Big in New York: Wie ein Waadtländer Alpkäse im Big Apple Karriere macht – und die Welschen sich wundern

Die «New York Times» empfiehlt den L'Etivaz AOP als besten Raclettekäse. In der Romandie reibt man sich die Augen. Dabei wüsste man auf den Waadtländer Alpen schon lange, dass der würzige Alpkäse auch geschmolzen gut schmeckt. 

Peter Walthard
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Der L'Etivaz AOP schmeckt den New Yorkern.

Der L'Etivaz AOP schmeckt den New Yorkern.

Bild: Schweizerkäse.ch 

Es ist ein rezenter Alpkäse, hart, gut gesalzen, urchig: Der L'Etivaz aus den Waadtländer Alpen, eigens mit der Herkunftsbezeichnung AOP geschützt. Gerne lässt man ihn reifen, bis zu 30 Monate, um daraus einen herben Hobelkäse zu gewinnen. Eher weniger eignet er sich, so weiss man in der Romandie, für Raclette. 

Weit weg vom Raclettegürtel gilt die Meinung der Westschweizer Puristen wenig. Und so startet der urchige Alpkäse ausgerechnet in New York eine zweite Karriere: Als «perfect cheese for raclette», wie die mondäne «New York Times» ihren Lesern empfiehlt. Sie lobt das nussige und fruchtige Aroma des Käses, den sie, sehr zum Leidwesen eines jeden aufrechten Freiburgers, als einen Gruyère vorstellt. 

In der Romandie ist man verwundert, sogar ein bisschen schockiert. Erstens sei der L'Etivaz vom Geschmack her viel zu stark für ein Raclette, warf sich «Le Temps»-Chefredaktor Gaël Hurlimann auf seinem Twitter-Account gleich nach dem Lesen des NYT-Artikels in die Schlacht. Ausserdem sei der L'Etivaz nun alles andere als ein Gruyère: «Das allein ist Grund für eine diplomatische Krise.» Während die Westschweizer Twittersphäre aufgeregt diskutierte, schickte der Chefredaktor seine Journalistin Chams Iaz auf Recherche ins Pays d'Enhaut .

«Le Temps» widmet dem Thema nun einen ausführlichen Artikel. Darin zu Wort kommt auch Mélanie Ziörjen, auf deren Alp der in der «New York Times» gefeierte «Gruyère L'Etivaz» 2018 produziert worden ist. Dass die Amerikaner aus ihrem Alpkäse Raclette machen, findet sie, so berichtet Chams Iaz: «interessant.» 

Nach einigem Nachdenken räumt die Älplerin dann aber ein, dass die Idee vielleicht doch nicht so abwegig sei. Auf den Waadtländer Alpen komme es nämlich schon mal vor, dass man einen L'Etivaz  am offenen Feuer zergehen lasse. 

Vielleicht haben die Waadtländer also einfach nur vergessen, dass sie mit L'Etivaz-Raclette eine ehrenwerte kulinarische Tradition vorzuweisen hätten. Nun darf man gespannt sein, wie die Käseproduzenten vom Pays d'Enhaut die Geschichte weiter drehen. Zumindest den Deutschschweizern liesse sich ein L'Etivaz-Raclette vielleicht tatsächlich andrehen.