Nachfolge von Gottfried Locher: Frauen drängen an die Spitze der Reformierten – erste Pfarrerin kündigt Kandidatur an

Die Zürcher Pfarrerin Rita Famos will für die Nachfolge von Gottfried Locher kandidieren. Auch innerhalb der Kirche wird der Ruf nach einer Frau laut.

Lucien Fluri
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Rita Famos will Nachfolgerin von Gottfried Locher an der Spitze der Reformierten Kirche Schweiz werden.

Rita Famos will Nachfolgerin von Gottfried Locher an der Spitze der Reformierten Kirche Schweiz werden.

Claudio Thoma

Bald wird sich das Geheimnis lüften, wer künftig an der Spitze der Reformierten Kirche Schweiz stehen soll. Bis Mitte September können Kandidaturen eingereicht werden. Im November dann wird der oder die neue Kirchenratspräsidentin gewählt.

Wer die Kandidatur wagt, tritt in der Nachfolge von Gottfried Locher kein einfaches Amt an. Die Kirchenorganisation wurde durchgeschüttelt, seit der oberste Protestant im Mai wegen Vorwürfen der Grenzverletzung zurücktreten musste. Die Chancen stehen gut, dass die Reformierten erstmals in ihrer Geschichte eine Frau an die Spitze wählen. Eine Frau könnte nach der Ära des machtbewussten Patriarchen Locher nicht nur den notwendigen Aufbruch symbolisieren. Insbesondere hat die reformierte Kirche auch mehrere Frauen in ihren Reihen, denen das Amt zugetraut wird.

Zürcher Pfarrerin Famos will antreten

Gestern nun hat sich denn auch die erste Kandidatin vorgewagt: Die Zürcher Pfarrerin Rita Famos will kandidieren. Die Zürcher Landeskirche portiert die 54-Jährige offiziell. Sie war bereits 2018 gegen Gottfried Locher angetreten. Ihr wird Dialogfähigkeit und der Einsatz für Gleichberechtigung attestiert. Die Kirche müsse sich "gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen stellen", sagt Famos. In ihr sollten "gesamtgesellschaftliche und kirchliche Herausforderungen definiert, diskutiert und weiterentwickelt werden."

Auch innerhalb der Kirche wird deshalb der Ruf nach einer Frau laut. So sagt der Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg: «Die Zeit ist reif für eine Frau oder für eine Westschweizer Kandidatur.» Dies sei für ihn bereits klar gewesen, noch bevor sich Lochers Rücktritt abzeichnete.

«Kein weiterer Deutschschweizer Mann Mitte 50»

Zwar fällt auch Weber-Bergs Name immer wieder, hat er doch in der Causa Locher für Aufklärung gesorgt. Doch er stellt klar: «Ich stehe nicht zur Verfügung.» Das Amt wäre zwar interessant. Es sei aber nicht die Zeit für einen «weiteren Deutschschweizer Mann Mitte 50». Wichtig ist für den Aargauer: «Es braucht eine starke Persönlichkeit, die als Brückenbauer Gräben zuschütten kann.»

Eine Überraschungswahl wäre die 40-jährige Sibylle Forrer, bekannt vom «Wort zum Sonntag» am Fernsehen. Sie repräsentiert eine moderne Kirche: Forrer ist auf Twitter präsent, ihre Statements gelten als «erfrischend». Mit der Portierung von Famos ist allerdings bereits eine Zürcherin im Rennen.

Lochers Vize will nicht

Aus dem Rennen nimmt sich die perfekt zweisprachige Esther Gaillard, die als Lochers Stellvertreterin derzeit die Geschäfte führt und in der Waadt lebt. Die Ratsvizepräsidentin hält aber fest: «Es wäre die Reihe an einer Westschweizer Kandidatur.» Allerdings gestalte es sich derzeit schwierig, in der Romandie Kandidaten zu finden. Für Gaillard ist wichtig: Es brauche eine Person, die «nicht abgehoben handelt, sondern nahe bei den Leuten eine Kirche mit Herz vertritt».

Erstaunt ist Gaillard, dass das Büro der Synode weder ein Anforderungsprofil noch ein Pflichtenheft für die Ratspräsidentschaft diskutiert hat.

Fall Locher noch nicht abgeschlossen.

Nach wie vor ist eine Zürcher Anwaltskanzlei damit beschäftigt, die Vorwürfe gegen Locher zu untersuchen. Sie wird erste Ergebnisse präsentieren, wenn sich das reformierte Kirchenparlament in gut einer Woche zu einer ausserordentlichen Synode trifft. Bei der Untersuchung geht es nicht nur um die Vorwürfe gegen Locher. Untersucht werden auch weitere Vorfälle, die die Kirchenspitze ins Wanken brauchte. So hatte Locher eine heimliche Affäre mit einem anderen Exekutivmitglied der Kirche. Auch diese Frau hat die Kirchenspitze im Frühling verlassen. «Wir haben uns sehr lange um uns gedreht. Nun muss kirchliches Handeln im Vordergrund stehen», sagt ein Kircheninsider mit Blick auf die anstehenden Wahlen.