Schweizer sind nicht mehr von der Rolle: Beim WC-Papier ist alles wieder ganz normal

Hamsterkäufe von WC-Papier wurden zu einem Kennzeichen des Lockdowns. Philosophinnen und Verhaltensökonomen arbeiteten sich daran ab. Jetzt haben sich die Verkaufszahlen in der Schweiz wieder normalisiert. Die Vorräte sind offenbar aufgebraucht.

Frederic Härri
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Hamsterkäufe von Toilettenpapier, wie hier in Lausanne, wurden zum Symbol des Lockdowns.

Hamsterkäufe von Toilettenpapier, wie hier in Lausanne, wurden zum Symbol des Lockdowns.

Quelle: Jean-Christophe Bott/Keystone

46. So viele Rollen WC-Papier braucht jeder Schweizer im Jahr. Diese Zahl ist konstant, was auch bedeutet, dass die Detailhändler immer mehr oder weniger gleich viele Packungen Klopapier verkaufen. 330 Millionen Rollen werden jährlich, 6 Millionen Rollen wöchentlich an den Mann und die Frau gebracht. Diese Formel schien sich auch 2020 wieder zu bewahrheiten. Dann legte sich auf einmal die Coronapandemie übers Land. Im März, spätestens als der Bundesrat das Schweizer Volk in den Lockdown schickte, ist der Absatz explodiert.

Egal ob 12er-, 24er- oder 36er-Packung, egal ob jung oder alt: Schweizweit stapelten Menschen Toilettenpapier in ihre Einkaufswägen. Im Internet kursierten Fotos von leer gefegten Regalen und von Schildern, die sagten:

«Nur eine Packung pro Einkauf!»

Hersteller fuhren die Produktion hoch und liessen die Maschinen Überstunden schieben. Doch selbst Hugo ter Braak, der Chef des grössten Schweizer WC-Papier-Produzenten Kimberly-Clark mit Sitz in Niederbipp BE, appellierte an die Vernunft der Bevölkerung: «Durch rücksichtsvolles Einkaufen können wir alle unseren Teil dazu beitragen, dass jeder Zugang zu genügend Toilettenpapier hat», sagte er Ende März gegenüber dem «Blick».

Einkaufwagen wurden mit Klopapier beladen.

Einkaufwagen wurden mit Klopapier beladen.

Keystone

Das Hamstern von Klopapier verkam zum Symbol des Lockdowns, wenn man so will. Eines, das für kollektives Kopfschütteln sorgte und Gegenstand soziokultureller Forschung wurde. Verhaltensökonom Bruno S. Frey versuchte sich in einem Interview mit dieser Zeitung an einer Erklärung: «Wenn erst mal Leute beginnen, ein bestimmtes Produkt zu horten, gibt es einen Ansteckungseffekt», sagte er. «Menschen tun, was andere auch tun.»

Verkäufe bei Coop und Migros nehmen ab

Irgendwann aber verlor das Phänomen seine Anziehungskraft, weil auch die gierigsten Hamsterer unter uns genügend WC-Papier zusammengerafft hatten. Die Nachfrage nach Toilettenpapier habe sich mittlerweile auf einem höheren Niveau stabilisiert, heisst es bei Coop. Auch bei Migros liegen die Verkaufswerte nach den Rekordverkäufen im Frühling nur noch leicht über den Werten des Vorjahres, sagt ein Sprecher, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Das Hamstern, so scheint es, hat sein Ende gefunden.

Für viele wird es jetzt sogar Zeit, neues WC-Papier kaufen zu gehen. Denn die Vorräte, die sich die Konsumentinnen und Konsumenten im Lockdown angelegt hatten, sind langsam aber sicher verbraucht. Zu diesem Schluss kommt die Analyse eines deutschen Marktforschungsunternehmens, deren Ergebnisse in der aktuellen «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» vorgestellt werden.

Demnach wurden in Deutschland von Anfang Januar bis Ende Juni 1,527 Milliarden Rollen Klopapier verkauft. 2019 waren es zum gleichen Zeitpunkt 1,5 Milliarden Rollen. Angenommen, dass der jährliche Verbrauch weitgehend gleich bleibt, haben die Deutschen also 27 Millionen Rollen zu viel auf Lager. Weil in den vergangenen Wochen jeweils zehn Millionen Rollen weniger gekauft wurden als im Vorjahrszeitraum, bilanziert die Analyse, dass das überschüssige WC-Papier letzte Woche aufgebraucht wurde.

Geht der Schweiz das Klopapier aus?

Geht der Schweiz das Klopapier aus?

Keystone

Gut vorstellbar also, dass bald auch hierzulande die finale Rolle Klopapier an die Halterung gehängt wird, auch wenn entsprechende Analysen dazu fehlen. Aufs Jahr gesehen würden sich die Käufe wieder einpendeln, sagt ein Vertreter des Verbands Deutscher Papierfabriken in der «FAS» voraus. Das ist in der Schweiz grundsätzlich nicht anders als in Deutschland. Und so kommt der Schweizer bis Ende Dezember wohl wieder auf seine alljährlichen 46 Rollen.

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