das Weihnachtsgeschäft zu retten

Vor einem zweiten Lockdown gelte es zuerst alle anderen Schutzmassnahmen zu ergreifen, sagt Volkswirtschaftsminister Guy Parmelin im Einklang mit Wirtschaftsvertretern. Ist das klug?

Daniel Zulauf
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Irland will sich die Freude an Weihnachten nicht vom Coronavirus verderben lassen und legt das öffentliche Leben deshalb bis Anfang Dezember still. Im Bild ist ein geschlossenes Pub in Dublin zu sehen.

Irland will sich die Freude an Weihnachten nicht vom Coronavirus verderben lassen und legt das öffentliche Leben deshalb bis Anfang Dezember still. Im Bild ist ein geschlossenes Pub in Dublin zu sehen.

Brian Lawless / AP

«Ein zweiter Lockdown ist auf jeden Fall zu verhindern.» Auf diesen Konsens verständigten sich Regierung und Wirtschaftsvertreter diese Woche am Runden Tisch, obschon die Covid-19-Fallzahlen seit Wochen stark zulegen und die Schweiz zu einem Infektionsherd in Europa geworden ist. Andere Länder haben die Strategie des Durchwurstelns unlängst aufgegeben – mit valablen Argumenten.

Irland will Weihnachten retten

In Irland ist das öffentliche Leben seit Mittwoch stillgelegt. Noch Anfang Monat hatte sich die Regierung in Dublin nach Kräften gegen eine entsprechende Empfehlung der nationalen Task-Force gewehrt. Der wirtschaftliche Schaden sei viel zu gross, begründete Premierminister Michéal Martin die seinerzeitige Präferenz für weichere Schutzmassnahmen. Am vergangenen Montag schwenkte die Regierung um. «Wenn wir uns in den kommenden sechs Wochen zusammenreissen, werden wir Weihnachten in einer sinnvollen Weise feiern können», erklärte Martin seinen Landsleuten den Entscheid in einer TV-Rede.

Pubs, Coiffeursalons, die meisten Läden und viele andere Betriebe bleiben bis Anfang Dezember geschlossen. Treffen mit Familienmitgliedern und Freunden ausserhalb des eigenen Haushaltes sind praktisch nicht mehr möglich. Der Ausgangsradius ums eigene Haus beträgt fünf Kilometer. Wer weiter will, braucht einen guten Grund – zum Beispiel den Weg zur Arbeit. Baustellen bleiben im Unterschied zum ersten Lockdown geöffnet. Die meisten Fabriken sollen weiter produzieren dürfen. Auch die Schulen bleiben geöffnet. Dennoch rechnet das 5-Millionen-Einwohner-Land mit bis zu 200'000 Arbeitslosen. Ein Schock für viele, die nach dem ersten Lockdown im Frühjahr erst vor kurzer Zeit wieder eine Arbeit aufnehmen konnten.

Die irische Geschäftswelt heult auf. Die «Irish Times» zitiert die Kritik von Verbandsvertretern mit Worten wie «unerklärlich», «wirtschaftlich unvernünftig», «unangemessen» oder «nicht tolerierbar». Für Arnold Dillon, Direktor des Verbandes irischer Detailhändler spricht von einem «grossen Schock». Es gäbe keine Evidenz dafür, dass Covid-19 im Handel übertragen werden, schimpft der Lobbyist.

Schweizer Detailhändler wollen anderen Weg

Für Dagmar Jenni, Geschäftsführerin von «Swiss Retail», ist der irische Weg schlicht «keine Option». Nach Berechnungen des Verbandes kostet die Schliessung des stationären Schweizer Non-Food-Handels bis zu 800 Millionen Franken pro Woche. «Die finanziellen Reserven vieler Geschäfte sind seit dem ersten Lockdown aufgezehrt», sagt sie. «Wir müssten mit einer Konkurswelle rechnen.» Eine zusätzliche Bemerkung Jennis lässt indessen aufhorchen: «Ein Lockdown hätte massive Folgen und wäre in den letzten sechs Wochen des Jahres geradezu fatal. Tatsächlich erzielen manche Händler bis zu 50 Prozent ihres Jahresumsatzes in der Vorweihnachtszeit. Es ist die Zeit der grossen Shopping-Events: «Black Friday» und «Singles Day» locken in gewöhnlich Hunderttausende von Rabattjägern in die Läden.

«Der Gedanke mag für einige naheliegen, das Virus jetzt und nicht erst später frontal anzugreifen», meint Jenni. Trotzdem schliesst sie den Lockdown kategorisch aus: «Für uns keine valide Option». Auch von der Idee, den wirtschaftlichen Schaden durch einen Mini-Lockdown zu begrenzen, hält sie wenig. «Frühere Bestellungen werden auch dann ausgeliefert, wenn Ladenlokale geschlossen sind. Die neue Ware muss gelagert werden - allenfalls über das durch Mode und Saison bestimmte Zeitfenster hinaus.» Trotzdem weiss die Verbandsfunktionärin: «Wir müssen auf alles vorbereitet sein.»

Tatsächlich ist der Mini-Lockdown eine Variante, die aktuell in der Covid-19-Task-Force des Bundesrates intensiv zur Sprache kommt. Sie könnte eine jener «einschneidenden Massnahmen» werden, die Gesundheitsminister Alain Berset für kommenden Mittwoch in Aussicht stellte, wenn die Infektionszahlen bis dahin nicht sinken. Bei der aktuellen Entwicklung der Fallzahlen seien die Kapazitäten für Intensivpflege in den Spitälern in vier Wochen erschöpft, warnte Task-Force-Leiter Martin Ackermann im Radio.

Deshalb dürfte auch hierzulande zumindest im Geheimen mancher Wirtschaftsvertreter denken, was der irische Regierungschef am Montag deutlich auszusprechen wagte: Wenn schon ein Lockdown, dann besser jetzt als später. Seit Freitag ist in Wales ein zweiwöchiger Mini-Lockdown in Kraft. Gewiss, die unterfinanzierten Spitäler in Grossbritannien zwingen die dortigen Behörden schneller zu handeln. Doch dies könnte sich am Ende auch für die Schweiz als klügere Methode erweisen – umso mehr, als das zunehmende Infektionsrisiko im öffentlichen Raum vielen Konsumenten den Spass am Einkaufen ohnehin verdirbt. Nebst Irland und Wales hat diese Woche auch Tschechien einen Lockdown beschlossen. Die Slowakei denkt noch darüber nach.