Aymeric Laporte
Die verrückte Einbürgerungsgeschichte des spanischen Verteidigers

Erst Mitte Mai erhielt Aymeric Laporte die spanische Staatsbürgerschaft. Der Innenverteidiger kämpft nun mit Spanien um den Einzug in den Halbfinal.

Gabriel Vilares
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Aymeric Laporte erzielte im letzten EM-Gruppenspiel gegen die Slowakei sein erstes Tor für die «Furia Roja».

Aymeric Laporte erzielte im letzten EM-Gruppenspiel gegen die Slowakei sein erstes Tor für die «Furia Roja».

David Ramos / Pool / EPA

«Fühlst du dich gänzlich als Spanier, um eine Nation, Hymne und Flagge zu verteidigen?» Nach dieser Frage eines spanischen Journalisten kurz vor dem EM-Start musste Aymeric Laporte tief durchatmen, bevor er antwortete: «Uff, was für eine Frage, nicht?», so der verdutzte Innenverteidiger, der bei Manchester City unter Vertrag steht. Spanier oder nicht Spanier, das ist hier die Frage.

Aymeric Jean Louis Gerard Alphonse Laporte kommt am 27. Mai 1994 in Agen im Südwesten Frankreichs zur Welt. Im Alter von 15 Jahren zieht er aus dem Elternhaus und wechselt in die Nachwuchsabteilung von Athletic Bilbao. Seine Heimatstadt und Bilbao sind knapp vier Autofahrtstunden voneinander getrennt. Der Wechsel klappt nur, weil seine Onkel auf väterlicher Seite im französischen Baskenland leben. Seine Grosseltern sind ebenfalls Basken. Der Traditionsverein der höchsten spanischen Fussball-Liga setzt nämlich lediglich Spieler ein, die eine baskische Identität besitzen.

«Habe viel geweint»

Der 27-Jährige erinnert sich im Interview mit «El Correo» an den Moment, als er als 15-Jähriger den Entschluss fasste, Frankreich den Rücken zu kehren und alles auf die Karte Fussball zu setzen: «Es war sehr hart. Ich habe meine Eltern jeden Tag via Skype angerufen, habe viel geweint und es ging mir schlecht. Wenn am Schluss alles für die Katz gewesen wäre, dann hätte ich die damalige Entscheidung bereut.» Laporte schaffte den Sprung in die Profi-Mannschaft und debütierte im November 2012 in der Europa League gegen den israelischen Vertreter Ironi Kiryat Shmona.

Aymeric Laporte (am Ball) im Trikot von Athletic Bilbao bei einem Testspiel 2017 gegen den FC Basel.

Aymeric Laporte (am Ball) im Trikot von Athletic Bilbao bei einem Testspiel 2017 gegen den FC Basel.

Keystone

Insgesamt sechs Jahre spielte er für Bilbao bis er im Januar 2018 für eine Ablösesumme von 65 Mio. Euro zu Manchester City wechselt. In der französischen Jugend-Nationalmannschaft bestreitet der Verteidiger über 50 Spiele, wird gar dreimal für die A-Nati der «Équipe Tricolore» aufgeboten, kommt aber nie zu einem Einsatz. Das ruft den spanischen Nati-Coach Luis Enrique auf den Plan. Der Spielstil des Innenverteidigers passt zur Fussballidee vom Trainer, der Laporte von einer Einbürgerung überzeugt. Dann geht es rasch: Erst Mitte Mai dieses Jahres, quasi in letzter Minute, erhält der Verteidiger die spanische Staatsbürgerschaft im Schnellverfahren.

Keine Antwort von Didier Deschamps

«Ich war schon seit Jahren mit dem spanischen Verband in Kontakt», verrät Laporte in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung». Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen, aber «am Ende war für mich immer klar, dass ich bei denen sein will, die mich wollen, und nicht bei denen, die mich nicht wollen.» Er habe vor sechs Monaten Didier Deschamps, dem Trainer von «Les Bleus», eine Nachricht geschrieben. «Keine Antwort. Nach allem, was passiert war, hatte ich nicht den Eindruck, dass ich so wichtig für die Franzosen war.»

Laporte (vorne) im Trikot der Skyblues im Duell mit Heung-Min Son.

Laporte (vorne) im Trikot der Skyblues im Duell mit Heung-Min Son.

Keystone

Ganz heiss wäre es für Laporte geworden, wenn im Viertelfinal sein Geburtsland als Gegner gewartet hätte. Dieses Duell kommt aus Schweizer Sicht glücklicherweise nicht zustande.

Zurück zur Einstiegsfrage des spanischen Journalisten, ob sich der Skyblues-Verteidiger gänzlich als Spanier fühle: «Das ist eine ziemlich happige Frage. Ich bin hier, um auf dem höchsten Level zu spielen. Mein Ziel ist das Gleiche wie das spanische: jeden Wettkampf zu gewinnen. Niemand muss daran zweifeln, dass ich alles für dieses Nationalteam geben werde.»

Im Achtelfinal gegen Kroatien bestritt Laporte sein fünftes Spiel für die Spanier. Bei der EM spielte er alle vier Spiele durch und ist damit neben Torhüter Unai Simón und Mittelfeldstartege Pedri der Einzige im Team. Gegen die Slowakei gelang dem Innenverteidiger gar ein Tor per Kopf. Sein Jubelschrei in den Nachthimmel von Sevilla lautet nicht etwa «Allez!», sondern «Vamos!».

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